Infineon hat die vergangene Handelswoche mit einem deutlichen Kurssprung beendet und damit einen Teil der jüngsten Verluste wettgemacht. Am Freitag schloss die Aktie bei 62,08 Euro, ein Plus von 3,64 Prozent gegenüber dem Vortag. Auslöser war unter anderem eine optimistische Einschätzung von JPMorgan-Analyst Mislav Matejka, der die laufende Berichtssaison hervorhob: Das Gewinnwachstum falle in nahezu allen US- und europäischen Branchen besser aus als erwartet. Der DAX profitierte ebenfalls und rückte in Richtung seines Rekordhochs, während auch andere Halbleiterwerte wie Aixtron und Siltronic kräftig zulegten. Rekordzahlen der Speicherchip-Hersteller Samsung und Micron befeuerten zusätzlich die Kauflaune in der gesamten Branche.
Nach dem Ausverkauf: Aktie bleibt weit vom Hoch entfernt
So erfreulich die jüngste Erholung ausfällt, sie relativiert sich im größeren Bild. Infineon notiert weiterhin rund 31 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch. Vorausgegangen war eine turbulente Phase: Ende Juli hatte eine schwache Prognose von STMicroelectronics die gesamte Chipbranche unter Druck gesetzt, zudem sorgte ein Erdbeben in der japanischen Region Kumamoto für vorübergehende Produktionsausfälle bei Halbleiterherstellern. Beobachter werteten den darauffolgenden Kursrutsch bei Infineon als Teil einer breiteren Neubewertung von Wachstumserwartungen im Sektor – nach einer langen Rallye, die den Titel zuvor auf Rekordniveau getrieben hatte. Der jüngste Erholungsschub zeigt, wie nervös der Markt derzeit auf jede neue Branchennachricht reagiert.
Quartalszahlen am Mittwoch im Fokus
Die eigentliche Weichenstellung steht Anlegern erst noch bevor: Infineon legt seinen Quartalsbericht am kommenden Mittwoch vor. Die Erwartungshaltung ist hoch – die Konsensschätzung für den Gewinn je Aktie liegt bei 0,45 Euro, nachdem Analysten ihre Prognosen in den vergangenen 90 Tagen sechsmal nach oben angepasst haben. Von 20 erfassten Analysten empfehlen 19 die Aktie zum Kauf, das durchschnittliche Kursziel liegt oberhalb des aktuellen Niveaus. Diese breite Zustimmung erklärt einen Teil der Kursfantasie, macht die Zahlen am Mittwoch zugleich aber zu einem Belastungstest: Enttäuscht das Unternehmen die hohen Erwartungen, dürfte die Reaktion entsprechend heftig ausfallen.
Operative Fortschritte und ein Zollrisiko aus Malaysia
Abseits der reinen Kurszahlen hat Infineon zuletzt mehrere operative Meilensteine erreicht. Anfang Juli eröffnete der Konzern in Dresden die nach eigenen Angaben weltgrößte Fabrik für Leistungshalbleiter. Im Rechtsstreit mit dem chinesischen Wettbewerber Innoscience konnte Infineon zudem einen Patentsieg verbuchen, nachdem die US-Handelsbehörde ITC bereits zuvor ein Importverbot gegen den Konkurrenten verhängt hatte. Auf der Technologieseite vertieft Infineon die Zusammenarbeit mit Nvidia: Der Konzern liefert eine TPM-Lösung für die Plattform Jetson Thor und ist dem Nvidia-Ökosystem MGX beigetreten – Signale für eine engere Verzahnung mit dem KI-Hardwaregeschäft.
Ein Risikofaktor bleibt jedoch die Handelspolitik. Malaysia verpackt einen erheblichen Teil der weltweiten Halbleiterproduktion und war bislang von US-Zöllen ausgenommen. Eine laufende Überprüfung nach Section 232 könnte diese Ausnahme jedoch kippen und Zölle von bis zu 25 Prozent auf Halbleiterimporte nach sich ziehen. Ein Großteil der aus Malaysia in die USA exportierten Chips stammt von US-nahen Unternehmen, zu denen neben Intel und Texas Instruments auch Infineon zählt. Die Unsicherheit über den Ausgang der Überprüfung bremst laut Berichten bereits Investitionsentscheidungen am Standort Penang – ein Thema, das auch am Mittwoch bei der Zahlenvorlage zur Sprache kommen dürfte, sollte das Management Aussagen zur Lieferkettenstrategie treffen.
Für Anleger verdichten sich damit zwei Erzählstränge: kurzfristig die Frage, ob die Erholung vom Freitag trägt oder nur eine Gegenbewegung nach dem Ausverkauf war, mittelfristig die Frage, ob operative Erfolge wie die neue Dresdner Fabrik und die Nvidia-Kooperation das hohe Analystenvertrauen rechtfertigen. Der Mittwoch dürfte darauf erste Antworten liefern.
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