Der Iran-Krieg verändert die globale Wirtschaftsordnung in einem Tempo, das Analysten und Anleger gleichermaßen überfordert. Ölpreise jenseits von 100 Dollar, ein blockierter Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus und 15 Milliarden Dollar Kapitalabfluss aus Asien binnen einer Woche — die Schockwellen des Konflikts erfassen inzwischen nahezu jeden Winkel des Finanzsystems.
Energieschock als globaler Transmissionsriemen
Goldman Sachs hat seine Einschätzung zur Dauer der Öl-Exportunterbrechungen durch die Straße von Hormus mehr als verdoppelt — von ursprünglich zehn auf nun 21 Tage. Das klingt nach einem Detail, ist aber folgenreich: Die Bank setzt ihr Brent-Kursziel für März auf 110 Dollar pro Barrel. China, das 45 Prozent seines Öls durch diese Meerenge bezieht, spürt den Druck unmittelbar.
Für Fluggesellschaften weltweit ist die Entwicklung besonders schmerzhaft. Kerosin ist einer ihrer größten Kostenblöcke, und wenn der Ölpreisanstieg nicht auf starke Nachfrage, sondern auf ein Angebotsproblem zurückgeht, können Ticketpreiserhöhungen die Mehrkosten kaum auffangen. Bernstein-Analysten weisen darauf hin, dass auch die Raffineriermargen zuletzt stark gestiegen sind — ein zusätzlicher Kostentreiber. Absicherungsgeschäfte einzelner Airlines können kurzfristig Erleichterung verschaffen, lösen das strukturelle Problem aber nicht. Boeing und Airbus hingegen dürften ihre Auftragspolster mit Laufzeiten von fast einem Jahrzehnt vorerst schützen.
Asiens Märkte unter Druck
Die Folgen treffen Asien besonders hart. Der MSCI All Country Asia Pacific ex Japan fiel in der vergangenen Woche um 2,1 Prozent. Ausländische Investoren zogen 15 Milliarden Dollar aus asiatischen Schwellenmärkten ab — allein aus Taiwan flossen 7 Milliarden, aus Südkorea 5,4 Milliarden Dollar. Beide Länder haben inzwischen Notfallmaßnahmen zur Marktstabilisierung angekündigt.
Goldman hat die Wachstumsprognosen für die meisten asiatischen Volkswirtschaften um 0,3 bis 0,5 Prozentpunkte gesenkt. Die Bedeutung dieser Zahl wird klarer, wenn man den Hebel kennt: Ein Prozentpunkt weniger Wachstum entspricht einem Gewinnrückgang von drei bis vier Prozent für den regionalen Aktienmarkt. Goldman hat seine Gewinnschätzungen für den MXAPJ-Index für 2026 bereits um zwei Prozent gekürzt. Indien und die Philippinen verloren je fünf Prozent. Selbst China, das mit einem kleinen Plus von 0,5 Prozent noch am besten abschnitt, sah seine BIP-Prognose leicht nach unten revidiert.
Diplomatische Bühne Paris
Genau in dieses aufgewühlte Umfeld hinein treffen sich US-Finanzminister Scott Bessent und Chinas Vizepremier He Lifeng am Sonntag in Paris — am Sitz der OECD. Es geht um die Überprüfung des im Oktober 2025 in Busan geschlossenen Handelswaffenstillstands, um Seltenerdexporte, US-Exportkontrollen für Hochtechnologie und chinesische Käufe amerikanischer Agrarprodukte.
Die Ausgangslage ist kompliziert. Die USA haben neue Handelsermittlungen nach Paragraf 301 gegen China und 15 weitere Länder eingeleitet — ein Schritt, der nach dem Urteil des Supreme Court gegen Trumps globale Zölle den Tarif-Druck wiederherstellen soll. China hat die Untersuchungen scharf verurteilt. Die staatliche „China Daily“ nannte sie „unilaterale Maßnahmen, die Verhandlungen erschweren“ — und mahnte gleichzeitig, angesichts der Krise im Nahen Osten brauche die Welt keinen Handelskrieg zwischen den beiden größten Volkswirtschaften.
Scott Kennedy vom Center for Strategic and International Studies dämpft die Erwartungen. Das Minimalziel beider Seiten sei es, „die Dinge zusammenzuhalten und eine Eskalation zu vermeiden“. Ein Durchbruch ist kaum zu erwarten — eher ein Gipfel, der oberflächlich Fortschritte andeutet, ohne die seit Monaten festgefahrenen Positionen wirklich zu bewegen.
Rüstung und Chips: Gewinner und Verlierer
Während Diplomaten verhandeln, läuft an anderer Stelle die Rechnung auf. Israel hat Washington mitgeteilt, dass seine Vorräte an ballistischen Raketenabwehrsystemen „kritisch niedrig“ sind. Der Verbrauch an Patriot-Abfangjägern allein in den ersten fünf Kriegstagen wird auf 2,4 Milliarden Dollar geschätzt. Davon profitieren Rüstungskonzerne wie Lockheed Martin und RTX — deren Produktionslinien laufen auf Hochtouren, um die Nachfrage zu bedienen.
Im Halbleiterbereich bleibt die Lage überschaubarer, als man erwarten würde. Die Bank of America sieht keine wesentlichen Produktionsausfälle durch den Iran-Konflikt. Hersteller von Speicherchips halten laut Branchenerhebungen vier bis sechs Monate an Vorräten kritischer Materialien wie Helium und Brom. Zudem werden Lieferketten aktiv diversifiziert. Die Bank hat ihre Prognosen für DRAM- und NAND-Preise sogar angehoben — getrieben von KI-Infrastruktur und Rechenzentren, die weiterhin kräftig nachfragen.
Langfristige Strukturverschiebungen
Abseits der unmittelbaren Krisenreaktionen zeichnen sich zwei längerfristige Entwicklungen ab. Im PC-Markt erwartet Goldman Sachs einen Rückgang der Auslieferungen um zehn Prozent auf 257 Millionen Einheiten in 2026 — belastet durch steigende Speicherkosten und einen abflauenden Ersatzzyklus nach dem Windows-10-Auslaufboom. Der einzige helle Fleck: KI-fähige PCs. Goldman rechnet mit 150 Millionen Einheiten allein in diesem Segment, das bis 2028 auf 81 Prozent Marktanteil wachsen könnte.
In der Pharmaindustrie sieht Bernstein eine ähnliche strukturelle Verschiebung. KI-Tools könnten die Entwicklungszeiten für neue Medikamente um 18 Monate verkürzen und die Forschungsausgaben um fünf Prozent senken — was sich in über zehn Prozent mehr Betriebsgewinn für große Pharmakonzerne niederschlagen könnte. Unternehmen wie Daiichi Sankyo und Takeda gelten dabei als besonders gut positioniert.
Wie lange der Ölschock anhält, wird die entscheidende Variable für nahezu alle dieser Entwicklungen sein. Kurze Störungen lassen sich absorbieren. Ein monatelanger Ausfall der Straße von Hormus wäre eine andere Geschichte.
