Der Nahostkonflikt hat die globalen Finanzmärkte in einen Ausnahmezustand versetzt. Während Unterhändler in Islamabad um einen dauerhaften Waffenstillstand ringen, summieren sich die wirtschaftlichen Kollateralschäden — von der Zapfsäule in Ohio bis zu den Bilanzen europäischer Banken.
Ein Seeweg lähmt die Weltkonjunktur
Eigentlich sollte die Straße von Hormus der erste Verhandlungserfolg sein. Präsident Trump hatte die vollständige, sofortige und sichere Öffnung des Seewegs zur Bedingung für einen zweiwöchigen Waffenstillstand erklärt. Doch jetzt räumt Iran ein, dass es die eigenen Seeminen nicht mehr vollständig orten kann.
Die Islamische Revolutionsgarde ließ Hunderte kleiner Boote Minen weitgehend planlos im Wasser treiben. Viele Positionen wurden nicht einmal dokumentiert. Da die Minen unkontrolliert abdriften, sind Irans frühere Karten für sichere Durchfahrtsrouten inzwischen unbrauchbar. Iraniens Außenminister Araghchi sprach selbst von „technischen Limitierungen“ — ein diplomatisches Eingeständnis, das in Islamabad schwer wiegt.
Für die globale Schifffahrt bedeutet das: Keine Reederei wird den Seeweg ohne ein verifiziertes „minenfrei“-Zertifikat anlaufen. Rund 15 Prozent des weltweiten Ölangebots bleiben damit blockiert. Selbst bei einem politischen Durchbruch dieses Wochenende dürfte die Wiedereröffnung ein monatelanger Prozess werden — kein einmaliges Ereignis, sondern ein zähes Ringen gegen die Zeit.
Iraniens Raketen — die zweite Unsicherheit
Parallel dazu nährt ein US-Geheimdienstbericht neue Zweifel am militärischen Kalkül des Weißen Hauses. Während Verteidigungsminister Hegseth das iranische Raketenprogramm als „ausgedünnt und dezimiert“ bezeichnet, sprechen Analysten eine andere Sprache: Teheran verfügt nach wie vor über tausende Kurzstreckenraketen. Israelische Stellen schätzen, dass Iran noch über 1.000 Mittelstreckenraketen hält — fast die Hälfte des Vorkriegsbestands.
Mehr als die Hälfte der mobilen Abschussrampen wurde zwar zerstört oder durch gezielte Schläge auf Tunnelausgänge blockiert. Viele Anlagen sind jedoch reparierbar oder in tiefen Untergrundkomplexen verborgen. Analysten des Center for Strategic and International Studies (CSIS) bezeichnen Iran trotz allem als „dominanten Akteur“ in der Golfregion. Für Anleger bedeutet das: Selbst ein geschwächter Iran kann persische Golfrouten oder US-Stützpunkte gefährden — und damit eine Risikoprämie auf Energiepreisen aufrechterhalten, die so schnell nicht verschwindet.
Inflation frisst die Steuererleichterungen auf
Die geopolitische Blockade hat längst eine wirtschaftliche Eigendynamik entwickelt. Der US-Verbraucherpreisindex sprang im März um 0,9 Prozent — der stärkste monatliche Anstieg seit fast vier Jahren. Die Benzinpreise an der Zapfsäule schossen um 21,2 Prozent nach oben, von rund 3 Dollar je Gallone im Februar auf inzwischen 4,15 Dollar.
Ausgerechnet diese Entwicklung torpediert Trumps eigene Steuerpolitik. Die Rückerstattungen aus dem republikanischen Steuerpaket von 2025 — mit Vergünstigungen auf Trinkgelder, Überstunden und Rentenzahlungen — fallen zwar im Schnitt um 351 Dollar oder 11 Prozent höher aus als im Vorjahr. Doch Ökonomen der Stanford University schätzen, dass die kriegsbedingten Energiepreiserhöhungen die durchschnittlichen Spritkosten eines US-Haushalts in diesem Jahr um 857 Dollar steigen lassen. Was als konjunkturelle Belebung geplant war, wird zum Puffer gegen einen tieferen Abschwung.
