Das Wochenende hat die Spielregeln verändert. Die Einigung zwischen Washington und Teheran auf ein Waffenstillstandsrahmenwerk — und damit die Aussicht auf eine Wiedereröffnung der Straße von Hormus — löste am Montag eine breite Rally aus. Aktien stiegen, Ölpreise brachen ein, und Anleger weltweit kalkulieren ihre Portfolios neu. Doch hinter dem Aufatmen lauern Widersprüche, ungeklärte Fragen und eine Zentralbankwoche, die es in sich hat.
Die Rallye und ihre Grenzen
Japanische und südkoreanische Aktien legten mehr als 5 Prozent zu, US-amerikanische und europäische Terminkontrakte kletterten um mehr als 1 Prozent. Brent-Rohöl fiel um rund 5 Prozent — Erleichterung für die energieabhängigen Volkswirtschaften Asiens. EZB-Präsidentin Christine Lagarde kommentierte die Nachricht positiv: „Das ist gute Neuigkeit. Wir können sie nur begrüßen.“ Sie fügte allerdings hinzu, die Geschichte sei noch nicht zu Ende erzählt — die Frage der Urananreicherung bleibe offen.
Und genau das ist das Problem. Ob die Straße von Hormus wirklich am Freitag vollständig öffnet, ist unklar. Trump sprach von einer mautfreien Durchfahrt, Teheran bestand auf dem eigenen Kontrollanspruch — gemeinsam mit dem Oman. Solange Reeder und Versicherungen keine Klarheit über Schutz und Kosten haben, bleibt die normalisierte Schifffahrt durch die Meerenge Wunschdenken.
Notenbanken vor heiklen Entscheidungen
Die Einigung trifft die Zentralbankwelt in einem ohnehin angespannten Moment. In Japan trifft die Bank of Japan am Dienstag zusammen — erwartet wird eine Zinserhöhung auf 1 Prozent, erstmals seit 1995. Eigentlich ein historischer Moment. Und dennoch: Den Yen hat die Nachricht kaum bewegt. Die Währung hält sich über der Marke von 160 Yen je Dollar — jenem Niveau, das das Finanzministerium im Mai zu einem Rekordinterventionseinsatz von 11,7 Billionen Yen veranlasst hatte.
Das Dilemma ist strukturell. Naka Matsuzawa von Nomura Securities bringt es auf den Punkt: „Die Bank of Japan liegt immer noch hinter der Kurve. Ich glaube nicht, dass sie die Markterwartungen an einen hawkishen Kurs erfüllen kann.“ Erschwerend kommt hinzu, dass Notenbankchef Kazuo Ueda wegen eines infizierten Leberzysten hospitalisiert ist und die Pressekonferenz sein Stellvertreter Shinichi Uchida übernehmen wird — zum ersten Mal seit mindestens 1998 fehlt ein BOJ-Gouverneur bei einer planmäßigen Sitzung. Daiwa-Stratege Masahito Sugawara warnt: Ein fallender Ölpreis durch den Iran-Deal könnte den Inflationsdruck abschwächen — und damit Uchidas Aussagen weniger hawkish ausfallen lassen als erhofft.
In London trifft die Bank of England am Donnerstag zusammen. Gouverneur Andrew Bailey sieht keinen Anlass zur Eile: Die BoE habe bereits durch den Stopp geplanter Zinssenkungen faktisch gestrafft. Die britische Wirtschaft schrumpfte im April um 0,1 Prozent, die Arbeitslosigkeit könnte laut dem Verband britischer Industrie auf ein Elf-Jahres-Hoch von 5,5 Prozent steigen. Dennoch könnten ein bis zwei Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses für eine sofortige Zinserhöhung votieren. MPC-Mitglied Megan Greene formulierte es unmissverständlich: „Das Risiko zu handeln — selbst wenn sich die Inflation als weniger hartnäckig erweist — ist geringer als das Risiko untätig zu bleiben.“
Auch in Washington steht eine wegweisende Woche an. Kevin Warsh leitet seine erste Fed-Sitzung als neuer Vorsitzender. An einer Zinsänderung wird kaum gerüttelt, aber die Märkte warten auf Signale: Wie kommuniziert der neue Fed-Chef? Wie groß ist die Meinungsdivergenz im Offenmarktausschuss? Der US-Verbraucherpreisindex stieg zuletzt so schnell wie seit drei Jahren nicht — getrieben von den Energiepreisen infolge des Iran-Kriegs. Trump hat unterdessen erneut niedrige Zinsen gefordert. Ein günstiger Ölpreis könnte die Tauben im Fed-Board stärken — doch eine geldpolitische Kehrtwende in Richtung neutral bleibt ein Risiko dieser Woche.
Gold verliert, China gewinnt
Die verschobenen Zinserwartungen hinterlassen Spuren im Anlageuniversum. Gold, einst der Fels in der Brandung, ist von seinem Januar-Hoch bei 5.595 Dollar je Feinunze um rund 25 Prozent gefallen — auf zuletzt etwa 4.188 Dollar. Die Kombination aus steigenden Zinserwartungen, starkem Dollar und dem Durchbrechen des 200-Tage-Durchschnitts hat die technische Dynamik gedreht. Standard Chartered schätzt, dass allein unter der Marke von 4.250 Dollar rund 270 Tonnen Gold in ETFs in der Verlustzone liegen.
Den überraschenden Gewinner dieser turbulenten Phase findet man in Peking. Chinesische Staatsanleihen haben sich als unerwarteter sicherer Hafen erwiesen. Während zehnjährige Renditen in den USA, Großbritannien und Japan um 35 bis 60 Basispunkte gestiegen sind, sanken die entsprechenden Renditen chinesischer Papiere um 8 Basispunkte. Die Korrelation zu westlichen Märkten tendiert gegen null — genau das macht sie attraktiv. „Attraktivität wird nach risikoadjustierten Maßstäben beurteilt. China liefert außergewöhnliche Preisstabilität“, sagt Wei Li von BNP Paribas Securities. Matthias Dettwiler von UBS Asset Management ergänzt: „Wenn man die Korrelation zwischen chinesischen Staatsanleihen und europäischen Zinsen betrachtet — sie liegt nahe null. Das hat seinen Reiz.“
G7 unter Druck
Den politischen Rahmen liefert der G7-Gipfel im französischen Évian-les-Bains. Nahost, Ukraine, Handelspolitik — die Agenda ist voll. Trump hat bereits vor dem Treffen Druck aufgebaut: Er droht Frankreich mit 100-Prozent-Zöllen auf Wein und Champagner, sollte Paris seine Digitalsteuer auf US-Technologiekonzerne nicht abschaffen. Die sogenannte GAFAM-Steuer trifft Alphabet, Amazon, Meta und Apple — und brachte Frankreich 2025 rund 700 Millionen Dollar ein. Kanada hat seine Digitalabgabe inzwischen gestrichen, Italien erwägt ähnliches. Frankreich steht zunehmend isoliert.
Was diese Woche zeigen wird: Ob der Iran-Deal Substanz hat oder eine fragile Skizze bleibt — und welche Notenbanken bereit sind, den nächsten Schritt zu gehen. Die Märkte haben gefeiert. Jetzt kommt der Realitätscheck.
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