Der Nahe Osten brennt — und die Börsen spüren es. Vier Monate nach Kriegsbeginn hält der Iran-Konflikt die globalen Finanzmärkte in einem Würgegriff aus steigenden Energiepreisen, nervöser Währungsvolatilität und einer Notenbank-Politik, die sich in Windeseile neu kalibrieren muss. Was eigentlich eine kurze Operation werden sollte, zieht sich zur wirtschaftlichen Belastungsprobe aus.
Öl, Dollar und die Angst vor dem Nächsten
Die unmittelbarste Reaktion zeigt sich an den Rohstoffmärkten. Brent-Rohöl kletterte auf fast 98 Dollar pro Barrel, die Marke von 100 Dollar rückt bedrohlich nah. Der Grund: Der Iran hält die Straße von Hormus weitgehend blockiert, während die USA mit ihrer Seeblockade dagegenhält. Durch diese enge Meerenge fließt ein erheblicher Teil des weltweiten Öltransports — jede Eskalation treibt den Preis.
Der Dollar profitiert davon doppelt. Als sicherer Hafen zieht er Kapital an, während der Yen unter Druck gerät — Japan ist auf Energieimporte angewiesen und leidet deshalb besonders unter hohen Ölpreisen. Der Dollar-Yen-Kurs kratzte erneut an der Marke von 160, jenem Niveau, bei dem die japanischen Behörden im April mit einem Rekordeingriff von umgerechnet 73 Milliarden Dollar intervenierten. Premierministerin Takaichi warnte verbal, der Effekt verpuffte schnell.
„Die Intervention hat ihnen nicht viel Zeit gekauft“, konstatierte Marc Chandler von Bannockburn Global Forex trocken. Und tatsächlich: Binnen weniger Wochen ist der Yen wieder dort, wo er zuvor war.
Inflation zwingt Notenbanken zum Umdenken
Hier liegt der eigentlich tiefgreifende Wandel. Noch vor dem Ausbruch des Konflikts im Februar rechneten die Märkte fest mit Zinssenkungen — in den USA, Europa und Japan. Dieses Szenario ist inzwischen vom Tisch. Die Inflation hat das Steuer übernommen.
Der US-Verbraucherpreisindex liegt nach der Fed-Zielgröße PCE bei 3,8 Prozent — mehr als fünf Jahre lang über dem Zwei-Prozent-Ziel. Im jüngsten Beige Book der Federal Reserve zeichnen die Wirtschaftsberichte ein klares Bild: Energiekosten aus dem Nahen Osten sind der dominante Inflationstreiber, mit Ausstrahlungseffekten auf Schifffahrt, Verpackung, Lebensmittel und Düngemittel. Der neue Fed-Chef Kevin Warsh — von Trump mit der expliziten Erwartung von Zinssenkungen eingesetzt — sieht sich mit einer Wirtschaft konfrontiert, die eher nach Zinserhöhungen schreit.
Die Märkte haben das registriert. Rund 19 Basispunkte an Zinserhöhungen sind bis Dezember eingepreist, eine vollständige Anhebung um einen Viertelpunkt bis März 2027. In Europa gilt ein Anstieg der Zinsen in der kommenden Woche als nahezu sicher, nachdem die Inflationsdaten beschleunigt hatten. In Japan taxieren Trader die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im Juni auf rund 75 Prozent.
Aktien unter Druck — mit Ausnahmen
An den Börsen dominierte Verkaufsdruck. Der Dow Jones verlor knapp ein Prozent, der Nasdaq 0,7 Prozent, der S&P 500 gab nach. Technologieaktien führten die Verluste an — Tech minus 1,5 Prozent, mit IBM minus 7 Prozent und Nvidia minus 4 Prozent als auffälligste Verlierer. Broadcom erreichte zunächst ein Rekordhoch, fiel dann aber nachbörslich um 7 Prozent.
