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Iran-Krieg erschüttert Weltmärkte

Der anhaltende Konflikt im Iran treibt die Ölpreise über 110 Dollar, erhöht den Inflationsdruck und zwingt Zentralbanken zu einer aggressiveren Zinspolitik. Besonders Großbritannien und Schwellenländer sind betroffen.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Brent-Öl notiert deutlich über 110 Dollar
  • Zentralbanken erwägen Zinserhöhungen statt -senkungen
  • Großbritannien steht vor Stagflationsdilemma
  • Schwellenländeranleihemarkt ist eingefroren

Der Iran-Krieg hat die Finanzmärkte fest im Griff. Öl über 110 Dollar, Zinswetten drehen ins Hawkishe, Schwellenländer frieren ihre Schuldenemissionen ein — und Großbritannien steht vor einer wirtschaftspolitischen Zerreißprobe. Was vor knapp einem Monat begann, entfaltet nun seine volle wirtschaftliche Wucht.

Ölpreis als Taktgeber

Brent-Rohöl notiert wieder knapp über 110 Dollar pro Barrel — weit über dem Vorkiegsniveau. Der Schlüssel dazu liegt buchstäblich in einer Meerenge: Die Straße von Hormus, durch die etwa ein Fünftel des weltweiten Ölhandels fließt, bleibt für Tanker weitgehend gesperrt. Irans Revolutionsgarden haben zuletzt gleich mehrere Containerschiffe — darunter zwei des chinesischen Staatskonzerns COSCO — rund 30 Kilometer vor der iranischen Hafenstadt Bandar Abbas zur Umkehr gezwungen.

US-Präsident Donald Trump verlängerte unterdessen seine Frist für mögliche Angriffe auf iranische Energieanlagen bis zum 6. April. Er behauptet, Teheran habe selbst darum gebeten und führe „sehr gut verlaufende“ Gespräche mit Washington. Iran dementiert das kategorisch. Welche Version der Realität entspricht, lässt sich von außen kaum beurteilen — für die Märkte ist allein die Ungewissheit schon teuer genug.

Analysten der ING schreiben, Trumps Fristverlängerung reduziere zwar unmittelbaren Druck auf das Angebot, die Risikoprämie auf Öl bleibe aber „intakt“. Solange die Meerenge gesperrt ist und weitere Angriffe auf Energieinfrastruktur im Persischen Golf möglich sind, bleibt der Ölpreis das Barometer des Konflikts.

Notenbanken unter Druck

Steigende Energiepreise heizen Inflation an — und das in einem Moment, in dem viele Zentralbanken eigentlich mit Zinssenkungen liebäugelten. Diese Hoffnung ist weitgehend verflogen.

Analysten der Bank of America beschreiben eine bemerkenswerte Entwicklung: Seit der US-Notenbanksitzung der vergangenen Woche ist die zweijährige US-Staatsanleihenrendite um fast 30 Basispunkte gestiegen, obwohl WTI-Rohöl leicht gefallen ist. Das deutet darauf hin, dass die Märkte nicht mehr nur eine Energiepreis-Inflationsspirale einpreisen, sondern eine grundsätzlich aggressivere Reaktionsfunktion der Fed erwarten. Notenbankchef Jerome Powell hatte nach der Sitzung explizit auf die möglichen Inflationseffekte des Konflikts hingewiesen. Fed-Gouverneur Christopher Waller klang laut BofA „sehr besorgt“ über den Ölpreisanstieg.

Dazu kommt ein breiteres Rohstoffbild: Erdgas hat sich in diesem Monat nahezu verdoppelt. Düngemittel, Helium und andere kriegsbedingt knappe Güter könnten die Kernrate der Inflation treiben — also jenseits von Energie und Lebensmitteln. Die OECD warnte am Donnerstag vor einem sich verdüsternden Wachstumsausblick und einem Inflationsschock, der das globale Wachstum schwer belasten könnte.

Großbritanniens besonders enge Lage

Kein großes westliches Land trifft der Energieschock härter als Großbritannien. Der Grund: Anders als Frankreich, das seinen Strom überwiegend aus Kernkraft erzeugt, setzt die britische Stromversorgung stark auf Erdgas — und das gibt bekanntlich den Preis vor.

Die OECD hat Großbritanniens Wachstumsprognose für 2026 stärker als die jede anderen großen Volkswirtschaft gesenkt und gleichzeitig die Inflationsprognose am deutlichsten angehoben. Britische Verbraucher spüren den Schock bereits: Benzinpreise steigen, Lebensmittelpreise werden von nächstem Monat an klettern — Bauern warnen konkret vor höheren Preisen für Tomaten, Gurken und Paprika aus beheizten Gewächshäusern. Die Modekette Next kalkuliert, einen langen Konflikt könnte ihre Verkaufspreise bis Jahresende um bis zu 10 Prozent nach oben treiben.

