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IBMs Absturz, Warshs Zinswende und Rheinmetalls Fregatten-Frust

IBMs Gewinnwarnung kostet 67 Milliarden Marktwert, während die Fed über Zinserhöhungen diskutiert. Rheinmetall trotzt Fregatten-Verlust mit Digitalaufträgen.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • IBM-Aktie verliert 25 Prozent nach Gewinnwarnung
  • Hedgefonds reduzieren US-Tech-Engagements drastisch
  • Fed diskutiert Zinserhöhung statt Senkung
  • Rheinmetall erhält Digitalisierungs-Milliardenaufträge

IBMs Absturz, Warshs Zinswende und Rheinmetalls Fregatten-Frust

Sehr geehrte Damen und Herren,

660 Millionen Dollar Umsatzlücke, 67 Milliarden Dollar Marktwertverlust – das ist der Wechselkurs, zu dem der Markt IBMs Gewinnwarnung vom vergangenen Dienstag quittierte, fast das Hundertfache des eigentlichen Fehlbetrags. Es ist die spektakulärste Kurskorrektur des Zeitraums, aber nicht die einzige: Der Halbleitersektor rutschte in der Vorwoche in den zweistelligen Verlustbereich, und in Washington hat sich eine Debatte gedreht, die noch vor wenigen Wochen kaum jemand für möglich hielt – nicht mehr über Zinssenkungen wird gestritten, sondern über Erhöhungen. Zwischen diesen beiden Polen behaupten sich europäische Substanzwerte wie Rheinmetall und Munich Re, wenn auch mit eigenen Kratzern. Der Reihe nach.

IBM: Wenn ein 660-Millionen-Fehlbetrag 67 Milliarden kostet

IBM warnte am Dienstag vergangener Woche vorab, dass der Q2-Umsatz mit rund 17,2 Milliarden Dollar etwa 660 Millionen unter der Wall-Street-Schätzung von 17,86 Milliarden liegen werde; das bereinigte EPS kam mit 2,93 Dollar unter den erwarteten 3,02 Dollar herein. Die Reaktion war unverhältnismäßig heftig: Die Aktie stürzte um 25,2 Prozent ab – der größte prozentuale Tagesverlust seit 1968 – und vernichtete rund 67 Milliarden Dollar Marktwert.

Die Details erklären, warum der Markt so allergisch reagierte. Das Software-Wachstum verlangsamte sich von 11 Prozent im ersten Quartal auf nur noch 5 Prozent, während die Infrastruktur-Sparte von plus 15 auf minus 7 Prozent drehte. CEO Arvind Krishna räumte offen ein: „Wir haben gestrauchelt“ und „nicht schnell genug angepasst“. Der Grund ist strategisch heikel: Speicherchip-Knappheit zwingt IBMs Kunden dazu, ihre Budgets von Software und Services hin zu KI-Hardware – Servern und Speicher – umzuschichten. Ausgerechnet dort ist IBM schwach, während die margenstarke Software zwar nur 45 Prozent des Umsatzes, aber zwei Drittel des Gewinns liefert.

HSBC stufte daraufhin auf „Reduce“ herab, BNP Paribas bewertet mit „Underperform“. Die Kehrseite: Die Aktie handelt nun zum 16,5-fachen erwarteten Gewinn – dem niedrigsten Multiple seit Juni 2024 –, der freie Cashflow bleibt mit 4,8 Milliarden Dollar im Quartal robust, und IBM hat die Dividende 31 Jahre in Folge erhöht. In unserer Datenbank notiert die Aktie bei 186,98 Euro, knapp über dem 52-Wochen-Tief von 178,52 Euro vom 16. Juli. Barchart sieht dennoch ein „Moderate Buy“ mit Kursziel 293,95 Dollar. Die entscheidende Antwort liefert erst der vollständige Bericht an diesem Mittwoch, 22. Juli, 17 Uhr EDT, samt Jahresprognose: temporäre Ausgabenverschiebung – oder struktureller Bruch des Geschäftsmodells? Bis dahin ist die Aktie ein Spekulationsobjekt, keine Anlageentscheidung.

Die Tech-Rotation: Warum Hedgefonds Chips abstoßen

IBM war das lauteste, aber nicht das einzige Symptom. Der Philadelphia-Halbleiterindex fiel in der Vorwoche rund 10 Prozent – der schlechteste Wochenverlust seit April 2025 – und rutschte damit ins Bärenmarkt-Territorium. Micron verlor 13 Prozent. Auslöser waren unter anderem das chinesische KI-Modell Kimi K3 von Moonshot, das US-Konkurrenten übertreffen soll, sowie eine Verzögerung bei Alphabets Gemini 3.5 Pro.

