Intel notiert bei 78,42 Euro und liegt damit 37 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch vom 30. Juni. Der Kurs hat sich in nur 30 Tagen um 28 Prozent verringert. Für eine Aktie, die seit Jahresbeginn immer noch 149,75 Prozent zulegte, wirkt das brutal — löscht aber die größere Story nicht aus.
Und das ist der eigentliche Punkt: Der Ausverkauf passt nicht zu den Zahlen, die Intel vorgelegt hat.
Starke Zahlen, schwache Reaktion
Die KI-getriebene Nachfrage nach Server-Chips ließ das Rechenzentrumsgeschäft um 59 Prozent wachsen. Der Gesamtumsatz kletterte auf 16,1 Milliarden Dollar. Die GAAP-Bruttomarge erholte sich auf 40,4 Prozent, nach 27,5 Prozent im Vorjahresquartal.
Das Management hob zudem die Investitionsprognose für 2026 an — von 18 Milliarden auf mehr als 20 Milliarden Dollar. Für 2027 soll noch mehr investiert werden. CEO Lip-Bu Tan sprach von einer „beispiellosen“ Nachfrage nach KI-Rechenleistung.
Trotzdem fiel die Marktreaktion verhalten aus. Mein Lesart: Der Markt hatte bereits ein nahezu perfektes Quartal eingepreist. Jetzt verlangt er den Beweis, dass das Geschäftsmodell auch langfristig trägt — nicht nur ein gutes Quartal.
Fortinet als Kunde — aber auf der falschen Fertigungsstufe
Zwei Tage vor den Zahlen beantwortete Intel endlich eine alte Kritik. Fortinet wird seinen nächsten Sicherheitschip, den SP6, bei Intels Foundry fertigen lassen. Es ist der erste namentlich bekannte externe Kunde für Intels Auftragsfertigung unter CEO Lip-Bu Tan, der den Chipkonzern im März 2025 übernahm.
Der Haken: Der Fortinet-Chip läuft über den Intel-4-Prozess. Das ist eine ältere Fertigungstechnologie, gedacht für einfachere Chips wie ASICs. Intels Spitzentechnologien heißen 14A und 18A — und genau die bleiben ohne namhaften Großkunden.
Das ist keine Randnotiz. Der Foundry-Umsatz stieg zwar um 31 Prozent, doch externe Kunden steuerten nur etwa 5 Prozent zum Segmentumsatz bei. Genauer: Von 5,8 Milliarden Dollar Foundry-Umsatz kamen laut Finanzchef David Zinsner gerade einmal 293 Millionen Dollar von externen Kunden. Der operative Verlust des Segments schrumpfte immerhin von 3,2 auf 2,1 Milliarden Dollar.
Intel selbst gestand die Lücke in einer Unternehmensmitteilung vom April ein: Der Konzern sucht weiterhin einen „bedeutenden“ Kunden für seine fortschrittlichste Fertigungstechnik. Ohne diesen Kunden fällt es schwer, die riesigen Investitionen in Fabriken in den USA und im Ausland zu rechtfertigen.
Analysten bewerten den Fortinet-Deal deshalb vorsichtig: ein benannter Kunde auf Intel 4 ist Fortschritt — aber nicht der Beweis, dass Intel die fortschrittlichsten Chips der Branche in großen Stückzahlen fertigen kann. Bis ein Großkunde echtes Volumen auf 18A oder 14A verpflichtet, bleibt Foundry eine Geschichte interner Fortschritte, nicht bewiesener externer Nachfrage.
Charttechnik: Erschöpfung, kein Kollaps
Der Kurs liegt gut 20 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 98,10 Euro, aber nur knapp unter dem 100-Tage-Durchschnitt von 81,89 Euro. Gegenüber dem 200-Tage-Durchschnitt von 58,84 Euro steht Intel immer noch gut ein Drittel im Plus — ein Zeichen, dass der mittelfristige Aufwärtstrend intakt bleibt, auch wenn die kurzfristige Dynamik gebrochen ist.
Der RSI(14) von 39,2 nähert sich überverkauftem Terrain, ohne eine Kapitulation zu bestätigen. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 77 Prozent zeigt, wie heftig die Stimmung derzeit auf einzelne Schlagzeilen reagiert.
Mein Fazit
Der Konsens-Kursziel-Durchschnitt liegt bei 100,07 Euro — rund 28 Prozent über dem aktuellen Niveau. Analysten sehen die KI-Story im Rechenzentrumsgeschäft demnach weiterhin intakt. Allerdings basiert dieses Kursziel auf einer Foundry-Erzählung, die bislang nur teilweise eingelöst wurde.
Für mich ist die ehrliche Einschätzung nuanciert. Intels Fundamentaldaten im KI-Geschäft verbessern sich tatsächlich, und der Fortinet-Deal nimmt den Bären ein Argument. Aber er landete auf der älteren Intel-4-Technologie, nicht auf 18A oder 14A — und genau das war das eigentliche Versprechen an die Investoren.
Die Marktkapitalisierung von 394 Milliarden Euro preist bereits erheblichen Erfolg bei der Wende ein, den Intel auf der entscheidenden Kennziffer noch nicht geliefert hat. Solange kein Großkunde echtes Volumen auf die Spitzentechnologie verpflichtet, dürfte jede Erholung Richtung 50-Tage-Durchschnitt auf dieselbe Skepsis treffen, die den aktuellen Ausverkauf erst ausgelöst hat.
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