Die Bank of England steht vor einem klassischen Stagflationsdilemma: Die Arbeitslosigkeit ist auf dem höchsten Stand seit der Corona-Pandemie, während Inflation droht. Ross Walker von NatWest Markets bringt es auf den Punkt: „Wir gehen in diese Krise in einer suboptimalen Ausgangslage.“ Investoren preisen inzwischen drei Zinserhöhungen der BoE um jeweils 25 Basispunkte noch in diesem Jahr ein — ein drastischer Kurswechsel gegenüber den zwei Senkungen, die noch vor einem Monat erwartet wurden.

Auch Finanzministerin Rachel Reeves hat wenig Spielraum. Der Schuldenstand liegt bei 93 Prozent der Wirtschaftsleistung. Analysten von Capital Economics schätzen, dass gezielte Steuererleichterungen und Einmalzahlungen auf rund 24 Milliarden Pfund begrenzt bleiben dürften — weniger als halb so viel wie die Stützungsmaßnahmen nach dem russischen Ukraine-Einmarsch 2022.

Schwellenländer im Schockzustand

Der Boom am Schwellenländer-Anleihemarkt ist jäh gestoppt worden. Länder wie Saudi-Arabien, Mexiko und die Türkei hatten in den ersten beiden Monaten des Jahres Anleihen in einem Rekordtempo emittiert — insgesamt knapp 118 Milliarden Dollar, mehr als je zuvor in einem ersten Quartal. Seit Kriegsbeginn Ende Februar ist der Markt nahezu eingefroren.

Investoren zogen allein in der Woche bis zum 19. März 3,3 Milliarden Dollar aus Schwellenländeranleihen ab. Bei hochverzinslichen Unternehmensanleihen waren es sogar über 5 Milliarden — der größte Abfluss seit dem US-Zollschock im April 2025. Die Risikoaufschläge für ägyptische und türkische Staatsanleihen gegenüber US-Treasuries haben sich seit Ende Februar um 44 beziehungsweise 36 Basispunkte ausgeweitet.

Eine bemerkenswerte Ausnahme: Angola. Das ölproduzierende westafrikanische Land profitiert vom Ölpreisanstieg — seine Risikoaufschläge sind seit Kriegsbeginn um 39 Basispunkte gefallen.

Victor Mourad, Citibanks Co-Leiter für Schuldenfinanzierung in der CEEMEA-Region, beschreibt die Lage als „vorsichtiges Abwarten“. Zugang zum Markt bestehe zwar noch für erstklassige Emittenten, aber „zu einem Aufpreis“. Sollte die Unsicherheit anhalten, könnten Privatplatzierungen und direktere Finanzierungswege attraktiver werden.

Was bleibt offen

Das militärische Bild bleibt unübersichtlich. Israel und Iran tauschten am Freitag erneut Luftangriffe aus. Das US-Verteidigungsministerium erwägt laut Wall Street Journal, bis zu 10.000 zusätzliche Soldaten in die Region zu verlegen. Außenminister Marco Rubio versicherte beim G7-Treffen in Frankreich, die US-Operationen würden in Wochen enden — nicht in Monaten.

Ob das zutrifft, wird die entscheidende Frage für die Märkte bleiben. Brent bei 110 Dollar, Anleiherenditen auf dem Vormarsch und ein eingefrorener Schwellenländermarkt zeigen, wie viel auf dem Spiel steht — und wie wenig Spielraum Policymaker auf beiden Seiten des Atlantiks noch haben.

Dr. Robert Sasse

Dr. Robert Sasse ist promovierter Ökonom und Unternehmer mit umfassender Expertise in Finanzmärkten und Wirtschaftstheorie. Seine akademische Ausbildung verbindet er mit praktischer Unternehmenserfahrung, um fundierte Analysen zu langfristigen Anlagestrategien zu liefern.

Als Verfechter einer marktwirtschaftlichen Ordnung fokussiert sich Dr. Sasse auf die Vermittlung von Strategien für nachhaltigen Vermögensaufbau durch Aktieninvestments. Seine wissenschaftlich fundierten Beiträge auf stock-world.de richten sich an Anleger, die eigenverantwortliche, informierte Entscheidungen für ihre finanzielle Zukunft treffen möchten.

Dr. Sasse spezialisiert sich auf die verständliche Aufbereitung komplexer ökonomischer Zusammenhänge und die praktische Anwendung von Investmentstrategien für die Altersvorsorge. Sein Ansatz kombiniert theoretisches Wissen mit klarem Praxisbezug, um Lesern Orientierung in einem dynamischen Marktumfeld zu bieten.

Mit seiner Expertise unterstützt er Anleger dabei, die Chancen des Kapitalmarkts systematisch und langfristig zu nutzen – unabhängig von kurzfristigen Marktschwankungen.