Der Iran-Krieg hat die Weltwirtschaft in eine gefährliche Zwickmühle manövriert. Steigende Energiepreise befeuern die Inflation auf beiden Seiten des Atlantiks — während gleichzeitig Kanada in eine technische Rezession abgleitet und Notenbanken weltweit vor einer unmöglichen Wahl stehen: Zinsen erhöhen und die Konjunktur abwürgen, oder abwarten und die Preisstabilität riskieren.
Zentralbanken unter Druck
Die Signale der Notenbanken klingen dieser Tage wenig beruhigend. Fed-Gouverneurin Michelle Bowman warnte am Freitag, ein anhaltender Energieschock könnte die Fed zu einer Verschärfung ihrer Geldpolitik zwingen. Ihr Kollege Jeffrey Schmid, Präsident der Federal Reserve Bank of Kansas City, legte noch nach: Er halte wenig davon, den jüngsten Preisauftrieb als vorübergehend abzutun. „Jetzt ist nicht die Zeit, die Wachsamkeit zu lockern“, sagte Schmid — und deutete an, die Fed könnte bei Bedarf sogar ihre Bilanz als zusätzliches Instrument zur Straffung einsetzen.
Dabei liegt der US-Leitzins bereits im Bereich zwischen 3,50 und 3,75 Prozent. Eine Anhebung beim nächsten Offenmarktausschuss-Treffen am 16. und 17. Juni gilt als unwahrscheinlich, doch die Märkte haben ihre Erwartungen von Zinssenkungen auf mögliche Erhöhungen umgeschwenkt. Die Inflation liegt seit Jahren über dem Zwei-Prozent-Ziel der Fed — ein Umstand, der es den Währungshütern schwer macht, den Ölpreisschock einfach durchzureichen.
In Europa ist das Bild ähnlich, die Reaktion aber unterschiedlich. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat für Juni eine Zinserhöhung weitgehend signalisiert, nachdem die Teuerung in den vier größten Volkswirtschaften der Eurozone im dritten Monat in Folge über zwei Prozent verbleibt. Frankreich meldete 2,8 Prozent, Italien und Spanien je 3,2 Prozent. Die Gesamtinflation der Eurozone dürfte laut Vorabschätzung im Mai bei 3,3 Prozent liegen. „Wir haben den Höhepunkt noch nicht erreicht“, warnt Nadia Gharbi von Pictet Wealth Management — und erwartet weiteren Auftrieb bis August.
Die Bank of England laviert
Einen anderen Kurs fährt die Bank of England. Gouverneur Andrew Bailey sprach sich am Freitag dafür aus, eine vorübergehend erhöhte Inflation zu tolerieren — angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheit durch den Iran-Krieg und des schwachen Wachstums in Großbritannien. Die Botschaft: keine voreiligen Zinserhöhungen. Allerdings setzte Bailey eine klare Bedingung — diese Toleranz ende, sobald Zweitrundeneffekte sichtbar werden, also wenn die höheren Preise sich dauerhaft in Löhnen und Erwartungen festsetzen.
Die Märkte nehmen Bailey beim Wort. Vollständig eingepreist ist bereits eine Erhöhung um 25 Basispunkte, mit einer Wahrscheinlichkeit von rund einem Drittel für eine zweite. Damit steht die Bank of England in klarem Kontrast zur EZB, die nach mehreren Zinssenkungen vor dem Krieg nun entschlosser auf die Bremse tritt.
Kanadas unerwarteter Konjunktureinbruch
Während die Notenbanken debattieren, hat die Realwirtschaft in Kanada bereits reagiert — und zwar negativ. Das kanadische Bruttoinlandsprodukt schrumpfte im ersten Quartal auf annualisierter Basis um 0,1 Prozent, nach einem revidierten Rückgang von einem Prozent im Vorquartal. Zwei aufeinanderfolgende Quartale mit negativem Wachstum entsprechen der gängigen Definition einer technischen Rezession — zuletzt war das in Kanada zu Beginn der Corona-Pandemie 2020 der Fall.
