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Iran-Krieg erschüttert Weltmärkte

Der Nahostkonflikt treibt die Weltwirtschaft in die Stagflation. Während chinesische Staatsanleihen Kapital anziehen, leiden G7-Staaten unter hoher Verschuldung und neu entfachter Inflation.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Chinesische Anleihen ziehen Milliarden an Kapital an
  • G7-Staaten ächzen unter Schulden und Inflation
  • Australische Unternehmen warnen vor steigenden Kosten
  • Chinas Exportwachstum bricht auf Fünf-Monats-Tief ein

Der Nahostkonflikt hat die globale Wirtschaft in eine gefährliche Zwickmühle getrieben. Steigende Energiepreise heizen die Inflation an, während das Wachstum gleichzeitig einbricht — das klassische Rezept für Stagflation. Doch nicht alle Volkswirtschaften leiden gleich stark. Während G7-Staaten unter der Schuldenlast ächzen, entwickelt sich Chinas Anleihemarkt zum unerwarteten sicheren Hafen.

Die Welt teilt sich in Gewinner und Verlierer

Chinesische Staatsanleihen ziehen Kapital an, während andere Schwellenländer Milliarden verlieren. Im März flossen 2,5 Milliarden US-Dollar in chinesische Schuldtitel — obwohl die USA und Israel Iran gleichzeitig militärisch angriffen. Aus anderen Schwellenländern zogen Investoren im selben Zeitraum 16,7 Milliarden Dollar ab.

Der Grund liegt in Chinas wirtschaftlicher Verfassung. Schwacher Konsum und ein angeschlagener Immobilienmarkt halten die Inflation niedrig. Hinzu kommen strategische Ölreserven und ein Stromnetz, das stark auf Kohle und erneuerbare Energien setzt — beides schützt die chinesische Industrie vor dem Energiepreisschock. „Es ist ein einzigartiges Zusammenspiel aus globalem Energieangebotsschock und chinesischer Binnenstabilität“, erklärt Louis Luo von Aberdeen Investments.

Die Rendite einjähriger chinesischer Staatsanleihen fiel auf ein 15-Monats-Tief. Im Gegenzug schnellten kurzfristige Renditen in Australien, Europa und den USA so stark nach oben wie seit Jahren nicht mehr. Auch der Geldmarkt spiegelt Chinas Sonderstellung wider: Die Overnight-Repo-Rate sank auf den niedrigsten Stand seit zweieinhalb Jahren.

G7 unter Druck

Die Lage für die großen westlichen Industriestaaten sieht grundlegend anders aus. In vielen G7-Ländern ist die Staatsverschuldung mittlerweile so hoch wie oder höher als die gesamte Wirtschaftsleistung. Japan steht mit Schulden von mehr als doppeltem BIP-Niveau an der Spitze. Selbst Deutschland, einst Hort der Haushaltsdisziplin, nimmt massiv neue Schulden auf — für Verteidigung und Infrastruktur.

Der Iran-Krieg trifft diese Länder besonders hart, weil er Inflation neu entfacht. Großbritannien verzeichnete im März die höchsten Renditen für zehnjährige Anleihen seit 2008. Überall im G7-Raum steigen die Zinszahlungen als Anteil der Wirtschaftsleistung stetig — in den OECD-Ländern lagen sie 2024 bereits über den Verteidigungsausgaben.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Regierungen versuchen, durch kürzere Laufzeiten die Last zu mildern. Das klingt nach einer pragmatischen Lösung, birgt aber ein verstecktes Risiko: Schulden müssen früher refinanziert werden — bei dann womöglich noch höheren Zinsen.

Australien als Frühindikator

Was abstrakt klingt, wird in Australien gerade greifbar. Qantas Airways rechnet damit, dass die Treibstoffkosten in der zweiten Jahreshälfte um bis zu 800 Millionen australische Dollar oder 32 Prozent über den ursprünglichen Planungen liegen werden. Das Unternehmen streicht Flüge, erhöht Ticketpreise und legt ein geplantes Aktienrückkaufprogramm über 150 Millionen australische Dollar auf Eis.

Noch überraschender reagierten Anleger auf die Warnung der Westpac Banking Corp. Die zweitgrößte australische Bank erhöhte ihre Kreditrisikovorsorge auf den höchsten Stand seit der Corona-Pandemie — weil Kunden zunehmend unter steigenden Preisen und Zinsen leiden. Die Westpac-Aktie verlor daraufhin 3,7 Prozent. „Je länger der Konflikt andauert, desto materieller werden die Auswirkungen“, fasst Omkar Joshi von Opal Capital Management zusammen.

