Der Nahe Osten hält die Welt in Atem — und die Finanzmärkte zahlen den Preis. Zehn Wochen nach Beginn des US-israelischen Kriegs gegen Iran läuft die Weltwirtschaft auf einem gefährlichen Grat: Öl über 106 Dollar je Barrel, rekordtiefe Währungen in Asien, steigende Anleiherenditen und ein US-Inflationsbericht, der am heutigen Dienstag die Nervosität weiter schüren dürfte.
Die geschlossene Straße von Hormuz ist das Sinnbild der Krise. Rund 80 Prozent des seegestützten Ölhandels durch die enge Meerenge ist normalerweise für Asien bestimmt. Dass sie seit Wochen effektiv dicht ist, trifft den gesamten Globus — nur eben nicht alle gleich hart.
Asien unter Druck: Währungen brechen ein
Indonesiens Rupiah fiel am Dienstag auf ein Rekordtief. Indische Rupie und philippinischer Peso haben ebenfalls historische Tiefstände markiert. Südkorea, Thailand und Malaysia kämpfen gegen anhaltenden Abwertungsdruck. Die Zentralbanken intervenieren, doch ihr Spielraum schrumpft. „Die Zentralbanken werden zögern, ihre Devisenreserven weiter abzuschmelzen“, sagte Mitul Kotecha von Barclays. „Wir werden daher wohl kreativere Maßnahmen zur Währungsstützung sehen.“
Japan steckt in einer besonders misslichen Lage. Das Land bezieht rund 95 Prozent seines Öls aus dem Nahen Osten — der Yen ist damit strukturell am anfälligsten für steigende Energiepreise. Beim Annähern der Marke von 160 Yen je Dollar griff Tokio zur Intervention. Begleitet wurde die Maßnahme am Dienstag von einem bilateralen Treffen zwischen US-Finanzminister Scott Bessent und seiner japanischen Amtskollegin Satsuki Katayama. Bessent bekräftigte eine „ständige und robuste“ Koordination beider Länder bei unerwünschten Währungsbewegungen — eine implizite Billigung der japanischen Interventionen. Analysten blieb aber ein deutliches Signal gegen weitere Yen-Schwäche verwehrt. „Der entscheidende Punkt ist, welche Botschaften Bessent noch senden wird“, sagte Akira Moroga von der Aozora Bank.
Inflation als politische Zeitbombe
In den USA veröffentlicht das Arbeitsministerium heute den Verbraucherpreisindex für April. Ökonomen erwarten einen Anstieg von 0,6 Prozent gegenüber dem Vormonat — nach dem Sprung von 0,9 Prozent im März, dem stärksten Monatswert seit Juni 2022. Im Jahresvergleich dürfte die Inflationsrate auf 3,7 Prozent klettern, den höchsten Stand seit September 2023.
Benzinpreise sind der zentrale Treiber. Der durchschnittliche US-Gallonenpreis ist von rund 3 Dollar auf über 4,50 Dollar gestiegen. Nähert er sich der 5-Dollar-Marke, wächst der innenpolitische Druck auf Präsident Trump erheblich. „Die Menschen merken jetzt, dass die Versprechen über sinkende Lebenshaltungskosten ein Märchen waren“, sagte Wirtschaftsprofessor Brian Bethune von der Boston University. Erschwerend kommt hinzu: Lebensmittelpreise dürften in den kommenden Monaten steigen, da Düngemittellieferungen stocken und Energiekosten die gesamte Lieferkette belasten.
Für Trumps Republikanische Partei wird die Inflationsdynamik vor den Midterm-Wahlen im November zum wachsenden Risiko. Der Präsident hatte seinen Wahlsieg 2024 wesentlich auf das Versprechen niedrigerer Preise gestützt.
Anleihen und politische Risiken in Großbritannien
An den Anleihemärkten kehrt die Anspannung zurück. In den USA liegen die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen bei rund 4,40 Prozent — etwa 40 Basispunkte über dem Vorkriegsniveau. Eine Schwelle von 4,50 Prozent betrachten Analysten als Kipppunkt für Aktien- und Kreditmärkte. „Das wäre disruptiv“, warnte Guy Miller von Zurich Insurance.
Großbritannien trifft es noch doppelt. Zur Inflationsangst gesellt sich eine Regierungskrise: Premierminister Keir Starmer kämpft nach schweren Kommunalwahlniederlagen um sein politisches Überleben. Nahezu 80 Abgeordnete seiner Partei haben öffentlich seinen Rücktritt gefordert. Die Rendite zehnjähriger britischer Staatsanleihen sprang um 11 Basispunkte auf 5,11 Prozent — nur knapp unter dem Höchststand seit 2008. Das Pfund Sterling verlor 0,5 Prozent auf 1,354 Dollar. Barclays verlor zeitweise vier Prozent, Natwest und Lloyds je über drei Prozent. „Ein geregelter Abgang wäre unser Basisszenario“, sagte Mohit Kumar von Jefferies. „Jeder Nachfolger dürfte linksorientierter sein — negativ für langlaufende Anleihen und das Pfund.“
Stillstand bei den Friedensverhandlungen
Der Hintergrund all dieser Marktturbulenzen: Die Diplomatie tritt auf der Stelle. Trump bezeichnete den fragilen Waffenstillstand mit Iran als „am seidenen Faden hängend“ und Teherans Gegenvorschlag als „Stück Müll“. Iran hält das eigene Angebot für „großzügig und verantwortungsbewusst“ und besteht auf der Wiedereröffnung der Straße von Hormuz.
Mancher setzt Hoffnungen auf Trumps bevorstehende Reise nach China und ein Gipfeltreffen mit Präsident Xi Jinping. China ist einer der größten Abnehmer iranischen Öls und könnte als Garant eines Friedensabkommens auftreten. Analysten von Vital Knowledge dämpfen die Erwartungen allerdings deutlich: „Das könnte pures Wunschdenken sein.“ Und sie fügen hinzu, dass Trumps Glaubwürdigkeit als militärische Kraft schwindet — je länger er Eskalation vermeidet, desto mehr erodiert die Abschreckungswirkung.
Ein globaler Kettenreaktion
Der Krieg entfaltet seine Wirkung wie eine wirtschaftliche Kettenreaktion. Jet-Kerosin hat sich seit Kriegsbeginn um 84 Prozent verteuert — die US-Billigairline Spirit Airlines musste den Betrieb einstellen. Lebensmittelpreise geraten unter Druck, da Energiekosten und Düngemittelknappheit die Agrarproduktion belasten. Der Baltische Frachtindex steht auf dem höchsten Stand seit 2023. Und in Europa liegen die Inflationserwartungen für das kommende Jahr bei 4,0 Prozent — vor dem Krieg waren es 2,5 Prozent.
Was bleibt, ist eine Weltlage zwischen Hoffnung und Erschöpfung. Solange Hormuz geschlossen bleibt und die Verhandlungen stagnieren, dürfte sich die Druckspirale an den Märkten weiterdrehen.
