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Inflation, Öl und Fed: Märkte im Spannungsfeld

US-Inflation erreicht mit 4,1 Prozent ein Dreijahreshoch, doch sinkende Ölpreise lassen auf Entspannung hoffen. Ein iranischer Angriff im Persischen Golf sorgt für neue Unsicherheit an den Märkten.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • PCE-Inflation steigt auf 4,1 Prozent
  • Iranischer Angriff auf Frachtschiff
  • Fed-Sitzung im September im Fokus
  • Chip-Werte legen trotz Tech-Schwäche zu

Die Weltwirtschaft navigiert gerade durch ein ungewöhnlich dichtes Gewirr aus Inflationsdaten, Geopolitik und Notenbank-Signalen. Der US-Inflationsindex PCE überschritt im Mai erstmals seit drei Jahren die Vier-Prozent-Marke — und kaum hatten sich die Märkte damit arrangiert, erschütterte ein iranischer Angriff auf ein Frachtschiff im Persischen Golf die fragile Ruhe nach dem Waffenstillstand. Kein Wunder, dass Anleger an diesem Donnerstag zwischen Erleichterung und Nervosität hin- und herpendeln.

Inflation erreicht Dreijahreshoch — aber das Schlimmste könnte vorbei sein

Der PCE-Preisindex stieg im Mai um 4,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr — der stärkste Anstieg seit April 2023 und der erste Wert über vier Prozent seit drei Jahren. Monatlich legte der Index um 0,4 Prozent zu, minimal unter der Schätzung von 0,5 Prozent. Der Kern-PCE, also ohne die schwankungsanfälligen Energie- und Lebensmittelpreise, kletterte auf 3,4 Prozent im Jahresvergleich.

Die Zahlen treffen auf erwartete Niveaus. Trotzdem bleiben sie deutlich über dem Fed-Ziel von zwei Prozent. Haupttreiber waren Energiepreise — Benzin und andere Energiegüter verteuerten sich um 6,5 Prozent — sowie Transportdienstleistungen, die durch höhere Kerosinpreise um 0,8 Prozent anzogen. Hinzu kommen steigende Kosten für Finanzdienstleistungen und Versicherungen.

Der entscheidende Kontext: Seit dem US-Iran-Waffenstillstand sind die Ölpreise auf das Niveau vor dem Konflikt zurückgefallen. RSM-Chefökonom Joseph Brusuelas rechnet deshalb damit, dass die Mai-Daten den Inflationsgipfel markieren. „Angesichts des Rückgangs beim WTI-Ölpreis um 38,8 Prozent seit seinem Höchststand im Mai ist es sehr wahrscheinlich, dass die Inflation im Mai ihren Höhepunkt erreicht hat“, schrieb er. Der IWF bestätigt den Trend: Energie- und Rohstoffpreise seien seit dem Waffenstillstand bereits gesunken, eine vollständige Normalisierung brauche aber Zeit.

Eine wichtige Einschränkung bleibt: Der Kern-PCE wird nicht so schnell nachgeben. „Während fallende Energiepreise etwas Entlastung bringen werden, dürften andere angebotsseitige Druckfaktoren anhalten“, warnt Gregory Daco von EY-Parthenon. Servicepreise, Halbleiterkosten und Nahrungsmittelpreise — befeuert durch Düngemittelknappheit infolge des Konflikts — lassen sich nicht so leicht mit günstigerem Öl wegdiskutieren.

Fed zwischen Zinserhöhung und Abwarten

Die Frage ist nun, was die US-Notenbank daraus macht. Aktuell preisen die Märkte eine Wahrscheinlichkeit von rund 80 Prozent für eine Zinserhöhung bei der Fed-Sitzung im September ein. Für das Juli-Treffen liegt die Chance bei rund 30 Prozent — ein Rückgang gegenüber 34 Prozent am Vortag.

Chicago-Fed-Präsident Austan Goolsbee zeigte sich vorsichtig optimistisch: Er sehe einen „Hoffnungsschimmer“ bei der Dienstleistungsinflation, betonte aber, dass der zugrunde liegende Preisdruck insgesamt noch zu hoch sei. Die Fed hält ihren Leitzins aktuell in der Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent.

