Der Nahostkonflikt hält die Finanzmärkte weiter in Atem. Während Hoffnungen auf einen Waffenstillstand zwischen den USA und Iran an diesem Mittwoch für Erleichterung an den Börsen sorgten, bleibt die Lage äußerst fragil — und die Notenbanken stehen vor einer ihrer schwierigsten geldpolitischen Entscheidungen seit Jahren.
Ceasefire-Hoffnung treibt Märkte — vorerst
Die Meldung schlug ein wie eine Bombe: Die USA sollen Iran einen 15-Punkte-Plan zur Beendigung des Krieges vorgelegt haben. Die Reaktion der Märkte war prompt. US-Futures stiegen, der S&P 500 legte vorbörslich rund 0,8 % zu, der Nasdaq 100 sogar gut 1 %. Europas STOXX 600 kletterte um 1,2 %, wenn auch von einem tiefen Niveau aus — im Monatsverlauf liegt er noch immer rund 7,5 % im Minus.
Am symbolträchtigsten war jedoch der Rückgang beim Ölpreis. Brent-Rohöl fiel um mehr als vier Prozent auf rund 100 Dollar je Barrel. Zum Vergleich: Vor Ausbruch des Konflikts Ende Februar lag der Preis noch bei etwa 70 Dollar. Eine vollständige Entspannung ist das also nicht — eher ein kurzes Aufatmen.
Denn Iran selbst wies die Darstellung der USA entschieden zurück. Ein iranischer Militärsprecher erklärte, Washington verhandle „mit sich selbst“. Die Forderungen Teherans sind weitreichend: Schließung aller US-Militärbasen im Golf, Reparationszahlungen, vollständige Aufhebung der Sanktionen und das Recht, eigene Transitgebühren in der Straße von Hormus zu erheben. Ein US-Beamter bezeichnete diese Forderungen laut dem Wall Street Journal als „lächerlich und unrealistisch“.
Pakistan hat den amerikanischen Plan offiziell übermittelt, sowohl Ankara als auch Islamabad gelten als mögliche Vermittler. Doch die Kluft zwischen beiden Seiten bleibt tief. Strategen bei ING mahnten zur Vorsicht: „Es ist wohl zu früh, um einen starken Rückgang der Energiepreise oder einen deutlich schwächeren Dollar in dieser Woche zu erwarten.“
Die Energiekrise und ihre inflationären Ausläufer
Die Straße von Hormus — durch die normalerweise etwa ein Fünftel des weltweiten Öl- und Gasangebots fließt — bleibt faktisch geschlossen. Das trifft Europa besonders hart. Angriffe auf die Energieinfrastruktur Katars haben zusätzlich die europäischen Erdgaspreise in die Höhe getrieben, da der Kontinent stark von Gasimporten aus der Golfregion abhängt.
Die Folgen sind messbar. Die Geschäftsstimmung in Deutschland brach im März ein. Ein aktueller Einkaufsmanagerindex für die Eurozone warnte bereits von „laut läutenden Stagflationsglocken“ — also dem gefürchteten Zusammentreffen von anhaltender Inflation und stagnierendem Wachstum.
BlackRock-Chef Larry Fink formulierte es drastischer: Sollte Iran auch nach Kriegsende eine Bedrohung bleiben, könnten Ölpreise auf 150 Dollar steigen und eine globale Rezession auslösen.
EZB unter Druck: Messen statt Warten
Genau in dieses Spannungsfeld platzen die Aussagen von EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Bei einer Konferenz in Frankfurt machte sie deutlich: Die Europäische Zentralbank ist bereit zu handeln — auch wenn der Inflationsanstieg nicht von langer Dauer sein sollte.
„Wenn der Schock zu einer großen, wenn auch nicht allzu anhaltenden Überschreitung unseres Ziels führt, könnte eine gewisse moderate Anpassung der Politik gerechtfertigt sein“, sagte Lagarde. Die EZB hatte ihren Leitzins vergangene Woche unverändert gelassen, ihre Inflationsprognose für 2026 aber auf durchschnittlich 2,6 % angehoben.
Im schlimmsten Szenario könnte die Inflation laut EZB-Projektionen auf über 4 % steigen — und im schwersten Fall Anfang nächsten Jahres sogar kurzzeitig die 6-Prozent-Marke überschreiten, falls der Energiepreisschock anhält und weitere Infrastruktur im Golf zerstört wird.
Lagarde räumte ein, dass die aktuelle Lage sich von der Inflation 2021/22 unterscheidet — der Arbeitsmarkt ist weniger angespannt, die Fiskalpolitik restriktiver, das Ausgangszinsniveau höher. Dennoch: Untätigkeit ist für sie keine Option. „Die Öffentlichkeit mag es schwer finden, eine Reaktionsfunktion zu verstehen, die nicht reagiert“, warnte sie. Finanzmarktteilnehmer preisen bereits zwei bis drei Zinsanhebungen der EZB in diesem Jahr ein.
Fed unter Beobachtung — aus anderen Gründen
Auch die US-Notenbank Federal Reserve steht unter Druck, allerdings aus einem anderen Blickwinkel. Märkte preisen für dieses Jahr keine Zinssenkungen mehr ein — noch vor Kriegsausbruch waren zwei Schnitte erwartet worden.
Gleichzeitig sorgt eine politische Personalie für Wirbel. Senatorin Elizabeth Warren richtete einen kritischen Brief an Randall Guynn, den neuen Direktor der Fed-Abteilung für Bankenaufsicht. Guynn verbrachte 40 Jahre bei der Anwaltskanzlei Davis Polk, wo er die größten US-Banken in Regulierungsfragen beriet. Warren bezweifelt, dass er potenzielle Interessenkonflikte in seiner neuen Rolle adäquat handhabt — in einem Amt, das just jene Banken beaufsichtigt, die Guynn einst vertreten hat. Am Donnerstag soll er vor dem Repräsentantenhaus aussagen.
Zwischen Hoffnung und Realität
Die Märkte lesen den Konflikt momentan mit vorsichtigem Optimismus. „Investoren sind darauf ausgerichtet, das De-Eskalationsszenario zu spielen, mit Anzeichen, dass die Unsicherheit ihren Höhepunkt erreicht haben könnte“, schrieb Barclays-Stratege Emmanuel Cau.
Ob dieser Optimismus trägt, bleibt offen. Solange die Straße von Hormus blockiert ist, bleibt der Energieschock real — und mit ihm der Druck auf Preise, Wachstum und Notenbanken weltweit. Jede neue Schlagzeile aus Teheran oder Washington könnte das fragile Gleichgewicht kippen. Anleger wissen das. Und sie handeln entsprechend nervös.