Der Schaden reicht weit über die großen Konzerne hinaus. In Neuseeland kürzte a2 Milk seine Gewinnprognose für das Geschäftsjahr 2026, weil höhere Frachtkosten und Lieferkettenunterbrechungen die Verfügbarkeit von Säuglingsnahrung auf dem chinesischen Markt beeinträchtigen. Das Verpackungsunternehmen Orora strich sein Aktienrückkaufprogramm und senkte seinen Jahresgewinnausblick. Der Abfallentsorger Cleanaway reduzierte sein operatives Ergebnis um rund 20 Millionen australische Dollar.

Chinas Export-Maschine stottert

Auch China bleibt nicht vollständig unberührt. Im März wuchsen chinesische Exporte nur um 2,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr — ein Fünf-Monats-Tief und weit unter der prognostizierten Wachstumsrate von 8,3 Prozent. Noch zu Jahresbeginn hatten die Ausfuhren um 21,8 Prozent zugelegt, getrieben von der globalen Nachfrage nach KI-Hardware.

Der Krieg hat diese Dynamik abrupt gebremst. Höhere Transport- und Energiekosten belasten die Kaufkraft chinesischer Handelspartner. Gleichzeitig drehte die chinesische Erzeugerpreisinflation im März erstmals seit drei Jahren ins Plus — ein Zeichen, dass der Energieschock langsam auch die Fabrikhallen erreicht. Zinssenkungs-Erwartungen wurden deshalb zurückgeschraubt.

Trotzdem sehen manche Beobachter eine Chance: HSBC-Chefökonom Fred Neumann glaubt, chinesische Hersteller könnten langfristig Marktanteile gewinnen, weil Käufer nach günstigeren Alternativen suchen.

Wenn Zahlen täuschen

Auf den ersten Blick scheint Italien einen anderen Weg gefunden zu haben. Die Exporte in die USA stiegen 2025 um 7,2 Prozent — als einziges großes EU-Land. Die Regierung in Rom feierte das als Beweis für die Stärke der heimischen Wirtschaft.

Der Blick hinter die Kulissen zeigt jedoch ein anderes Bild. Fast der gesamte Zuwachs geht auf pharmazeutische Lieferungen zurück, die Unternehmen vor den US-Zollerhöhungen vorgezogen hatten. Bereinigt um diesen Sondereffekt sanken die italienischen Exporte in die USA um 1,6 Prozent, bei weiterer Bereinigung um Schiffsbestellungen sogar um 5,7 Prozent. Von 22 Fertigungssektoren verzeichneten 16 einen Rückgang.

Die Pharmalieferungen sind zudem strukturell fragil: Sie stammen überwiegend von US-Konzernen, die in Italien produzieren lassen. Sektorspezifische Zölle könnten diese Produktionsverlagerung schnell rückgängig machen.

Zwischen Hoffnung und Nervosität

An den Märkten überwiegt derzeit — trotz allem — eine vorsichtige Zuversicht. Berichte über fortlaufende Verhandlungen zwischen Washington und Teheran ließen Aktien in Asien und Europa steigen. Der Ölpreis fiel kurzzeitig unter 100 Dollar je Barrel.

Ob dieser Optimismus trägt, bleibt offen. Der Hormuz-Seeweg bleibt gesperrt. Unternehmen von Sydney bis Turin spüren den Druck. Und in Peking laufen chinesische Staatsanleihen-Käufer bereits Wette darauf, dass die Ruhe nicht von Dauer ist — zumindest bei längeren Laufzeiten. „Wenn der Krieg nicht bald endet, meidet langfristige Anleihen“, warnt Lin Sheng, Investmentchef beim Wish Fund in Shenzhen. Eine Empfehlung, die sich auf viele andere Anlageklassen übertragen lässt.

Felix Baarz

Felix Baarz ist Wirtschaftsjournalist mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in der Berichterstattung über internationale Finanzmärkte. Als gebürtiger Kölner begann er seine Laufbahn bei einer deutschen Fachpublikation, bevor er für sechs Jahre nach New York zog.

In New York berichtete er direkt aus dem Zentrum der globalen Finanzwelt über Entwicklungen an der Wall Street und wirtschaftspolitische Entscheidungen von internationaler Tragweite. Diese Zeit prägte seine analytische Herangehensweise an komplexe Wirtschaftsthemen.

Heute arbeitet Baarz als freier Journalist für führende deutschsprachige Wirtschafts- und Finanzmedien. Seine Schwerpunkte liegen auf der fundierten Analyse globaler Finanzmärkte und der verständlichen Aufbereitung wirtschaftspolitischer Zusammenhänge. Neben seiner schriftlichen Arbeit moderiert er Fachdiskussionen und nimmt an Expertenrunden teil.

Sein journalistischer Ansatz kombiniert tiefgreifende Recherche mit präziser Analyse, um Lesern Orientierung in einer sich wandelnden Wirtschaftswelt zu bieten.