Der Iran-Krieg hat die globalen Finanzmärkte in eine neue Realität gezwungen. Höhere Energiepreise, steigende Inflation und eine abrupte Zinswende bei der Europäischen Zentralbank — die Weichen stellen sich um, und zwar schneller als viele Anleger es erwartet hatten.
EZB bricht mit der Nullzins-Ära
Es ist eine historische Zäsur: Die EZB hat ihren Leitzins erstmals seit fast drei Jahren angehoben — von 2,0 auf 2,25 Prozent. Der Auslöser ist ein Energiepreisschock, ausgelöst durch den seit Ende Februar tobenden Konflikt im Nahen Osten. Die Inflation in der Eurozone liegt mittlerweile bei über drei Prozent und überschreitet damit das EZB-Ziel deutlich.
Goldman Sachs hatte die Entscheidung bereits erwartet und war in seiner Einschätzung klar: Der Energieschock werde sich dauerhafter auf die Kerninflation auswirken als zunächst erhofft. Entsprechend überrascht die Zinserhöhung niemanden — voll eingepreist, wie Analysten von MUFG betonten. Die eigentliche Frage ist, wie es weitergeht.
ECB-Insider signalisieren gegenüber Reuters, dass im Juli eine Zinspause wahrscheinlicher ist als eine erneute Erhöhung — sofern die Energiepreise stabil bleiben. Die kritische Schwelle: Brent-Rohöl bei 100 Dollar je Barrel. Erst oberhalb dieser Marke würde eine weitere Anhebung im Juli ernsthaft erwogen. Gleichzeitig rechnet der IWF für das Gesamtjahr 2026 mit einem kumulativen Zinsanstieg von 50 Basispunkten — eine dritte Erhöhung gilt als möglich.
Wachstum leidet, Risiken bleiben
Während die Zentralbank die Inflation bekämpft, zahlt die Wirtschaft den Preis. Der IWF senkte seine Wachstumsprognose für die Eurozone auf 0,9 Prozent für 2026, nach noch 1,1 Prozent in der April-Schätzung. Die EZB selbst rechnet nur noch mit 0,8 Prozent. Zum Vergleich: Im Januar lag die Erwartung noch deutlich höher.
Der IWF beschreibt den Energiepreisschock als „groß, aber vorübergehend“ — warnt aber ausdrücklich vor Szenarien, in denen sich die Lage verschlechtert. Anhaltend hohe Energiepreise, eine Eskalation in der Ukraine oder neue Handelskonflikte könnten die Inflation weiter anheizen und gleichzeitig die Nachfrage abwürgen. Eine klassische Stagflationsfalle.
Fiskalpolitische Gegenmaßnahmen sieht der IWF kritisch. „Breite fiskalpolitische Unterstützung ist nicht gerechtfertigt“, heißt es in dem Bericht an die Euro-Finanzminister. Die bislang eingesetzten Maßnahmen der Mitgliedstaaten — im EU-Durchschnitt rund 0,1 Prozent des BIP — hätten Anreize zur Energieeinsparung abgeschwächt.
Wall Street stabilisiert sich, Inflationssorgen bleiben
Auf der anderen Seite des Atlantiks zeigt sich ein ähnliches Bild: Inflation dominiert die Debatte. Die US-Verbraucherpreise stiegen im Jahresvergleich um 4,2 Prozent — der stärkste Anstieg seit April 2023. Die Erzeugerpreise legten im Mai ebenfalls stärker zu als erwartet, der größte Jahresanstieg seit über drei Jahren.
Die Fed wird bei ihrem nächsten Treffen — dem ersten unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh — die Zinsen aller Voraussicht nach unverändert lassen. Doch der Markt hat seine Erwartungen dramatisch verschoben: Vor dem Ausbruch des Iran-Krieges Ende Februar preiste er zwei Zinssenkungen in 2026 ein, heute ist eine Erhöhung um 25 Basispunkte bis Dezember vollständig eingepreist.
„Inflation ist für die Märkte derzeit ein größeres Problem als Wachstum“, sagte Kevin Gordon vom Schwab Center for Financial Research. Der Druck kommt nicht zuletzt aus dem Nahen Osten: Trumps Drohung, Iran „sehr hart“ zu treffen und die Kontrolle über dessen Öl- und Gasinfrastruktur zu übernehmen, sorgt für Nervosität — auch wenn die Ölpreise am Donnerstag nahezu unverändert blieben.
An der Wall Street erholten sich die Märkte nach dem Ausverkauf vom Vortag. Chip-Titel führten die Erholung an: Intel stieg um rund sechs Prozent, Micron legte über drei Prozent zu, und der Philadelphia Halbleiterindex gewann 3,5 Prozent. Der S&P 500 notierte rund 0,3 Prozent im Plus — nach einem Rückgang von etwa vier Prozent seit seinem Rekordhoch Anfang Juni.
„Der Markt war in den vergangenen Tagen möglicherweise deutlich überverkauft“, erklärte Phil Blancato von Osaic Wealth. Gegenläufig entwickelten sich Oracle — minus zwölf Prozent nach einer Kapitalplanung für 2027, die über den Erwartungen lag — sowie Alphabet und Meta, die beide rund zwei Prozent verloren.
Euro und Devisen unter Druck
Am Devisenmarkt reagiert der Euro gedämpft auf die EZB-Entscheidung. Bei rund 1,155 Dollar notiert die Gemeinschaftswährung nahe dem unteren Ende ihrer Handelsspanne seit Kriegsbeginn — weit entfernt vom April-Hoch über 1,18 Dollar. Der Markt wartet auf Signale der EZB-Präsidentin Christine Lagarde: Kommt im Juli eine weitere Erhöhung? Goldman Sachs sieht Aufwärtspotenzial für den Euro, wenn die EZB eine konsequent restriktivere Haltung signalisiert.
Das britische Pfund und der japanische Yen bewegten sich am Donnerstag kaum. Der Yen hält sich bei rund 160 je Dollar — einem Niveau, bei dem Händler Devisenmarktinterventionen aus Tokio nicht ausschließen.
Ausblick: Das Inflationsregime ist zurück
Das Bild, das sich an diesem 11. Juni abzeichnet, ist eindeutig: Die Ära ultraniedrieger Zinsen ist vorerst beendet. EZB, Fed und Bank of Japan navigieren gleichzeitig durch denselben Gegenwind — einen Energiepreisschock, der Inflation anheizt und Wachstum bremst. Wie dauerhaft dieser Schock ist, bleibt offen. Eskaliert der Konflikt im Nahen Osten weiter, drohen härtere Einschnitte. Stabilisiert sich die Lage, könnte die Zinspause im Juli ein erstes Aufatmen ermöglichen. Der Markt wartet — und hält die Luft an.
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