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Iran-Krieg erschüttert globale Märkte

Der Iran-Krieg treibt den Dollar auf Zweimonatshoch, während Chinas Exporte boomen und Indien unter steigenden Ölkosten leidet.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Dollar-Index nahe Zweimonatshoch
  • Chinas Exporte legen deutlich zu
  • Indien leidet unter hohen Ölpreisen
  • Australisches Verbrauchervertrauen sinkt

Der Nahostkonflikt ist längst kein regionales Problem mehr. Vier Monate nach Kriegsbeginn schreibt der Iran-Krieg die Risikolandschaft der Weltwirtschaft neu — von Chinas Exportboom über Indiens Zahlungsbilanz bis zum US-Dollar-Kurs. Was oberflächlich wie eine Ansammlung separater Schlagzeilen wirkt, folgt einer gemeinsamen Logik: Der blockierte Strait of Hormuz verändert Handelsströme, treibt Inflation und zwingt Zentralbanken weltweit zum Umdenken.

Trumps Siegesversprechen — und die Realität

US-Präsident Donald Trump kündigt seit Wochen das baldige Ende des Konflikts an. Bei einer virtuellen Wahlkampfveranstaltung am Montag versprach er, die USA würden „innerhalb von zwei Wochen den totalen Sieg erklären“ und die Ölpreise danach „abstürzen“ lassen. Zwar stoppten Iran und Israel kurzzeitig ihre gegenseitigen Angriffe — doch Teheran drohte bereits, die Angriffe wieder aufzunehmen, sollte Israel seine Kampagne gegen Hisbollah im Libanon fortsetzen.

Die Märkte reagieren entsprechend skeptisch. „Was haben wir in den vergangenen Wochen wirklich erreicht? Nicht besonders viel“, kommentierte Rodrigo Catril, FX-Stratege bei NAB. Trumps Zustimmungsrate verharrt bei 35 Prozent — nahe dem Tiefstand seiner laufenden Amtszeit. 59 Prozent der Amerikaner erwarten steigende Benzinpreise im kommenden Jahr, nur 25 Prozent halten die Schläge gegen Iran für ihren Preis wert.

Dollar stark, Schwellenländer unter Druck

Die anhaltende Unsicherheit treibt Anleger in sichere Häfen. Der Dollar-Index hielt sich am Dienstag nahe seinem Zwei-Monats-Hoch bei 100, während Euro und Pfund Sterling auf Zwei-Monats-Tiefs fielen. Der japanische Yen näherte sich der viel beachteten Marke von 160 je Dollar — einer Schwelle, bei der Marktbeobachter mit möglichen Interventionen der japanischen Währungsbehörden rechnen.

Gleichzeitig steigen die Wetten auf eine US-Zinserhöhung. Nach einem starken Arbeitsmarktbericht sehen Terminmärkte eine 70-prozentige Chance auf eine Fed-Erhöhung bis Dezember. Alle Augen richten sich nun auf die US-Inflationsdaten am Mittwoch. „Ein heißerer CPI-Wert würde frische Unterstützung für den Dollar liefern und gleichzeitig Druck auf US-Aktien ausüben“, warnte Tony Sycamore, Marktanalyst bei IG. Auch die Europäische Zentralbank dürfte diese Woche die Zinsen erneut anheben — getrieben von energiepreisbedingter Inflation bei gleichzeitig schwächelnder Konjunktur.

Chinas Exporte: Boom mit Verfallsdatum

Während viele Volkswirtschaften ächzen, scheint China kurzfristig vom Chaos zu profitieren. Die chinesischen Exporte legten im Mai um 19,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu — deutlich über den erwarteten 15 Prozent. Der Handelsüberschuss kletterte auf 105,4 Milliarden Dollar, fast 25 Prozent über den Prognosen. Auch die Importe überraschten: Plus 27,4 Prozent, angetrieben vor allem durch die rasant steigende Nachfrage nach Halbleitern und KI-Infrastruktur.

Ausländische Abnehmer bestellten massenhaft chinesische Waren auf Vorrat, um sich gegen steigende Energiekosten und Lieferkettenstörungen im Zusammenhang mit dem Golfkrieg abzusichern. Doch dieser Vorzieheffekt birgt ein strukturelles Risiko. Separate PMI-Daten zeigen bereits einen steilen Rückgang neuer Exportaufträge gegenüber dem April-Hoch. Wenn die Lager voll sind und auf einen Waffenstillstand gewartet wird, dürfte die Bestellflut abebben — und mit ihr Chinas exportgetriebenes Wachstum.

