IBM-Aktien klettern zurück. Der eigentliche Test für Anleger ist aber keine Charttechnik, sondern eine Vertrauensfrage. Der Kurs legte zuletzt um 5,36 Prozent auf 199,58 Euro zu und hat sich binnen einer Woche um 10,82 Prozent erholt. Unter der Oberfläche bleibt die Wunde tief: Seit Jahresbeginn steht ein Minus von 23,21 Prozent zu Buche.
Der Auslöser war mehr als eine verpasste Prognose
Im Juli brach die Aktie an einem einzigen Handelstag um 25 Prozent ein. Es war der schlechteste Handelstag in der Firmengeschichte. Auslöser war eine vorläufige Gewinnwarnung zum zweiten Quartal, die deutlich unter den Erwartungen lag.
Was danach folgte, wiegt schwerer als die verpassten Zahlen selbst. Ermittler untersuchen eine mutmaßliche Manipulation der Vertriebspipeline durch Führungskräfte des Konzerns. Sie prüfen, ob Anleger über die tatsächliche Deal-Konversionsrate getäuscht wurden. Betroffen sind jene, die auf Basis früherer Management-Aussagen IBM-Aktien kauften und hielten.
Genau dieses Detail zählt mehr als der Umsatzrückgang. IBMs Investment-These fußt auf der Glaubwürdigkeit eigener Prognosen: Mainframe-Zyklen, wiederkehrende Software-Umsätze, KI-Monetarisierung. Ein Verdacht gegen genau diese Glaubwürdigkeit trifft den Kern der Sache, unabhängig davon, was die Zahlen am Ende zeigen.
Software trägt, Infrastruktur bricht weg
Die offiziellen Quartalszahlen brachten tatsächlich etwas Beruhigung. Nach der Veröffentlichung und einer angehobenen Jahresumsatzprognose drehte die Aktie im nachbörslichen Handel. Aus einem Minus von 2,25 Prozent wurde ein Plus von 2,69 Prozent.
Das Segment, auf das IBM seinen Konzernumbau stützt, hält. Software-Umsätze erreichten 7,8 Milliarden Dollar, ein Plus von 5 Prozent zum Vorjahr. Hybrid Cloud legte sogar um 11 Prozent zu.
Die Infrastruktursparte dagegen bereitet weiter Sorgen. Der Umsatz fiel um 7 Prozent auf 3,8 Milliarden Dollar, weil das Mainframe-Geschäft mit der IBM-Z-Reihe deutlich einbrach. Unternehmen verschieben offenbar Investitionen in klassische Großrechner zugunsten von KI-Servern und Chips. Finanzchef Jim Kavanaugh widersprach dieser Lesart: „Wir sehen keine Anzeichen dafür, dass Kunden vom Mainframe abwandern.“
Genau solche Zusicherungen stehen jetzt unter juristischer Beobachtung. Das ist die eigentliche Ironie der aktuellen Lage.
Ein Kursziel, das das eigentliche Risiko nicht einpreist
Die Analystengemeinde traut der Aktie im Schnitt ein Kursziel von 215,69 Euro zu, ein Aufwärtspotenzial von rund 8,1 Prozent. Das klingt nach Zuversicht, ist aber eher eine vorsichtige Wette als ein klares Votum. In diesem Ziel dürfte bereits etwas Erholung im Mainframe-Geschäft eingepreist sein, dazu anhaltende Software-Dynamik, getragen von Red Hat, HashiCorp, Confluent und dem watsonx-Portfolio.
Was das Kursziel kaum abbilden kann: das Reputationsrisiko. Ein Schwergewicht der IT-Branche steht derzeit auf einer Kommunikationsbasis, die selbst infrage steht. Genau jener Hebel, mit dem IBM Märkte nach Schocks normalerweise beruhigt, ist nun Gegenstand einer Betrugsermittlung.
Jede künftige Telefonkonferenz, jedes Update zur Prognose trägt so lange ein Fragezeichen, bis diese Untersuchung abgeschlossen ist. Kein Produkt-Roadmap, so vielversprechend sie auch sein mag, kann das derzeit ausräumen.
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