Parallel läuft eine weniger beachtete Debatte über die Bilanzpolitik. New-York-Fed-Direktorin Dina Marchioni spielte auf einer Geldmarkt-Konferenz Bedenken herunter, dass das FOMC mit neuen Formulierungen seinen Kurs bei Wertpapierkäufen geändert habe. „Ich interpretiere es nicht als wirklich große Änderung der Ausrichtung“, sagte sie. Fed-Chef Kevin Warsh, bekannt als Kritiker von Bilanzerweiterungen, hat das monatliche Kaufvolumen von Staatsanleihen bereits von 40 Milliarden auf 10 Milliarden Dollar gedrosselt.

Schockwelle aus dem Persischen Golf

Gerade als sich Anleger auf eine Entspannung der Energiepreise einzustellen begannen, kam der nächste Schlag: Irans Revolutionsgarden sollen das unter Singapur-Flagge fahrende Containerschiff Ever Lovely in der Straße von Hormus beschossen haben. Die Brücke des Schiffs wurde beschädigt, Opfer gab es keine. Doch die Symbolwirkung ist enorm.

Der Angriff erfolgte nur wenige Tage nach einem Abkommen zwischen Washington und Teheran, das freie Durchfahrt durch die Meerenge garantieren sollte. Im Rahmen des Deals hatte die USA die Blockade iranischer Häfen aufgehoben und Sanktionen auf iranische Ölverkäufe ausgesetzt — Zugeständnisse, die Märkte als Stabilitätsgarantie interpretierten. Reicht ein einziger Zwischenfall, um diesen Deal zu kippen? Die Rohölpreise zogen jedenfalls sofort an: Brent verteuerte sich um knapp zwei Prozent.

Tech-Aktien unter Druck, Chip-Werte feiern

An den US-Börsen sorgte der Datenmix für gemischte Signale. Der Nasdaq verlor rund 0,2 Prozent und steuerte auf seinen größten monatlichen Rückgang seit März 2025 zu. Belastet wurde er vor allem von Tech-Schwergewichten: Apple büßte 4,7 Prozent ein, nachdem der Konzern die Preise für iPads und MacBooks angehoben hatte — eine direkte Folge gestiegener Speicherchip-Kosten. Microsoft verlor rund drei Prozent, Nvidia und Alphabet gaben ebenfalls nach.

Das Paradoxe: Der Halbleitersektor selbst floriert. Micron Technology schoss nach einem starken Quartalsbericht mit übertroffenen Prognosen um fast 18 Prozent nach oben. Qualcomm legte 7,3 Prozent zu, Sandisk sogar fast 20 Prozent. Der Philadelphia Semiconductor Index stieg um 3,9 Prozent und peilt sein stärkstes Quartal seit Bestehen an.

Die Logik dahinter formulierte BMO-Investmentchefin Carol Schleif treffend: „Der Markt erkannte, dass ein herausragendes Ergebnis eines Unternehmens bedeutet, dass jemand anderes dafür die Rechnung zahlt.“ Wer Chips kauft, treibt Apples Kosten hoch.

Britische Gilts und globale Notenbanksignale

Der Inflationsausblick prägt auch die Märkte jenseits des Atlantiks. Britische Staatsanleihenrenditen fielen auf den niedrigsten Stand seit April: Zweijährige Gilts rentierten mit 4,10 Prozent. Die Bank of America strich ihre Prognose für zwei britische Zinserhöhungen in diesem Jahr — sinkende Energiepreise und eine britische Inflation von 2,8 Prozent, die unter den Erwartungen blieb, bieten der Bank of England etwas Spielraum. Ein vollständig eingepreister Zinsschritt ist nun erst für März 2027 zu beobachten.

Während die Fed und die BoE zögern, haben Europäische Zentralbank und Bank of Japan ihre Zinsen im Juni bereits erhöht. Das Bild globaler Geldpolitik ist damit so heterogen wie seit Jahren nicht mehr.

Ausblick: Zerbrechliche Entspannung

Die Kombination aus rückläufigen Energiepreisen, robustem US-Wirtschaftswachstum von 2,1 Prozent im ersten Quartal und einem unbeeindruckten US-Konsumenten — Ausgaben stiegen im Mai um 0,7 Prozent — liefert eigentlich gute Argumente für ein „Soft Landing“. Doch die Straße von Hormus bleibt ein Unsicherheitsfaktor. Und die Kerninflation zeigt keine Eile beim Rückzug. Ob Mai wirklich den Inflationsgipfel markiert, wird sich spätestens mit den Juni-Daten zeigen.

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