Energie-Aktien legten dagegen zu, plus 1,4 Prozent, und Walmart gewann 3,5 Prozent. Das ist das klassische Kriegs-Marktmuster: Rohstoffproduzenten und defensive Konsumtitel halten sich, wachstumsorientierte Technologiewerte leiden.
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Ein bemerkenswerter Gegenläufer: Japan. Der Nikkei schloss erstmals über 68.000 Punkten — ein Rekord. Steigende Zinsen, Währungsschwankungen und lebhafter Handel beflügeln ausgerechnet das japanische Finanzgeschäft. Kein Zufall also, dass Sumitomo Mitsui Financial Group (SMFG) jetzt ehrgeizig nach vorne schaut.
Japan in der Pole Position
Japans zweitgrößte Bank hat sich vorgenommen, ihre Einnahmen aus dem Handelsgeschäft von derzeit umgerechnet rund 2,5 Milliarden auf 5 Milliarden Dollar zu verdoppeln. Arihiro Nagata, Leiter der globalen Märkte bei SMFG, nennt einen Zeithorizont von sechs Jahren — konservativ gerechnet.
Das Timing ist kein Zufall. „Mit der Normalisierung der Zinsen steigt die Zahl der Anfragen für Handelsabschlüsse erheblich“, sagt Nagata. Was ihm auffällt: Noch vor wenigen Jahren stammten 70 Prozent des Zins-Swap-Geschäfts in Yen von inländischen Investoren. Heute ist das Verhältnis umgekehrt — 70 Prozent kommen von ausländischen Anlegern, die auf die japanischen Zinsmärkte setzen.
Das volatile Umfeld begünstigt das Handelsgeschäft gegenüber dem klassischen Kreditgeschäft. „Wenn Volatilität hoch ist, ist Sales and Trading der richtige Weg — nicht das kommerzielle Bankgeschäft“, sagt Nagata. SMFG hat seine Handelsabteilung bereits restrukturiert und baut auf seine strategische Partnerschaft mit der US-Investmentbank Jefferies, an der die Japaner 20 Prozent halten.
Politische Spannungen als Marktrisiko
Während die Märkte mit wirtschaftlichen Risiken ringen, kommen politische dazu. Trump hat laut Wall Street Journal privat angedeutet, dass er den Waffenstillstand mit Iran aufkündigen würde, falls US-Soldaten getötet werden. Bislang sind 15 amerikanische Soldaten gefallen, 543 verletzt. Der Krieg, der nach sechs Wochen enden sollte, dauert nun vier Monate.
Für das NATO-Bündnis ist die Situation brisant. Außenminister Rubio bestätigte, dass Trump am Gipfeltreffen in Ankara Anfang Juli teilnehmen wird — ein Signal der Kontinuität, das Erleichterung in europäischen Hauptstädten auslöst. Mehrere NATO-Staaten hatten die Nutzung ihrer Militärbasen für US-Operationen verweigert, was Trump zur Forderung nach mehr Beistand bewog.
Britische Unternehmen melden unterdessen ihren Verdruss über die wirtschaftlichen Konsequenzen. Der Wirtschaftsverband CBI warnte die Labour-Regierung davor, Firmen als Sündenbock für steigende Energiepreise hinzustellen. „Das Narrativ von Profiteuren und Abzockern trifft nicht nur nicht zu, es ist auch zutiefst schädlich“, sagte CBI-Chefin Rain Newton-Smith.
Was bleibt offen
Die entscheidende Frage für die kommenden Wochen ist, ob der US-Arbeitsmarktbericht am Freitag die Notenbanken endgültig in Richtung Zinserhöhung drängt. Ökonomen erwarten eine stabile Arbeitslosenquote von 4,3 Prozent — doch der private Stellenaufbau hat im Mai die Erwartungen bereits übertroffen. Ein starker Bericht könnte den Dollar weiter stärken, den Druck auf den Yen erhöhen und die Zinserhöhungsdebatte bei der Fed beschleunigen. Der Iran-Krieg hat die globale Finanzarchitektur in wenigen Monaten grundlegend verändert. Ein schnelles Ende ist nicht in Sicht.
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