Der Nahostkonflikt zwischen den USA und Iran hat die globalen Finanzmärkte fest im Griff. Währungen schwanken, Aktien fallen, Öl verteuert sich — und mittendrin liefert Washington widersprüchliche Signale, die Anleger zunehmend ratlos zurücklassen.
Eskalation ohne Ende
In der Nacht zu Donnerstag starteten US-Streitkräfte eine neue Angriffswelle gegen Ziele im Iran. Das US-Zentralkommando CENTCOM beschrieb die Schläge als „Selbstverteidigungsmaßnahmen“ als Reaktion auf „unveranlasste und anhaltende iranische Aggression“. Verteidigungsminister Pete Hegseth stellte unmissverständlich klar: „CENTCOM wird heute Nacht beschäftigt sein.“
Trump selbst hatte zuvor angekündigt, Iran „sehr hart“ anzugreifen, sollte kein Friedensabkommen zustande kommen. Auf sozialen Medien erklärte er Irans Militär für „ausgelöscht“ und das Land als „Schläger des Nahen Ostens“ für tot. Derweil berichtete Fox News, Trump erwäge Angriffe auf iranische Kraftwerke und Brücken — Meldungen, die Teherans Präsident als „Zeichen der Verzweiflung“ abtat.
Der Konflikt dreht sich seit nunmehr vier Monaten im Kreis. Hoffnungen auf ein baldiges Ende flackerten kurz auf, als Iran und Israel eine gegenseitige Angriffspause vereinbarten. Die Gespräche zwischen Washington und Teheran kommen trotzdem nicht voran.
Öl und Inflation: Eine gefährliche Kombination
Die unmittelbarste wirtschaftliche Folge des Krieges bleibt der Ölpreis. Brent-Rohöl kletterte am Mittwoch auf über 95 Dollar pro Barrel — ein Anstieg von mehr als zwei Prozent. Die Straße von Hormuz, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Öls transportiert wird, bleibt durch den Iran blockiert. Eine US-Marine-Blockade iranischer Häfen verschärft die Lage zusätzlich.
Die Folgen spüren Verbraucher bereits direkt an der Zapfsäule. Die US-Verbraucherpreise stiegen im Mai um 4,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr — der stärkste Zuwachs seit April 2023. Allein die Energiepreise verteuerten sich im Jahresvergleich um 23,5 Prozent, Benzin sogar um 40,5 Prozent. Reallöhne fielen damit den zweiten Monat in Folge.
„Die Amerikaner werden finanziell von der Inflation ausgequetscht“, sagte Heather Long, Chefökonomin bei Navy Federal Credit Union. „Es sind nicht nur schlechte Stimmungsindikatoren — es gibt echten finanziellen Druck, besonders für Mittelschicht- und einkommensschwache Haushalte.“
Umso erstaunlicher wirkte der Auftritt von Präsident Trump, der am Mittwoch gegenüber Journalisten erklärte: „Ich liebe die Inflation.“ Er zeigte sich überzeugt, dass die Preise nach Kriegsende „wie ein Stein fallen“ würden.
Fed zwischen Zinserhöhung und Abwarten
Die Inflationsdaten stellen die US-Notenbank Fed vor ein Dilemma. Noch zu Jahresbeginn hatten Märkte mit zwei Zinssenkungen gerechnet — bevor der Iran-Krieg Ende Februar ausbrach. Seither hat sich das Bild gedreht. Händler preisen mittlerweile eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte bis Dezember vollständig ein.
Für das Fed-Treffen am 17. Juni wird allgemein eine Pause erwartet. Doch der Druck steigt. „Der Bericht macht eine mögliche Zinserhöhung irgendwann in diesem Jahr nicht unwahrscheinlicher“, sagte Steve Kolano, Investmentchef bei Integrated Partners, mit Blick auf die CPI-Daten.
Ökonomen bleiben gespalten. James Knightley von ING verweist darauf, dass das schwächere Lohnwachstum inflationsdämpfend wirkt und Arbeit der größte Kostenfaktor für amerikanische Unternehmen bleibt. Kern-CPI — also ohne Energie und Lebensmittel — stieg im Mai nur um 0,2 Prozent gegenüber dem Vormonat, nach 0,4 Prozent im April. Das deutet darauf hin, dass der Energieschock bisher kaum auf die Breite der Wirtschaft durchschlägt.
„Wir erwarten weder eine Zinssenkung noch eine Zinserhöhung der Fed“, so Knightley. Klar ist aber: Solange die Straße von Hormuz gesperrt bleibt, bleibt auch der Druck auf die Notenbank bestehen.
EZB zieht nach: Versicherungshiking gegen Inflationserwartungen
Auf der anderen Seite des Atlantiks steht die Europäische Zentralbank vor einer ähnlichen Entscheidung — und setzt andere Prioritäten. Beim heutigen Treffen gilt eine Zinserhöhung von 2,0 auf 2,25 Prozent als sicher. Es wäre die erste Anhebung seit fast drei Jahren.
Mehrere EZB-Beobachter bezeichnen den Schritt als „Versicherungshiking“ — eine vorsorgliche Maßnahme, die bei nachlassendem Preisdruck wieder zurückgenommen werden könnte. Die Inflation in der Eurozone liegt bereits über drei Prozent. Chefvolkswirt Philip Lane, normalerweise als geldpolitische „Taube“ bekannt, argumentiert, der Iran-Schock sei breiter als die Ukraine-Krise, weil er globale Energiemärkte treffe.
Nicht alle teilen diese Einschätzung. Holger Schmieding von Berenberg warnt, die EZB steuere auf einen „geldpolitischen Fehler“ zu. Angesichts eines stagnierenden Arbeitsmarkts und schwacher Konsumnachfrage sei ein dauerhaftes Inflationsproblem unwahrscheinlich. Eine Reuters-Analyse von Unternehmensgesprächen zeigt: Nur 40 Prozent der nichtfinanziellen Unternehmen der Eurozone haben Preiserhöhungen vorgenommen oder geplant — etwa halb so viele wie während des Ukraine-Kriegs 2022.
Aktien und Währungen unter Druck
Wall Street verarbeitete all das mit deutlichen Verlusten. Der S&P 500 fiel am Mittwoch um 1,62 Prozent auf 7.267 Punkte, der Nasdaq verlor knapp zwei Prozent, der Dow Jones über 950 Punkte. Der Technologiesektor des S&P 500 bestätigte damit offiziell eine Korrektur — ein Minus von elf Prozent gegenüber seinem Rekordhoch vom 2. Juni. Halbleiterwerte wie Nvidia und Broadcom zählten zu den größten Verlierern.
Der US-Dollar zeigte sich trotz allem relativ stabil. Analyst Nick Twidale von ATFX Global erklärt das mit einer Art Nachrichten-Erschöpfung: „Eine ähnliche Eskalation vor einigen Wochen hätte Brent wohl über 100 Dollar getrieben und den Dollar nach oben gerissen.“ Die Märkte seien es schlicht müde, auf jede neue Schlagzeile zu reagieren.
Yen-Händler beobachten derweil angespannt die Marke von 160 Yen pro Dollar — einen Bereich, der traditionell als Interventionssignal Tokios gilt. Die Bank of Japan trifft sich nächste Woche zur Zinsentscheidung, ohne Gouverneur Ueda, der hospitalisiert ist. Dennoch gilt eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte als so gut wie beschlossen.
Was bleibt, ist eine Gemengelage aus Krieg, Inflation und widersprüchlichen politischen Signalen aus Washington. Wie lange Märkte diese Kombination mit relativer Gelassenheit tragen können, ist die entscheidende offene Frage.
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