IBM sitzt in einer paradoxen Klemme. Der KI-Boom, den die ganze Tech-Branche feiert, frisst dem Konzern gerade das eigene Geschäft auf. Unternehmen kaufen so aggressiv KI-Server und -Hardware, dass für Software und Beratung kein Budget mehr übrig bleibt. Genau das ist IBMs Kerngeschäft.
Die Aktie schloss am Dienstag bei 184,68 Euro, ein Minus von 1,02 Prozent. Der eigentliche Schaden liegt aber tiefer: Seit dem Rekordhoch von 292,85 Euro am 1. Juni ist der Kurs um fast 37 Prozent eingebrochen. Auslöser war eine vorläufige Zahlenmeldung zum zweiten Quartal, die genau jenes strukturelle Problem offenlegte.
Das Infrastruktur-Paradox
Die vorläufigen Zahlen zeigen den Bruch deutlich. Die Software-Sparte legte um 5 Prozent zu, Red Hat sogar um 11 Prozent. Das Infrastruktur-Geschäft aber, jahrelang eine verlässliche Stütze, schrumpfte um 7 Prozent. Im ersten Quartal war dieser Bereich noch um 15 Prozent gewachsen. Der Umschwung kam abrupt.
CEO Arvind Krishna nannte es offen ein „Stolpern“ des Konzerns. Große Deals platzten oder verschoben sich, weil Kunden ihr Kapital lieber in KI-Infrastruktur der Konkurrenz stecken. Genau hier zeigt sich das Dilemma: IBMs Stärke, das Hybrid-Cloud- und Mainframe-Geschäft, wird gerade zur Belastung, weil die Kundschaft ihre Prioritäten neu sortiert.
Die Analysten reagieren gespalten. Baird startete die Coverage kürzlich mit „Neutral“ und verwies auf Zweifel am Software-Wachstum und an der Dauer des aktuellen Mainframe-Zyklus. Der Analysten-Konsens für das Kursziel liegt trotzdem bei 239,81 Euro – ein rechnerisches Aufwärtspotenzial von knapp 30 Prozent. Zwischen Skepsis im Detail und Zuversicht in der Summe klafft hier eine bemerkenswerte Lücke.
Cashflow-Ziel wird zur Kletterpartie
Noch drängender als die Umsatzverschiebung ist die Frage nach dem Cashflow. IBM hat sich für 2026 einen freien Cashflow von rund 15,7 Milliarden Dollar vorgenommen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss der Konzern in der zweiten Jahreshälfte etwa 10,9 Milliarden Dollar erwirtschaften.
Das wäre ein Plus von 10 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Angesichts eines Halbjahreswerts von nur 4,8 Milliarden Dollar ist das eine steile Rechnung. IBM müsste im zweiten Halbjahr mehr als doppelt so viel liefern wie im ersten.
Zur ohnehin angespannten Lage kommt eine laufende Untersuchung wegen möglichen Wertpapierbetrugs rund um die Offenlegung der Vertriebs-Pipeline. Diese Unsicherheit dürfte mit dazu beitragen, dass die annualisierte 30-Tage-Volatilität bei 83,80 Prozent liegt – ein ungewöhnlich hoher Wert für einen etablierten Tech-Konzern mit einer Marktkapitalisierung von 175 Milliarden Euro.
Charttechnik im Überverkauft-Bereich
Der Kurs notiert nur noch 3,45 Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 178,52 Euro, das erst am 16. Juli erreicht wurde. Der 14-Tage-RSI liegt bei 31,1 und signalisiert damit eine Nähe zum überverkauften Bereich. Diese Kennzahlen sprechen eine klare Sprache: Der Ausverkauf der letzten Wochen war heftig und schnell.
Heute, am Mittwoch nach US-Börsenschluss, folgen die vollständigen Quartalszahlen. Sie werden mehr sein als eine reine Bestätigung des vorläufig gemeldeten Umsatzes von 17,2 Milliarden Dollar. Anleger erwarten einen klaren Plan: Wie will IBM vom KI-Boom profitieren, ohne das traditionelle Kerngeschäft weiter zu opfern?
Bei einer Jahresperformance von minus 28,94 Prozent bleibt für Enttäuschungen kaum noch Spielraum. Krishna muss heute liefern – nicht nur Zahlen, sondern eine Antwort auf die Frage, wie IBM den KI-Wandel übersteht, statt von ihm überrollt zu werden.
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