Das Ergebnis überraschte: Analysten hatten ein Wachstum von 1,5 Prozent prognostiziert. Verantwortlich für den Einbruch waren vor allem gesunkene Unternehmensinvestitionen — ein fünfter Rückgang in Folge — sowie schwächere Staatsausgaben. Zugleich trieben hohe Importe das Defizit in die Höhe, die Lagerhaltung stieg. Ob man offiziell von einer Rezession sprechen kann, bleibt umstritten: Desjardins-Ökonom Randall Bartlett etwa sieht die Schwäche als zu wenig breit verteilt für dieses Urteil.
Ein Hoffnungsschimmer: Die Statistikbehörde Statistics Canada schätzt, dass das BIP im April um 0,4 Prozent gewachsen ist — ein solider Einstieg in das zweite Quartal. Der kanadische Dollar reagierte dennoch mit einem Rückgang von 0,28 Prozent auf 1,3819 gegenüber dem US-Dollar.
Privatkredit unter Stress
Abseits der makroökonomischen Schlagzeilen wächst ein weiteres Risiko: Der US-amerikanische Privatkredit-Sektor zeigt deutliche Risse. Eine Reuters-Analyse von 51 Business Development Companies (BDCs) — spezialisierten Kreditgebern für mittelständische Unternehmen — ergab, dass unrealisierte Verluste im ersten Quartal 2026 auf 2,35 Prozent des Nettoinventarwerts gestiegen sind, das schwächste Ergebnis seit dem zweiten Quartal 2022.
Gleichzeitig bleibt der Anteil sogenannter PIK-Zinsen (Payment-in-Kind) hoch. Dabei zahlen Kreditnehmer Zinsen nicht in bar, sondern häufen sie auf ihre Schuldenlast auf — ein Warnsignal für Liquiditätsdruck. Im ersten Quartal summierten sich identifizierbare PIK-Zinserträge auf rund 477 Millionen US-Dollar. Howard Mason von Renaissance Macro Research bringt es auf den Punkt: „Der Privatkredit-Sektor erlebt seinen ersten echten Kreditzyklus seit der Finanzkrise.“ Höhere Refinanzierungskosten, schwächere Exit-Märkte und der KI-bedingte Druck auf Software-Bewertungen belasten besonders hochverschuldete Deals aus dem Jahr 2021.
Handelspolitik als Langzeitprojekt
Einen anderen Blickwinkel auf die wirtschaftliche Lage eröffnete US-Finanzminister Scott Bessent. In einer Rede am Reagan-Bibliothekszentrum in Simi Valley argumentierte er, Amerika habe jahrzehntelang „geschlafen“ und Effizienz über Widerstandsfähigkeit gestellt — mit dem Ergebnis gefährlicher Abhängigkeiten von Rivalen wie China. Trumps „America First“-Agenda, so Bessent, sei die Antwort darauf: Zölle, Wiederaufbau der Lieferketten, Stärkung der Eigenproduktion.
Das klingt nach langfristiger Strategie. Kurzfristig aber spürt Kanada die Folgen — und zeigt, wie Handelsunsicherheit ganz konkret Investitionen austrocknet und Wachstum kostet.
Ausblick: Viel hängt am Nahen Osten
Ein roter Faden zieht sich durch all diese Entwicklungen: der Iran-Krieg. Ob die Inflation in Europa weiter steigt, ob die Fed die Zinsen erhöhen muss, ob die Konjunktur in Kanada wieder anzieht — viele dieser Fragen lassen sich derzeit nicht beantworten, ohne zu wissen, wie lange der Konflikt anhält. Brent-Rohöl hat sich seit Ende April von 118 auf rund 92 US-Dollar abgekühlt, liegt aber weit über dem Vor-Kriegsniveau von etwa 70 Dollar. Normalisiert sich die Lage bis Jahresmitte, könnten viele Risiken nachlassen. Bleibt sie bestehen, dürfte der Druck auf Notenbanken, Konjunktur und Kreditmärkte weiter wachsen.