Morgan Stanley hat seine Prognose für das US-Konsumwachstum 2026 bereits auf 1,7 Prozent gesenkt. Oxford Economics kappte die globale BIP-Prognose auf 2,6 Prozent. Weltbank-Präsident Ajay Banga warnt vor einem „kaskadierenden Effekt“: Selbst bei einem frühen Kriegsende könnte das globale Wachstum um 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte sinken, die Inflation um 200 bis 300 Basispunkte steigen. Hält der Konflikt an, sind bis zu einem Prozentpunkt Wachstumsverlust möglich.
Die Fed in der Zwickmühle
Für die US-Notenbank ist die Lage heikel. Die Kerninflation — ohne Energie und Lebensmittel — fiel mit 0,2 Prozent auf Monatsbasis sogar kühler aus als erwartet. Das signalisiert, dass keine breit angelegte Preisdynamik vorliegt, sondern ein energiegetriebener Schock.
Fed-Präsidentin Mary Daly brachte es auf den Punkt: „Wir hatten schon vor dem Ölpreisschock Arbeit vor uns; mit dem Ölpreisschock dauert es einfach länger.“ Zinssenkungen sind damit bis weit in das Jahr 2027 vom Tisch. Eine Erhöhung gilt zwar als unwahrscheinlich, doch Ex-Fed-Präsident James Bullard warnte: Falls die Inflation nicht wieder sinkt, müsse die Notenbank handeln — sonst riskiere sie ihre Glaubwürdigkeit. Die Inflationserwartungen der Verbraucher für die nächsten fünf Jahre stiegen bereits auf 3,4 Prozent.
Privatkredit und Bankensektor unter Druck
Während die Notenbank abwartet, scannt sie gleichzeitig das Finanzsystem nach Rissen. Die Fed hat eine formelle Untersuchung der Verflechtungen zwischen US-Großbanken und dem 1,8 Billionen Dollar schweren Markt für private Kreditvergabe eingeleitet. Investoren zogen in den vergangenen Wochen massiv Gelder aus Privatkreditfonds ab — ein Zeichen wachsender Liquiditätsangst in einem Segment, das auf Anlegerkapital statt auf Einlagen angewiesen ist.
Financial Stability Board-Chef Andrew Bailey warnte vor „nicht-linearem“ Stress in diesem Bereich. JPMorgan-CEO Jamie Dimon kritisierte mangelnde Transparenz und fragwürdige Bewertungsstandards. Großfonds wie Blackstone operieren mit erheblichem Hebel — und Regulatoren wollen sicherstellen, dass ein Einbruch privater Portfolios nicht die Bankbilanzen mitreißt.
Märkte — nervös, aber nicht in Panik
An den Wall-Street-Börsen endete der Freitagshandel gemischt. Dow Jones und S&P 500 schlossen leicht im Minus, der Nasdaq legte zu, getrieben von Chipwerten. Broadcom und Nvidia gewannen 4,7 beziehungsweise 2,6 Prozent, nachdem Taiwan Semiconductor starke Quartalszahlen vorlegte. Auf Wochenbasis verzeichneten alle drei Indizes ihre stärksten Zugewinne seit November.
Die eigentliche Stimmung fasste Portfoliomanager Jed Ellerbroek treffend zusammen: „Händler sind sehr zögerlich, mit offenen Positionen in ein langes Wochenende zu gehen, in dem Iran-US-Verhandlungen stattfinden.“ Ob das Treffen in Islamabad einen Wendepunkt markiert — oder nur eine weitere Atempause in einem noch längeren Konflikt — wird sich schon in den nächsten Handelstagen zeigen.
