Der erste Quartal 2026 geht als einer der schmerzhaftesten Börsenmonate seit Jahren in die Geschichte ein. Ausgelöst durch den US-israelischen Angriff auf Iran Ende Februar, hat sich eine Schockwelle durch die globalen Finanzmärkte gezogen — von Wall Street bis Seoul, von Frankfurt bis in die Anleihemärkte.
Öl als Brandbeschleuniger
Im Zentrum der Turbulenzen steht ein einfaches, aber verheerendes Faktum: Rohöl kostet mehr als doppelt so viel wie vor Kriegsbeginn. Brent-Rohöl notiert aktuell bei über 113 US-Dollar je Barrel — vor dem Konflikt waren es rund 70 Dollar. Der Grund liegt buchstäblich auf der Karte: Die Straße von Hormus, durch die etwa ein Fünftel des weltweiten Ölverbrauchs fließt, ist seit Wochen von Iran effektiv blockiert.
Zuletzt berichtete das Wall Street Journal, dass US-Präsident Donald Trump bereit sein soll, den Militäreinsatz zu beenden, ohne die Meerenge wiederzueröffnen. Washington würde stattdessen diplomatischen Druck auf Teheran ausüben — und Verbündete in Europa sowie im Golf bitten, die Führung bei der Öffnung zu übernehmen. Diese Meldung ließ die US-Futures am Dienstagmorgen um rund 0,7 Prozent steigen. Doch das eigentliche Problem bleibt: Der Ölpreis ist hoch, und die Straße bleibt vorerst geschlossen. Irans Parlament hat sogar einen Plan gebilligt, künftig Maut für die Durchfahrt zu erheben.
Wall Street vor dem schlechtesten Quartal seit 2022
Der S&P 500 steuert auf ein Quartalsminus von rund 7 Prozent zu — das schlechteste Ergebnis seit 2022, als der Ukraine-Krieg die Märkte erschütterte. Diesmal kommen die Belastungen aus mehreren Richtungen gleichzeitig.
Die sogenannten Magnificent Seven — Nvidia, Apple, Alphabet, Meta, Microsoft, Amazon und Tesla — sind allesamt im Minus. Microsoft und Tesla drohen Quartalsverluste von mehr als 20 Prozent. „Wir hatten die KI-Disruptions-Narrative, die die Mag-7-Aktien traf und sich dann auf Finanz- und Cybersicherheitswerte ausbreitete“, sagt Chris Galipeau vom Franklin Templeton Institute. Softwareaktien seien dabei das Epizentrum gewesen.
Dazu kommen Turbulenzen am Markt für Privatkredite. Einige große Fonds haben Auszahlungen eingeschränkt — was bei manchen Beobachtern entfernte Erinnerungen an die Frühphase der Finanzkrise 2008 weckt. „Venture-Capital-Unternehmen haben die größte Exposition, und Banken haben ein Engagement, das wir noch nicht vollständig verstehen“, warnt James Ragan von D.A. Davidson.
Anleihen unter Druck — und die Fed im Dilemma
Gleichzeitig geraten US-Staatsanleihen unter Druck. Die Rendite zehnjähriger Treasuries näherte sich in der vergangenen Woche erstmals seit Sommer 2025 der Marke von 4,5 Prozent — ein Signal, das Anleiheinvestoren nervös macht.
Das eigentliche Problem ist struktureller Natur. Die USA haben bereits vor dem Krieg mit einem Schuldenstand von 39 Billionen Dollar und jährlichen Zinszahlungen von fast einer Billion Dollar zu kämpfen. Das Pentagon fordert nun über 200 Milliarden Dollar an zusätzlicher Kriegsfinanzierung — on top eines bereits verabschiedeten Verteidigungshaushalts von rund 900 Milliarden Dollar. Dazu kommt ein Urteil des Obersten Gerichts, das dem Präsidenten die Nutzung von Notstandsbefugnissen für Zölle untersagt und Rückerstattungen von rund 175 Milliarden Dollar notwendig machen könnte.
BNP Paribas rechnet damit, dass das US-Defizit bei anhaltenden Kriegskosten von knapp 6 auf möglicherweise über 8 Prozent des BIP steigen könnte. „All diese kleinen Kosten scheinen sich zu summieren“, sagt Bill Campbell von DoubleLine Capital.
Dirk Willer von Citigroup benennt das Kerndilemma: Die Fed kann wegen der Inflation kaum senken, während die Staatsausgaben steigen. Sollte der Inflationsdruck anhalten und die Notenbank zu Zinserhöhungen zwingen, könnte das die Fiskallage weiter verschärfen. PIMCO hingegen setzt darauf, dass der Ölschock das Wachstum letztlich bremst — und der Fed später im Jahr doch noch Spielraum für Zinssenkungen gibt.
Europa zwischen Inflation und Rezessionsangst
Auch Europa steht vor einem schwierigen Balanceakt. Die Inflation in der Eurozone sprang im März auf 2,5 Prozent — von 1,9 Prozent im Februar. Verantwortlich dafür sind vor allem die Energiekosten, die um 4,9 Prozent stiegen. Die EZB debattiert nun offen, ob sie die Zinsen erhöhen muss, obwohl die Konjunktur gleichzeitig leidet.
Finanzmarktakteure preisen bereits drei Zinserhöhungen der EZB in diesem Jahr ein. „Die wachsenden Inflationsrisiken legen nahe, dass die EZB ihre Leitzinsen im April oder spätestens im Juni anheben wird“, sagt Commerzbank-Chefökonom Joerg Kraemer. Er erwartet die Gesamtinflation bis Mai über 3 Prozent, sollte der Krieg nicht schnell enden.
Deutschland trifft es besonders hart. Führende Wirtschaftsinstitute haben ihre Wachstumsprognose für 2026 auf 0,6 Prozent halbiert — nach zuvor 1,3 Prozent. Für 2027 wird nur noch 0,9 Prozent erwartet. Die Inflationsprognose wurde auf 2,8 Prozent angehoben.
Seoul als Spiegel globaler Risikoscheu
Nirgendwo zeigt sich die globale Risikoscheu drastischer als in Südkorea. Der KOSPI-Index verlor im März knapp 20 Prozent — der stärkste Monatsrückgang seit der Finanzkrise 2008. Der Won sank unter 1.500 je Dollar, ein Niveau, das zuletzt während der Asienkrise der späten 1990er-Jahre zu sehen war. Ausländische Investoren verkauften südkoreanische Aktien im Wert von umgerechnet rund 23,5 Milliarden Dollar — Rekord.
Chipgiganten Samsung und SK Hynix, lange Zeit Lieblinge ausländischer Portfolios, verloren mehr als 20 Prozent ihres Wertes. „Die Märkte haben noch gar nicht begonnen, den eigentlichen Wachstums- und Gewinnschaden einzupreisen“, warnt Rajiv Batra von J.P. Morgan.
Wie geht es weiter?
Die zentrale Frage bleibt, wie lange der Ölpreisschock anhält. Endet der Konflikt rasch, könnten sich viele der aktuellen Risiken als beherrschbar erweisen. Zieht er sich hin, droht eine gefährliche Gemengelage: stagnierende Wirtschaft, hartnäckige Inflation und steigende Staatsschulden — gleichzeitig, auf beiden Seiten des Atlantiks.
„Wir befinden uns möglicherweise genau an diesem Wendepunkt“, sagt Christian Hoffmann von Thornburg Investment Management. Jahre der letztlich glimpflich ausgehenden geopolitischen Schocks hätten Investoren dazu trainiert, zu wenig zu reagieren. Diesmal könnte es anders sein.
