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Iran-Krieg erschüttert Weltwirtschaft

Der Iran-Krieg blockiert die Straße von Hormuz, treibt Energiepreise und gefährdet Millionen Jobs in Europa.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Bis zu 1,3 Millionen Jobs in Europa bedroht
  • EZB plant Zinserhöhung auf 2,25 Prozent
  • Saudi-Arabien profitiert von alternativen Exportrouten
  • USA erwägen neue Importzölle auf 60 Länder

Der Iran-Krieg legt offen, wie eng verwundbar die globale Wirtschaft mit einem einzigen Meeresengpass verknüpft ist. Die Folgen des Konflikts reichen von drohenden Massenentlassungen in Europa über Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank bis hin zur Neuausrichtung ganzer Volkswirtschaften — und zwingen selbst den IWF zur Neuverhandlung seiner Kreditprogramme.

Europa zwischen Inflation und Jobverlust

Die Zahlen sind alarmierend. Die EU-Kommission warnt, dass allein in diesem Jahr bis zu 1,3 Millionen Stellen in energieintensiven Branchen wegfallen könnten — Automobil, Bau, Metall, Chemie, Transport. Besonders hart trifft es die Autoindustrie: bis zu 600.000 Jobs stehen auf dem Spiel. Gleichzeitig drohen einkommensschwachen Haushalten Mehrkosten von 1,4 Prozent des Einkommens allein für Kraftstoff.

Die Ursache ist bekannt: Der Strait of Hormuz ist seit Ausbruch des Konflikts weitgehend blockiert. Rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssiggaslieferungen passierte bislang diesen Engpass. Dass Iran den Durchgang nur noch selektiv erlaubt, treibt die Energiepreise nach oben — mit direkten Folgen für Inflation und Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen.

Die EZB reagiert. Laut einer Reuters-Umfrage unter 80 Ökonomen erwarten mehr als 90 Prozent eine Zinserhöhung auf 2,25 Prozent am 11. Juni — gefolgt von einem weiteren Schritt im September. Die Inflation im Euroraum liegt mit 3,2 Prozent im Mai bereits über dem Zielkorridor, die Kerninflation stieg überraschend stark auf 2,5 Prozent.

Das Dilemma ist real. Eine schwächelnde Wirtschaft — das Euroraum-PMI fiel im Mai auf 47,5 — verträgt eigentlich keine Zinserhöhungen. Zwei Drittel der befragten Ökonomen sehen ein erhöhtes Stagflationsrisiko. UBS prognostiziert Eurozonen-Wachstum von nur noch 0,8 Prozent in 2026, nach 1,3 Prozent vor dem Konflikt. Die Bank erwartet zwar Zinssenkungen — aber erst 2027, wenn der Energiepreisschock abklingt.

Saudi-Arabien: Krisengewinner mit Schrammen

Während Europa leidet, zeigt sich Saudi-Arabien erstaunlich widerstandsfähig. Ein Besuch in Riad vermittelt das Gefühl, dass der Geschäftsbetrieb normal weiterläuft: Restaurants gefüllt, Unternehmen planen Expansion. Die nicht-ölgebundene Privatwirtschaft wuchs im Mai so schnell wie seit drei Monaten nicht — angetrieben von stärkerer Binnennachfrage und stabileren Lieferketten.

Der Schlüssel liegt in der geografischen Lage. Saudi-Arabien kann sein Rohöl über Rote-Meer-Häfen exportieren und umgeht damit die blockierte Straße von Hormuz. Aramco-Chef Amin Nasser bezeichnete diese Route als „kritische Lebensader“. Höhere Ölpreise gleichen sinkende Exportvolumina mehr als aus — der IWF prognostiziert 3,1 Prozent Wachstum für 2026, während Nachbarländer wie Qatar, Bahrain und Kuwait schrumpfen.

Kapital fließt ebenfalls in Richtung Riad. Investmentberater beobachten eine Beschleunigung bei Fondsgründungen und verstärkte Anfragen von lokalem Kapital. Viele Anleger repatriieren Gelder aus anderen Golf-Staaten — Flucht in die Sicherheit. Hotelbelegungsraten stiegen auf 66,3 Prozent im ersten Quartal, während Dubai auf rund 10 Prozent abstürzte.

Dennoch bleibt das Bild nicht makellos. Das Königreich meldete ein Haushaltsdefizit von 33,5 Milliarden Dollar im ersten Quartal — deutlich über den Erwartungen. Iranische Drohnen und Raketen haben Ölinfrastruktur getroffen. Und das Wirtschaftswachstum schrumpfte im ersten Quartal gegenüber dem Vorquartal um 1,5 Prozent.

