Der Iran-Krieg hat die globale Wirtschaft in eine Schockstarre versetzt – und das Wochenende vom 17. April könnte zum Wendepunkt werden. Während Präsident Trump neue Gespräche für die kommenden Tage ankündigt und ein zehntägiger Waffenstillstand zwischen dem Libanon und Israel in Kraft getreten ist, halten Anleger weltweit den Atem an. Die Hoffnung auf Frieden trifft auf die harte Realität steigender Rohstoffpreise, zerrissener Lieferketten und wachsender Inflationsrisiken.
Märkte zwischen Hoffnung und Vorsicht
Die Finanzmärkte haben sich seit dem Kriegsausbruch am 28. Februar bemerkenswert erholt. Nach dem Ausverkauf im März, als Investoren massenhaft in den US-Dollar flüchteten, hat eine zweiwöchige Waffenruhe Anfang April eine kraftvolle Erholungsrally ausgelöst. Die meisten großen Aktienindizes haben ihre Verluste wieder aufgeholt. US-Aktien erklommen sogar neue Rekordstände.
Doch am Freitag zogen Händler die Notbremse. Europäische Futures signalisierten einen verhaltenen Start, asiatische Börsen tendierten schwächer – trotz starker Wochengewinne. Der Grund: Vor dem nächsten potenziell wegweisenden Wochenende wagt kaum jemand eine große Wette. Die Verhandler aus Washington und Teheran haben ihre Ambitionen für ein umfassendes Friedensabkommen bereits zurückgeschraubt und streben zunächst ein temporäres Memorandum an, das eine Rückkehr zu offenen Kämpfen verhindern soll. Das Nuklearprogramm bleibt das zentrale Hindernis.
Der US-Dollar ist auf dem Weg zu seiner zweiten Verlustwoche in Folge. Der Dollar-Index notiert bei 98,21 und hat den Großteil seiner kriegsbedingten Gewinne abgegeben. Der Euro hält sich stabil bei 1,1783 Dollar und peilt die dritte Wochengewinnwoche in Reihe an. Währungen rohstoffreicher Länder wie der australische Dollar – nahe Vierjahreshochs bei 0,7163 Dollar – profitieren von der verbesserten Risikobereitschaft.
Der Energieschock trifft die Weltfabrik
Nirgendwo wird die wirtschaftliche Wucht des Konflikts greifbarer als auf Chinas größter Handelsmesse. Auf der Kantoner Messe in Guangzhou, wo 32.000 Unternehmen auf einer Fläche von mehr als 200 Fußballfeldern ausstellen, haben sich die Mienen verdüstert.
Shao Haixia vom Kunststoffhersteller Xiatao berichtet von 20 Prozent höheren Rohstoffkosten seit Kriegsbeginn. Ihre Marge ist auf 5 bis 6 Prozent halbiert worden. „Für Außenhandelsunternehmen wie uns sind die Dinge schwierig. Wir hoffen nur, dass der Krieg so schnell wie möglich endet“, sagt sie. Liang Su vom Haushaltswaren-Hersteller Weking verkauft nach eigener Aussage sogar mit Verlust, obwohl er seine Preise bereits um 15 Prozent angehoben hat. Seine Produktion hat sich halbiert.
Vor dem Krieg hatte sich Chinas Exportsektor noch im Triumphgefühl gesonnt: Man hatte Trumps Zollerhöhungen durch die Erschließung neuer Märkte abgefedert und 2025 einen Rekordhandelsüberschuss in der Größenordnung des niederländischen Bruttoinlandsprodukts erzielt. Nun bedroht der Energieschock die ohnehin dünnen Margen der weltgrößten Volkswirtschaft.
Kapitalmärkte unter Druck – und im Aufschwung
Südkorea zeigt exemplarisch, wie unterschiedlich sich der Krieg auf verschiedene Märkte auswirkt. Der KOSPI-Index hatte im März um 19 Prozent eingebrochen – und hat seitdem fast alle Verluste wettgemacht. Im Jahresverlauf steht sogar ein Plus von 44,5 Prozent zu Buche, nach einem Kursanstieg von 75 Prozent im Jahr 2025.
Der Wiederaufschwung lockt Kapital zurück: 4,2 Milliarden Dollar ausländischer Investitionen sind allein im April zurückgeflossen – nach einem Rekordabfluss von 23,8 Milliarden Dollar im März. Isaac Thong von Aberdeen Investments nutzte den Absturz als Einstiegsgelegenheit und kaufte Aktien südkoreanischer Speicherchiphersteller wie Samsung Electronics. „Wir sind vorsichtig optimistisch, aber wir glauben, dass dies ein Megatrend ist“, sagt er.
Gleichzeitig profitiert der südkoreanische Anleihemarkt: Investoren wie Goldman Sachs Asset Management und der japanische Staatspensionsfonds GPIF positionieren sich bereits vor der erwarteten Aufnahme koreanischer Staatsanleihen in den FTSE World Government Bond Index. Schätzungen zufolge könnten allein passive Fonds zwischen 50 und 70 Milliarden Dollar zuführen.
Zentralbanken und die Inflationsfrage
Die Währungshüter weltweit stehen vor einem Dilemma. Steigende Energiepreise heizen die Inflation an, während das Wachstum leidet. Die Finanzminister und Notenbankchefs der G7 haben zwar versprochen, bereit zu sein, Wirtschafts- und Inflationsrisiken durch den Energiepreisschock zu begegnen. Konkrete Zinsschritte schließen die meisten jedoch aus.
Die Europäische Zentralbank spielt auf Zeit und will mehr Daten abwarten. Die US-Notenbank Federal Reserve dürfte die Leitzinsen nach aktuellen Markterwartungen dieses Jahr unverändert lassen. Zweijährige US-Staatsanleihen rentieren bei 3,78 Prozent, zehnjährige bei 4,31 Prozent. Die ANZ-Bank bringt es auf den Punkt: „Zinserhöhungen als Reaktion auf einen negativen Angebotsschock können die energiegetriebene Inflation kurzfristig nicht kompensieren – und riskieren, die Wachstumsprobleme noch zu verschärfen.“
Die Bank of Japan hält ihrerseits still. Gouverneur Kazuo Ueda deutete am Donnerstag keine baldige Zinserhöhung an, obwohl der Yen bei rund 159 Dollar notiert und damit erneut in der Gefahrenzone für mögliche Interventionen liegt.
Geopolitisches Schachbrett
Parallel zum Iran-Krieg hält der Ukraine-Konflikt die Märkte in Atem. Die ukrainische Premierministerin Yulia Svyrydenko kehrte optimistischer aus Washington zurück. Gespräche mit US-Finanzminister Scott Bessent verliefen konstruktiv. Die USA hatten vorübergehend Sanktionen gegen russisches Öl gelockert, um die kriegsbedingte Energieknappheit abzufedern – diese gelten nun aber wieder vollständig.
Die Welt wartet auf das Wochenende. Sollte ein neues Abkommen mit Iran gelingen, dürfte die Risikobereitschaft weiter zunehmen – mit spürbaren Folgen für Öl, Dollar und Emerging Markets. Bleibt ein Durchbruch aus, dürfte die Volatilität zurückkehren. Die Märkte haben die Hoffnung bereits eingepreist. Die Realität muss sie noch bestätigen.
