Der Nahostkonflikt ist längst mehr als ein regionales Militärgeschehen. Sein wirtschaftlicher Schatten reicht von deutschen Wohnzimmern über japanische Fabriken bis in die Armenviertel indischer Industriestädte – und zwingt Zentralbanken rund um den Globus zu schwierigen Abwägungen.
Verbraucher unter Druck – von Frankfurt bis Tokio
In Deutschland zeigt das Konsumklima erste zaghafte Erholungszeichen. Das Barometer des Nürnberger Instituts für Marktentscheidungen (NIM) stieg für Juni auf -29,8 Punkte, nach revidiert -33,1 Punkten im Mai. Besonders die Einkommenserwartungen holten deutlich auf: von -24,4 auf -13,0 Punkte. NIM-Experte Rolf Bürkl mahnt jedoch zur Vorsicht – „der negative Einfluss des Konflikts im Nahen Osten bleibt im Wesentlichen unverändert sichtbar.“ Die Kaufbereitschaft bleibt gedämpft, die Sparneigung hoch.
Ein ähnliches Bild zeichnet sich in Japan ab, allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Die Kerninflation fiel im April auf 1,4 Prozent – ein Vier-Jahres-Tief – weil staatliche Energiesubventionen die Verbraucher vorerst abschirmen. Doch der Preisdruck baut sich im Hintergrund auf. Die Erzeugerpreise stiegen zuletzt so stark wie seit drei Jahren nicht mehr, da der Konflikt Energie- und Rohstoffkosten in die Höhe treibt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Kosten bei den Konsumenten ankommen.
Zentralbanken im Dilemma
Die Bank of Japan steht vor einem klassischen Dilemma: Steigende Energiepreise heizen die Inflation an, gefährden aber gleichzeitig das Wachstum eines rohstoffarmen Landes. Dennoch gilt eine Zinserhöhung auf 1,0 Prozent im Juni als weitgehend ausgemacht. Der Ölpreisschock durch die de-facto-Blockade der Straße von Hormuz – Durchgangskanal für rund ein Fünftel des globalen Öl- und Gashandels – hat die Planungen der Notenbank durcheinandergewirbelt.
Noch komplizierter ist die Lage in Indien. Die Rupie ist seit Kriegsbeginn Ende Februar um fast 6 Prozent gefallen und markierte mit knapp 97 Rupien je Dollar ein Rekordtief. Die Märkte wetten auf mindestens 40 Basispunkte Zinserhöhung in den nächsten drei Monaten. Die Reserve Bank of India (RBI) denkt jedoch anders. Laut mit der Lage vertrauten Quellen will die Notenbank die Zinsen nicht zur Währungsverteidigung einsetzen – denn das würde eine stark exportabhängige Wirtschaft mit ohnehin schwächelndem Wachstum zusätzlich belasten. Stattdessen prüft die RBI Alternativen wie Dollar-Einlagenprogramme für Auslandsinder. Die nächste Zinsentscheidung fällt am 5. Juni.
Neuseelands Zentralbank hingegen dürfte am 27. Mai die Zinsen vorerst bei 2,25 Prozent belassen – doch eine knappe Mehrheit der in einer Reuters-Umfrage befragten Ökonomen erwartet bis Ende des dritten Quartals mindestens eine Erhöhung. Die australische Schwesternotenbank hat bereits dreimal in diesem Jahr angehoben. „Die Risiken für den Inflationsausblick sind stark nach oben verzerrt“, sagt Nick Tuffley, Chefvolkswirt der ASB Bank.
Indien: Ein Arbeitsmarkt unter Beschuss
Die menschlichen Kosten des Krieges sind in Indien besonders greifbar. Rund 9 Millionen Inder arbeiten in den Golfstaaten – und viele von ihnen kommen derzeit unfreiwillig nach Hause. Das Wirtschaftswachstum der Golfregion soll laut Weltbank von 4,4 Prozent im Jahr 2025 auf 1,3 Prozent 2026 einbrechen.
Mohammad Qureshi, 32, verdiente in Saudi-Arabien rund 30.000 Rupien monatlich. Heute steht er am Teestand seiner Cousins in Kanpur und verdient ein Drittel davon. „Das Leben in Saudi war leicht, das Geld gut“, sagt er. „Hier ist das Leben schwer.“
Gleichzeitig leidet Indiens Exportwirtschaft. In Kanpur – verantwortlich für rund ein Viertel der indischen Lederexporte im Wert von 6 Milliarden Dollar jährlich – läuft die Fabrik von Taj Alam auf halber Kapazität. Statt 500 Arbeitern beschäftigt er noch 250. „Die Aussichten bleiben düster, bis sich die Lage an der Straße von Hormuz stabilisiert“, sagt er.
Indiens Arbeitslosenquote stieg im April auf 5,2 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit in Städten liegt bei fast 14 Prozent. Jedes Jahr drängen 6 bis 7 Millionen junge Menschen neu auf den Arbeitsmarkt.
Handel und Diplomatie im Spannungsfeld
In Suzhou versuchen die Handelsdiplomaten der APEC-Region, den Schaden einzugrenzen. Die 21 Mitgliedsstaaten, die zusammen fast die Hälfte des globalen Handels ausmachen, beraten über Lieferkettenstabilität, Handelsungleichgewichte und digitalen Handel. China hatte zuletzt einen Rekordhandelsüberschuss von fast 1,2 Billionen Dollar erzielt – ein Thema, das die G7 nur Tage zuvor als „nicht nachhaltig“ bezeichnet hatten.
Chinas Handelsvertreter Li Chenggang rief zur Zusammenarbeit auf: „Je turbulenter die Zeiten, desto mehr müssen wir Gemeinsamkeiten suchen und gemeinsam Schwierigkeiten überwinden.“ Am Rande der Konferenz sorgt das Erscheinen des japanischen Handelsministers Ryosei Akazawa für Aufmerksamkeit – er ist der ranghöchste japanische Beamte, der China seit einem Diplomatiestreit im November besucht.
Märkte zwischen Hoffnung und Realität
An den Finanzmärkten dominierten zuletzt Friedenshoffnungen. Ölpreise gaben nach, Aktien legten zu: US-Rohöl fiel auf 96,35 Dollar, Brent auf 102,58 Dollar. Der Dow Jones stieg um 0,55 Prozent, der S&P 500 um 0,17 Prozent. Ein US-Außenministeriumssprecher sprach von „guten Zeichen“ – doch konkrete Fortschritte bei den Kernstreitpunkten, dem iranischen Urananreicherungsprogramm und der Kontrolle über die Straße von Hormuz, sind bislang ausgeblieben.
Die Weltwirtschaft hat sich arrangiert mit dem Krieg als Dauerzustand. Ob diese Anpassung trägt, wenn der Konflikt weitere Monate anhält, ist die eigentliche offene Frage.
