Der Ölpreis ist in einem Monat um fast 60 Prozent gestiegen. Brent-Rohöl durchbrach die Marke von 115 Dollar je Barrel — ein Preisanstieg, der laut Reuters der größte seit der irakischen Invasion in Kuwait 1990 wäre. Ausgelöst wurde dieser Schock durch den Krieg im Nahen Osten, der seit Ende Februar die Straße von Hormus blockiert und damit etwa ein Fünftel der globalen Öl- und Gasversorgung bedroht. Die Folgen spüren Anleger, Zentralbanken und Unternehmen rund um den Globus.
Ölschock lähmt Finanzmärkte
Asiens Börsen zeigten sich zum Wochenstart tiefrot. Die Volatilität an den Finanzmärkten hat Niveaus erreicht, die zuletzt während der Corona-Pandemie oder von Trumps „Liberation Day“-Zöllen im April letzten Jahres beobachtet wurden — mit einem entscheidenden Unterschied: Diesmal traf der Schock Märkte, die sich in einer breiten Hausse-Phase befanden.
Die Auswirkungen auf die Liquidität sind gravierend. Hedgefonds, die mittlerweile mehr als 50 Prozent des Handelsvolumens in britischen und europäischen Staatsanleihen ausmachen, mussten gleichzeitig ähnliche Positionen auflösen — was die Volatilität noch verstärkte. Am europäischen Markt für kurzfristige Zinsfutures fiel die Liquidität zwischenzeitlich auf nur zehn Prozent der üblichen Niveaus, so Morgan Stanley-Co-Chef für EMEA-Zinsen Daniel Aksan. „Das erinnerte mich an die Corona-Zeit“, sagte er.
Auch der Goldmarkt, normalerweise sicherer Hafen, blieb nicht verschont. Trotz eines Rekordanstiegs im Jahr 2025 fiel der Goldpreis im März stark — und an manchen Tagen fehlten die Market Maker schlicht. „Sie wollen gerade weder Geld verdienen noch verlieren“, beschrieb Mukesh Dave, Investmentchef bei Aravali Asset Management, die Stimmung.
Yen, Rupie, Dollar — Währungen unter Druck
Der US-Dollar profitiert als sicherer Hafen. Der Dollar-Index notiert bei rund 100 Punkten, der Euro verliert im März rund 2,5 Prozent auf 1,1512 Dollar — die schwächste Monatsentwicklung seit Juli. Der Australische Dollar büßt knapp vier Prozent ein, der Neuseeländische Dollar sogar 4,4 Prozent.
Besonders dramatisch ist die Lage für den japanischen Yen. Die Währung fiel erstmals seit Juli 2024 unter die psychologisch wichtige Marke von 160 Yen je Dollar — genau der Stand, bei dem Tokio damals zuletzt direkt am Devisenmarkt intervenierte. Japans oberster Währungsdiplomat Atsushi Mimura verschärfte nun die Tonlage spürbar: Er sprach erstmals von möglichen „entschiedenen Maßnahmen“, wenn spekulative Bewegungen anhalten — eine Wortwahl, die Devisenhändler als konkretes Interventionssignal werten.
Bank of Japan-Gouverneur Kazuo Ueda verstärkte den Eindruck, dass eine baldige Zinserhöhung möglich ist. Der steigende Ölpreis trifft Japan besonders hart: Das Land importiert nahezu seine gesamte Energie. Steigende Importkosten durch schwachen Yen und teure Rohstoffe könnten das Land in eine Stagflation treiben — ein Szenario, das auf der jüngsten BOJ-Sitzung offen diskutiert wurde. Der Nikkei rutschte ab, die Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen kletterte auf ein 27-Jahres-Hoch.
Auch die indische Rupie geriet massiv unter Druck — und die Reserve Bank of India griff zu einer ungewöhnlichen Maßnahme. Sie begrenzte die offenen Devisenpositionen von Banken auf absolut 100 Millionen Dollar, eine deutliche Verschärfung gegenüber der bisherigen Regelung. Hintergrund: Banken hatten Arbitragepositionen von geschätzt 25 bis 35 Milliarden Dollar aufgebaut, indem sie Dollar im Inland kauften und offshore verkauften. Diese Positionen drückten den Rupie-Kurs zusätzlich. Die Rupie hatte mit 94,81 Rupien je Dollar ein Rekordtief markiert. Zwar erholte sie sich zum Wochenauftakt kurz, doch ANZ-Stratege Dhiraj Nim warnte: „Die Stabilität dürfte kurzfristig bleiben. Die fundamentalen Druckfaktoren sind damit nicht beseitigt.“
China hofft, der WTO fehlt der Ausweg
Inmitten der globalen Verwerfungen gibt es einen vorsichtigen Lichtblick aus Peking. Chinas Einkaufsmanagerindex für die Industrie dürfte im März laut einer Reuters-Umfrage unter 28 Ökonomen auf 50,1 steigen — nach 49,0 im Februar, knapp über der Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Starke Güterexporte haben die chinesische Industrie gestützt, auch wenn der Ölschock Raffinerien und Petrochemiebetriebe belastet.
Der Spielraum für echte Erholung bleibt eng. Die Regierung hat das Wachstumsziel für 2026 auf 4,5 bis 5,0 Prozent gesenkt und einen Fonds von 100 Milliarden Yuan aufgelegt, um Konsum und Privatinvestitionen anzukurbeln. Zugleich soll günstigerer Kredit kleinen und mittleren Unternehmen helfen, die gestiegenen Energie- und Logistikkosten abzufedern.
Auf globalem Parkett hingegen scheiterte ein Versuch, zumindest handelspolitische Stabilität herzustellen. Die WTO-Ministerkonferenz im kamerunischen Yaoundé endete im Stillstand. Brasilien blockierte eine Verlängerung des Moratoriums auf Zölle für elektronische Übertragungen wie digitale Downloads und Streamingdienste. Das Moratorium gilt damit als ausgelaufen — ein Signal, das Microsoft-Handelsexperte John Bescec als das genaue Gegenteil von Stabilität und Planbarkeit bezeichnete.
Wie lange dauert der Schock?
Die entscheidende Frage bleibt, wie lange der Konflikt anhält. Trumps Aussagen zu Verhandlungen mit dem Iran sind widersprüchlich: Er sprach von Fortschritten „in die richtige Richtung“ und deutete einen Deal als möglich an — räumte aber ein, es könnte auch keinen geben. Iran ließ nach eigenen Angaben 20 Tanker durch die Straße von Hormuz passieren, ein Schritt, den Trump als Zugeständnis wertete. Gleichzeitig zog er die mögliche Beschlagnahmung der iranischen Ölinsel Kharg in Betracht.
Brent-Futures notieren bis Juli über 100 Dollar je Barrel, im Dezember noch bei rund 85 Dollar — der Markt preist eine längere Krise ein. Für Europa bedeutet das steigende Inflation: Die EZB-Falken treiben bereits eine Zinserhöhung voran, und die Märkte sehen eine Wahrscheinlichkeit von 58 Prozent für einen Schritt im April.
Die Kette der Folgewirkungen — von Hormuz über Tokio, Mumbai und Peking bis nach Brüssel — zeigt, wie verwundbar das globale Finanzsystem gegenüber einem einzigen geopolitischen Nadelöhr geblieben ist. Bis echte Entspannung eintritt, dürften Investoren defensiv positioniert bleiben.