Hinzu kommt wachsender internationaler Druck: Die OECD stellte vergangene Woche fest, dass fast 60 Prozent der Marktanteilsgewinne chinesischer Unternehmen auf staatliche Subventionen zurückzuführen seien. Und ein neues Fed-Papier warnt, Chinas Handelsüberschuss gemessen am globalen BIP übersteige inzwischen ein Prozent — höher als die historischen Spitzenwerte Japans und Deutschlands.

Indien: Wenn der Goldilocks-Moment endet

Kaum eine große Volkswirtschaft spürt den Krieg so direkt wie Indien. Als drittgrößter Ölimporteur der Welt deckt das Land rund 90 Prozent seines Bedarfs durch Importe — ein erheblicher Teil davon über den blockierten Strait of Hormuz. Noch zu Jahresbeginn sprach der Zentralbankchef von einer „seltenen Goldilocks-Phase“ mit fallender Inflation und solidem Wachstum. Dieses Bild hat sich gründlich gewandelt.

Der Öl- und Gasimportbetrag sprang im April gegenüber März um 53 Prozent. Die Rohölpreise liegen noch immer rund 30 Prozent über dem Niveau vor Kriegsbeginn, die Gaspreise sogar 75 Prozent höher. Die Zentralbank erwartet für das Haushaltsjahr bis März 2027 eine Inflation von 5,1 Prozent — nach nur 3,48 Prozent im April — und ein gesunkenes Wirtschaftswachstum von 6,6 statt zuvor 7,7 Prozent.

Die Regierung steckt in der Klemme: Verbraucherpreise für Kraftstoffe wurden bislang kaum angehoben, um Haushalte zu schützen. Gleichzeitig stiegen Ausgaben für Düngemittelsubventionen um geschätzte 20 Prozent — in einem Jahr, in dem El-Niño-bedingte Dürren die Ernte bedrohen. Das Haushaltsdefizit dürfte laut Reuters-Umfrage auf 4,7 Prozent des BIP anschwellen, manche Ökonomen sehen es bei fünf Prozent.

Australien: Stimmung trübt sich ein

Auch jenseits der unmittelbaren Kriegsregion hinterlässt die Unsicherheit Spuren. In Australien fiel das Verbrauchervertrauen im Juni um 2,9 Prozent auf 80,6 Punkte — nahe historischen Tiefständen. Besonders das Teilindex für die Haushaltslage brach ein: Die Erwartungen an die eigenen Finanzen im kommenden Jahr gaben 8,5 Prozent nach und gaben damit fast alle Gewinne des Vormonats wieder ab.

Westpac-Ökonom Matthew Hassan sieht Australiens Konsumenten klar auf Defensivkurs. Das schwache Stimmungsbild stärkt nach Einschätzung der Bank die Argumente für eine Zinspause der Reserve Bank of Australia bei ihrer Sitzung Mitte Juni — auch wenn die Inflation weiteren Druck aufbauen könnte.

Ausblick: Waffenstillstand oder weitere Eskalation?

Die entscheidende Variable bleibt der Konflikt selbst. Solange der Strait of Hormuz blockiert bleibt, werden Ölpreise hoch, Inflation hartnäckig und Wachstumspfade fragiler bleiben. Chinas Exportmotor läuft auf Vorschuss, Indiens Wirtschaft kämpft gegen mehrere Schocks gleichzeitig, und die Fed steht vor einer schwierigen Abwägung zwischen Preisstabilität und Konjunktur.

Trumps Zwei-Wochen-Versprechen ist nicht das erste seiner Art. Ob diesmal mehr dahintersteckt, wird die wichtigste Marktfrage der nächsten Tage bleiben.

Felix Baarz

Felix Baarz ist Wirtschaftsjournalist mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in der Berichterstattung über internationale Finanzmärkte. Als gebürtiger Kölner begann er seine Laufbahn bei einer deutschen Fachpublikation, bevor er für sechs Jahre nach New York zog.

In New York berichtete er direkt aus dem Zentrum der globalen Finanzwelt über Entwicklungen an der Wall Street und wirtschaftspolitische Entscheidungen von internationaler Tragweite. Diese Zeit prägte seine analytische Herangehensweise an komplexe Wirtschaftsthemen.

Heute arbeitet Baarz als freier Journalist für führende deutschsprachige Wirtschafts- und Finanzmedien. Seine Schwerpunkte liegen auf der fundierten Analyse globaler Finanzmärkte und der verständlichen Aufbereitung wirtschaftspolitischer Zusammenhänge. Neben seiner schriftlichen Arbeit moderiert er Fachdiskussionen und nimmt an Expertenrunden teil.

Sein journalistischer Ansatz kombiniert tiefgreifende Recherche mit präziser Analyse, um Lesern Orientierung in einer sich wandelnden Wirtschaftswelt zu bieten.