Aufschlussreicher als die Kursbewegung selbst ist, wer sie auslöste: Laut Goldman Sachs haben Hedgefonds ihr US-Tech-Engagement innerhalb von zwei Monaten um 10 Prozent reduziert – der stärkste je von Goldmans Prime-Services-Sparte gemessene Rückzug, mit den größten Abflüssen in Hardware, Speicher und IT-Dienstleistungen. Zu Wochenbeginn zeigte sich allerdings bereits Erholung: Der südkoreanische Leitindex Kospi, in der Vorwoche noch 9 Prozent im Minus, sprang am Dienstag 4 Prozent nach oben, weil sich die schwergewichtigen Chiphersteller stabilisierten – Morgan Stanley sieht die Korrektur nahe am Boden. Für Anleger mit Halbleiter-ETFs liefern die BNY-Analysten die entscheidende Einordnung: Dies sei „nicht der Kollaps der KI- oder Halbleiter-Wachstumsstory“, sondern eine Bewertungskorrektur. Ob diese Lesart trägt, entscheidet, ob jetzt nachgekauft oder abgewartet werden sollte.

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Zinswende beiderseits des Atlantiks

Für Kapitalmarkt-Profis ist dies die wichtigste Verschiebung des Zeitraums: Die Fed diskutiert nicht mehr über Senkungen, sondern über Erhöhungen. Zwar fiel der Juni-CPI überraschend kräftig – minus 0,4 Prozent zum Vormonat, der erste Rückgang seit sechs Jahren, auf 3,5 Prozent im Jahresvergleich (von 4,2 Prozent). Doch getrieben war das fast ausschließlich von fallenden Benzinpreisen (minus 9,7 Prozent); die Kernrate verharrt bei hartnäckigen 2,6 Prozent, das Kern-PCE bei über 3,3 Prozent.

Fed-Chef Kevin Warsh gab die Linie vor: „Wir haben fünf Jahre lang verfehlt. Und das werden wir korrigieren.“ Mehrere Notenbanker – Hammack, Logan, Waller – zeigen sich offen für einen Zinsschritt nach oben. Das CME FedWatch Tool preist inzwischen rund 61 Prozent Wahrscheinlichkeit für eine September-Erhöhung ein, angetrieben vom US-Iran-Konflikt und den Ölpreisen. Neu und von Anlegern noch unterschätzt: Fed-Gouverneurin Lisa Cook nennt den KI-Infrastruktur-Ausbau selbst als Inflationstreiber – 1,5 Billionen Dollar für Rechenzentren treiben Strom- und Kupferpreise, Apple und Microsoft haben bereits Hardware-Preise erhöht. Die FOMC-Sitzung findet am 28./29. Juli statt. Für Anleiheanleger bedeutet das: Die zehnjährige Treasury-Rendite bei rund 4,6 Prozent hat vorerst kein Entspannungspotenzial.

Diesseits des Atlantiks liegen die Dinge anders. Die EZB entscheidet an diesem Donnerstag, 23. Juli, und nach der Zinserhöhung um 25 Basispunkte am 11. Juni ist der Konsens klar: Der Einlagensatz bleibt bei 2,25 Prozent. Die Eurozone-Inflation fiel im Juni auf 2,8 Prozent (von 3,2 Prozent), die Kernrate auf 2,4 Prozent. Deutsche Bank, BofA und Commerzbank erwarten übereinstimmend eine Juli-Pause und den letzten Zinsschritt dieses Zyklus im September – die Deutsche Bank sieht dann 2,50 Prozent. Julius Bär geht sogar davon aus, dass die EZB 2026 und 2027 gar nicht mehr anfasst. Der Euro-Bund-Future notierte zuletzt stabil um 125 Punkte, die zehnjährige Bundrendite bei 3,12 bis 3,14 Prozent.

Wer auf fallende Zinsen im Euroraum gesetzt hat, muss also umdenken – und genau das nutzt Bankaktien. UBS hatte bereits am Donnerstag vergangener Woche (16. Juli) europäische Aktien von „Neutral“ auf „Attraktiv“ hochgestuft und den Bankensektor zum Favoriten erklärt, mit erwarteter Dividendenrendite von 4,8 Prozent; das EuroStoxx-50-Ziel wurde auf 6.900 Punkte (Juni 2027) angehoben. Ein „höher für länger“-Szenario in Europa trifft die Zinssensitivität also nicht symmetrisch: Was Tech-Bewertungen belastet, stützt Finanzwerte.

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Rheinmetall: Fregatten-Frust trifft Digital-Milliarden

Der DAX-Rüstungswert liefert das Studienobjekt für die Belastungsprobe der Zykliker. Belastend: Die Bundesregierung strich Ende Juni die Fregatten 5 und 6 des F126-Programms, das stattdessen an TKMS ging – ein potenzieller Umsatzverlust von bis zu 300 Millionen Euro. Laut Financial Times fordert Rheinmetall nun rund 12 Milliarden Euro, um das gesamte F126-Programm doch noch zu übernehmen. Bank of America senkte am 17. Juli das Kursziel drastisch von 1.770 auf 1.300 Euro, beließ die Einstufung aber bei Kaufen. Ein durchgesickerter Beschaffungsplan für 2027 zeigt zudem Mittelverschiebungen weg von Munition und Kampffahrzeugen; mwb research bewertet entsprechend vorsichtiger mit „Halten“ und Kursziel 1.150 Euro.