Geopolitische Antworten: Marine und Zölle

Die EU sucht nach Wegen, die Energieversorgung langfristig abzusichern. Ein internes Dokument des Europäischen Auswärtigen Diensts schlägt vor, die Aspides-Marinemission — ursprünglich zum Schutz vor Huthi-Angriffen im Roten Meer eingerichtet — auf die Minenräumung im Hormuz-Gebiet auszuweiten, sobald die Lage es erlaubt. Frankreich und Großbritannien führen eine entsprechende Koalition an. Einstimmigkeit aller 27 EU-Mitglieder wäre nötig — noch fehlt selbst Konsens darüber, ob Iran überhaupt Minen gelegt hat.

Washington wählt andere Mittel. Die Trump-Regierung schlägt neue Zölle von bis zu 12,5 Prozent auf Importe aus 60 Ländern vor — darunter die EU, Deutschland indirekt inbegriffen, Großbritannien, Kanada und Bangladesch. Begründung: mangelnde Bekämpfung von Zwangsarbeit in Lieferketten. Europa weist die Vorwürfe als „absolut absurd“ zurück. Der Zeitpunkt ist heikel: Die EU-Kommission betont ihr Bekenntnis zum im vergangenen Jahr ausgehandelten Handelsabkommen mit Washington, das Zölle von 15 Prozent auf breite Warenkategorien festlegt.

Bangladeschs Kurskorrektur beim IWF

Auch auf Länderebene zeichnen sich Neujustierungen ab. Bangladesch verlässt sein laufendes 5,5-Milliarden-Dollar-Programm mit dem IWF vorzeitig und verhandelt ein neues Abkommen. Die Regierung verweist auf veränderte wirtschaftliche Realitäten: anhaltende Inflation, geringeres Wachstum, externe Schocks — darunter Volatilität an den globalen Energiemärkten, mitverursacht durch den Nahost-Konflikt. „Was wir wollen, ist eine realistische und phasenweise Reformagenda“, sagte der Finanzberater des Premierministers.

Anleihen unter KI-Druck

Abseits der geopolitischen Turbulenzen bewegt ein anderer Faktor die Kapitalmärkte: der KI-Boom. Technologiekonzerne wie Meta und Oracle haben in diesem Jahr allein 250 Milliarden Dollar an Schulden aufgenommen, schätzt Morgan Stanley. Der Finanzierungsbedarf für Rechenzentren und Infrastruktur treibt langfristige Renditen — 30-jährige US-Staatsanleihen erreichten im Mai den höchsten Stand seit 2007. KI-bezogene Emissionen machen laut Ökonomen der Federal Reserve Bank of Dallas rund 15 Prozent der gesamten Duration am Anleihemarkt aus. Ein überraschend großer Faktor, der in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen dürfte.

Der Konflikt um den Hormuz-Engpass wirkt wie ein Beschleuniger: Er verstärkt bestehende Ungleichgewichte, zwingt Institutionen zur Neuausrichtung und schiebt die Kosten auf jene, die sich am wenigsten schützen können.

Eduard Altmann

Eduard Altmann ist Finanzexperte mit über 25 Jahren Erfahrung an den globalen Finanzmärkten. Als Analyst und Autor beim VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft spezialisiert er sich auf Aktienmärkte, Gold, Silber, Rohstoffe und den Euro.

Altmann ist überzeugter Verfechter des Value-Investing und identifiziert unterbewertete Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial. Sein Börsendienst "Megatrend-Depot" vermittelt praxisnahe Strategien erfolgreicher Value-Investoren. Mit seinem Motto "Manage dein Vermögen selbst" inspiriert er Anleger zur eigenverantwortlichen Vermögensverwaltung.

Seine Analysen basieren auf der fortschrittlichen Gann-Strategie, die präzise Vorhersagen für Rohstoffmärkte ermöglicht. Diese technische Analysemethode kombiniert historische Daten mit Zyklusanalysen und macht seine Marktprognosen besonders treffsicher.

Durch zahlreiche Publikationen und verständliche Erklärungen komplexer Finanzthemen unterstützt Altmann sowohl Einsteiger als auch erfahrene Investoren bei fundierten Anlageentscheidungen. Seine Arbeit verbindet theoretische Expertise mit praktischen Empfehlungen für den strategischen Vermögensaufbau.