Kaum hat sich der Kurs von seinem historischen Absturz erholt, prüfen mehrere US-Kanzleien bereits mögliche Anlegerklagen gegen IBM. Grund ist die enttäuschende Vorabmeldung zum zweiten Quartal, die den Kurs Mitte Juli einbrechen ließ. Zur schwachen Prognose gesellt sich nun auch juristischer Druck.
Kanzleien nehmen IBM ins Visier
Gleich drei Kanzleien haben Ermittlungen zu möglichem Wertpapierbetrug eingeleitet. Bleichmar Fonti & Auld prüft, ob IBM Anleger über das Tempo neuer Geschäftsabschlüsse und die Aussichten der Z-Mainframe-Sparte getäuscht hat. Am 24. Juli bestätigte die Kanzlei, die Untersuchung fortzusetzen.
Die Portnoy Law Firm kündigte am 22. Juli eine eigene Prüfung an und erwägt eine Sammelklage im Namen der Aktionäre. Hagens Berman untersucht mögliche Verstöße gegen US-Wertpapiergesetze. Auslöser war die Vorabmeldung von CEO Arvind Krishna am 14. Juli mit desaströsen Zahlen für das zweite Quartal.
IBM räumte in dieser Mitteilung offen ein, „gestrauchelt“ zu sein und nicht schnell genug reagiert zu haben. Zahlreiche große Deals hätten sich verzögert und den Großteil des Gewinnausfalls verursacht, hieß es wörtlich vom Unternehmen selbst.
Analysten uneins nach den Zahlen
Nach den bestätigten Quartalszahlen vom 22. Juli reagierten die Analysten gespalten. Citi senkte das Kursziel am 24. Juli von 255 auf 245 Dollar. HSBC kürzte sein Ziel erneut, von 175 auf rund 174 Dollar, und beließ die Einstufung bei „Reduce“.
Die Bank hatte IBM bereits am 14. Juli von „Hold“ auf „Reduce“ herabgestuft und das Kursziel von 231 auf 191 Dollar gesenkt. Kurz darauf folgte eine weitere Kürzung auf 175 Dollar.
Nicht alle Analysten sehen schwarz. Barclays bestätigte am 21. Juli ein Kursziel von 288 Dollar, was einem möglichen Kurspotenzial von knapp 37 Prozent entspricht.
Wedbush-Analyst Dan Ives bleibt sogar bei 350 Dollar, mehr als 64 Prozent über dem aktuellen Niveau. Im Durchschnitt bleibt das Bild freundlicher, als die jüngsten Kürzungen vermuten lassen: 25 von S&P Global befragte Analysten kommen auf ein Kursziel von 245,33 Dollar, eingestuft als „Buy“. Bei FactSet liegt der Mittelwert bei 250,29 Dollar, mit der Einstufung „Overweight“.
Was hinter dem Einbruch steckt
Die konkreten Zahlen liefern den Grund für die Skepsis. Das margenstarke Softwaregeschäft wuchs um rund 5 Prozent auf 7,76 Milliarden Dollar. Die Beratungssparte blieb mit 5,33 Milliarden Dollar nahezu unverändert.
Das Infrastrukturgeschäft brach dagegen ein. Der Umsatz sank um etwa 7 Prozent, und die Mainframe-Sparte Z verlor rund 42 Prozent. Genau dieser Einbruch trifft IBM besonders hart, weil das Mainframe-Geschäft traditionell hohe Margen liefert.
CEO Krishna gab sich in der offiziellen Mitteilung dennoch zuversichtlich. Das Unternehmen arbeite daran, Umsatzwachstum und Profitabilität zu beschleunigen – unter anderem mit KI und Automatisierung, so Krishna. IBM erwartet nun ein währungsbereinigtes Umsatzwachstum von vier bis fünf Prozent. Der freie Cashflow soll weiterhin um rund eine Milliarde Dollar gegenüber dem Vorjahr steigen.
Trotz der Turbulenzen hält der Vorstand an der Ausschüttungspolitik fest. Der Verwaltungsrat bestätigte eine Quartalsdividende von 1,69 Dollar je Aktie, zahlbar am 10. September 2026. Damit zahlt IBM seit 1916 ununterbrochen jedes Jahr eine Dividende.
Krishna widerspricht der Abschwung-Erzählung
In Fernsehinterviews versuchte Krishna, die Anleger zu beruhigen. Ein Drittel der im zweiten Quartal verschobenen Großaufträge sei inzwischen zurückgekehrt, erklärte er.
Als Grund für die Verzögerungen nannte Krishna einen starken Preisanstieg bei Halbleitern. Firmenkunden hätten deshalb kurzfristig Budget von Software auf physische Server umgeschichtet. Künstliche Intelligenz bleibe aber der zentrale Wachstumstreiber, und die verschobenen Aufträge kämen bereits zurück.
Kurs bleibt unter Druck
Der Kurs zeigt das Ausmaß des Schadens deutlich. Aktuell notiert die Aktie bei 189,80 Euro und liegt damit gut 35 Prozent unter dem Hoch vom Juni. Zum jüngsten Tief von Ende Juli beträgt der Abstand nur noch rund 8 Prozent.
Die Dividende bleibt bestehen, die Ermittlungen der Kanzleien laufen weiter, und der Kurs bewegt sich nah an seinem Jahrestief. Für IBM heißt das: Ein Teil des verlorenen Vertrauens ist laut Krishna bereits zurückgekehrt, ein anderer Teil steht nun juristisch auf dem Prüfstand.
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