Auf der Habenseite steht eine Auftragswelle: Am Montag verbuchte Rheinmetall einen 100-Millionen-Euro-Abruf aus dem D-LBO-Digitalisierungsprogramm der Bundeswehr, dessen zugrunde liegender Rahmenvertrag rund 1,2 Milliarden Euro Volumen umfasst – davon etwa 730 Millionen für Rheinmetall. Am 13. Juli kam ein Digitalisierungs-Großauftrag mit Raytheon für das britische Verteidigungsministerium hinzu, mit einem Rheinmetall-Anteil von knapp einer Milliarde Euro. Die Aktie zeigte sich davon zunächst kaum beeindruckt und notierte im Tradegate-Handel am Dienstagmorgen bei rund 1.002 Euro. Ein Signal, das Beachtung verdient: CEO Papperger hat Ende Juni für 3,04 Millionen Euro Insideraktien gekauft. Ob die Auftragswelle den Fregatten-Rückschlag überkompensiert, zeigen die Q2/H1-Zahlen am 6. August.

Munich Re: der stille Defensiv-Anker

Während die Zykliker zittern, liefert der Rückversicherer Stabilität. JPMorgan bestätigte am 17. Juli „Overweight“ mit Kursziel 590 Euro – interessant ist die Begründung: Investoren übergewichten aktuell Banken und untergewichten Versicherer, erwägen aber selektive Zukäufe bei anhaltend hohem Zinsniveau. Genau hier liegt die These, die zum Rest dieser Ausgabe passt: Ein „höher für länger“-Umfeld ist für Rückversicherer strukturell positiv, weil ihre Kapitalanlagen mehr abwerfen. Munich Re hat zwischen 14. Mai und 17. Juli über 1,26 Millionen Aktien zurückgekauft und trägt ein MSCI-ESG-Rating von AAA. In unserer Datenbank notiert die Aktie bei 514,00 Euro, der Analysten-Konsens liegt bei 552,07 Euro (17 Analysten), einzelne Kursziele reichen bis 600 Euro. Für defensiv orientierte Depots bleibt der Wert der ruhende Pol in einem nervösen Marktumfeld.

Das große Bild

Die kommenden Tage werden zum Stresstest für die These, dass KI-Investitionen tatsächlich Umsätze und Gewinne tragen: IBM legt am Mittwoch nach, Alphabet und Tesla berichten ebenfalls am Mittwoch nach US-Börsenschluss, Intel folgt am Donnerstag. Parallel entscheidet die EZB am Donnerstag, die Fed sitzt kommende Woche zusammen. Die eigentliche Erkenntnis dieser Tage: Der Markt ist von der Erwartung sinkender zu der steigender Zinsen umgeschwenkt, und das trifft hoch bewertete Tech-Titel deutlich härter als solide Dividendenzahler wie Munich Re oder zyklische Werte mit Auftragsbestand wie Rheinmetall. Wer jetzt umschichtet, sollte die Ölpreis-Entwicklung im Nahost-Konflikt im Blick behalten – Brent fiel am Dienstag wieder unter 89 Dollar, doch die zehnte Nacht der US-Angriffe zeigt, wie fragil diese Entspannung ist.

Eduard Altmann

Eduard Altmann ist Finanzexperte mit über 25 Jahren Erfahrung an den globalen Finanzmärkten. Als Analyst und Autor beim VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft spezialisiert er sich auf Aktienmärkte, Gold, Silber, Rohstoffe und den Euro.

Altmann ist überzeugter Verfechter des Value-Investing und identifiziert unterbewertete Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial. Sein Börsendienst "Megatrend-Depot" vermittelt praxisnahe Strategien erfolgreicher Value-Investoren. Mit seinem Motto "Manage dein Vermögen selbst" inspiriert er Anleger zur eigenverantwortlichen Vermögensverwaltung.

Seine Analysen basieren auf der fortschrittlichen Gann-Strategie, die präzise Vorhersagen für Rohstoffmärkte ermöglicht. Diese technische Analysemethode kombiniert historische Daten mit Zyklusanalysen und macht seine Marktprognosen besonders treffsicher.

Durch zahlreiche Publikationen und verständliche Erklärungen komplexer Finanzthemen unterstützt Altmann sowohl Einsteiger als auch erfahrene Investoren bei fundierten Anlageentscheidungen. Seine Arbeit verbindet theoretische Expertise mit praktischen Empfehlungen für den strategischen Vermögensaufbau.