Reicht ein einziger Handelstag mit einem Kurssprung von 10,76 Prozent, um aus dem jahrelangen Sorgenkind der Chipbranche einen KI-Gewinner zu machen? Intel hat diese Frage am Dienstag zumindest kurzzeitig mit Ja beantwortet. Die Aktie schloss bei 87,52 Euro. Damit steht Intel seit Jahresbeginn mit 178,73 Prozent im Plus – eine Zahl, die noch vor zwölf Monaten kaum jemand für möglich gehalten hätte.
Lange galt Intel als der Nachzügler der KI-Revolution. Nvidia baute Marktanteile aus, AMD holte im Server-Geschäft auf, und Intel kämpfte mit Verzögerungen bei neuen Fertigungsprozessen. Die jüngsten Quartalszahlen erzählen eine andere Geschichte. Der Umsatz kletterte auf 16,13 Milliarden Euro, das stärkste Wachstum seit 15 Jahren. Treiber war vor allem das Data-Center- und KI-Segment, das um 59 Prozent zulegte.
Die stille Waffe heißt Advanced Packaging
Während die Öffentlichkeit meist auf Nanometer-Rennen und neue Chip-Architekturen starrt, entscheidet sich der eigentliche Wettbewerbsvorteil oft woanders. Intels Verpackungstechnologie EMIB verbindet mehrere Chiplets zu einem leistungsfähigen Gesamtsystem. Die Weiterentwicklung EMIB-T erreicht Berichten zufolge eine Ausbeute von 98 Prozent – TSMC arbeitet Berichten zufolge noch an vergleichbaren Lösungen. Kein Wunder, dass Hyperscaler wie Google, Amazon und selbst Nvidia Interesse an dieser Technik zeigen sollen.
Diese Verpackungstechnik könnte zum eigentlichen Differenzierungsmerkmal werden, während der Wettbewerb noch auf Nanometer schaut.
Die Foundry-Sparte bleibt allerdings ein teures Unterfangen. Sie erwirtschaftete 5,8 Milliarden Euro Umsatz, verbuchte aber einen operativen Verlust von 2,1 Milliarden Euro. Intel erhöht dennoch die Investitionspläne für 2026 auf 20 Milliarden Euro. Ein Teil davon fließt in eine Werkserweiterung im irischen Leixlip mit einem Volumen von 5 Milliarden Euro. Anleger scheinen bereit, diese Verluste zu tolerieren, solange die Wachstumsstory im KI-Geschäft intakt bleibt.
Makro-Rückenwind trifft auf ein angespanntes Chartbild
Der Kurssprung fällt nicht zufällig in eine Phase allgemeiner Marktentspannung. Am 4. August sorgten Berichte über eine mögliche Öffnung der Straße von Hormus für fallende Ölpreise und trieben Dow Jones sowie S&P 500 auf Rekordstände. Der breitere Halbleitersektor läuft derzeit in einem regelrechten Risiko-an-Modus, und Intel führt diese Bewegung nicht nur mit, sondern an.
Trotz der Euphorie bleibt der Weg zur runden Marke von 100 Euro noch offen. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt genau dort – ein Aufschlag von 14,3 Prozent gegenüber dem Schlusskurs vom Dienstag. Die Aktie hat einen turbulenten Monat hinter sich: Nach dem Höhepunkt im Juni folgte ein Rückgang von 18,07 Prozent innerhalb von 30 Tagen, bevor der jüngste Sprung einen Teil davon wieder wettmachte.
Mit einer Marktkapitalisierung von 394,97 Milliarden Euro ist Intel längst kein Nischenwert mehr, der auf ein Comeback hofft. Der Konzern wird von einem wachsenden Teil des Marktes bereits als unverzichtbarer Baustein der KI-Infrastruktur behandelt. Dass der Server-CPU-Markt nach aktuellen Einschätzungen bis mindestens Ende 2026, teils sogar bis 2028, von Lieferengpässen geprägt bleibt, verschafft Intel eine seltene Position: mehr Nachfrage, als das Unternehmen aktuell bedienen kann.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob der Ausbruch über die 100-Euro-Marke gelingt oder ob die Konsolidierung nach dem Junihoch noch anhält. Die Foundry-Verluste bleiben dabei der Preis, den Intel für seinen Platz am KI-Tisch zahlt.
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