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Hormuz-Krise erschüttert globale Geldpolitik

Die Blockade der Straße von Hormuz zwingt Zentralbanken weltweit zu einem Spagat zwischen Inflationsbekämpfung und Konjunkturstützung.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • EZB vor zwei Zinserhöhungen im Sommer
  • Golfstaaten trotz hoher Ölpreise in Rezession
  • Indien erwägt Zinserhöhung wegen Ölpreisschock
  • Hedgefonds wetten gegen US-Lebensversicherer

Der Konflikt zwischen den USA, Israel und Iran hat seit Februar 2026 eine Kettenreaktion ausgelöst, die weit über den Nahen Osten hinausreicht. Die faktische Schließung der Straße von Hormuz – durch die normalerweise rund 20 Prozent des weltweiten Öls fließen – zwingt Zentralbanken auf vier Kontinenten zu schwierigen Abwägungen zwischen Inflationsbekämpfung und Konjunkturstützung.

Notenbanken zwischen Zinserhöhung und Abwarten

Die Europäische Zentralbank steht dabei besonders im Fokus. Die Citigroup hat ihre Prognose für den EZB-Kurs deutlich verschärft und rechnet nun mit zwei Zinserhöhungen um je einen Viertelpunkt im Juni und Juli. Der Grund: Anhaltend hawkishe Signale der EZB-Ratsmitglieder, kombiniert mit der Unsicherheit darüber, wann Öltanker die Straße von Hormuz wieder ungehindert passieren können.

Die Citi-Ökonomen um Arnaud Marès sind dabei selbst unsicher. „Wir befinden uns in einer Situation, in der das Spektrum möglicher Ergebnisse weit bleibt“, schreiben sie. Eine voreilige Erhöhung, sollte sich die Lage schnell entspannen, könnte als Panikreaktionwahrgenommen werden und die Glaubwürdigkeit der EZB beschädigen. Gleichzeitig haben die Analysten ihre Wachstumsprognose für die Eurozone 2026 auf 0,9 Prozent gesenkt und ihre Inflationserwartung auf 2,9 Prozent angehoben – ein stagflationäres Umfeld, das klassische geldpolitische Antworten erschwert.

Ähnlich vorsichtig gibt sich die Bank of England. Sie dürfte ihren Leitzins bei 3,75 Prozent belassen, obwohl die Verbraucherpreise voraussichtlich bis Jahresende über dem Ziel bleiben. Citi-Analysten prognostizieren eine 8-zu-1-Abstimmung, bei der allein Chefvolkswirt Huw Pill für eine Erhöhung plädieren dürfte. Gouverneur Andrew Bailey hatte zuletzt gewarnt, die Märkte liefen den Zinserwartungen zu weit voraus.

Die Bank of Canada wiederum will ihren Leitzins bei 2,25 Prozent belassen. Kanadas Inflationsrate stieg im März auf 2,4 Prozent – der höchste Stand seit Dezember, aber noch innerhalb des Zielbands von einem bis drei Prozent. „Was die Bank sucht, ist ob diese Inflationserwartungen bei Verbrauchern und Unternehmen fest verankert werden – und das sehen wir derzeit nicht“, sagt Gemma Stanton-Hagan von PwC.

Golfstaaten: Ölpreisanstieg nutzt nichts, wenn Export blockiert ist

Paradoxerweise leiden die Golfstaaten besonders stark – obwohl hohe Ölpreise ihnen eigentlich nutzen sollten. Das Problem: Infrastrukturschäden und die faktische Schließung der Hormuzstraße lähmen Produktion und Export gleichermaßen. Ein Reuters-Poll zeigt das ganze Ausmaß der Verwerfungen: Katar dürfte 2026 um 6,0 Prozent schrumpfen, Kuwait um 4,4 Prozent, Bahrain um 2,9 Prozent. Die VAE stagnieren, obwohl Ökonomen noch Anfang des Jahres ein Plus von 5 Prozent erwartet hatten.

Saudi-Arabien und Oman kommen mit prognostizierten Wachstumsraten von 2,6 beziehungsweise 2,2 Prozent noch vergleichsweise glimpflich davon. Ein schnelles Comeback ist aber auch dort nicht zu erwarten: Der Wiederaufbau der Energieinfrastruktur dürfte bis Ende 2026 dauern.

Inmitten dieser Verwerfungen sendet Iran erstmals ein Gesprächssignal. Berichten zufolge bietet Teheran an, die Hormuzstraße wieder zu öffnen – ohne dabei auf seine Nuklearambitionen einzugehen. Als Gegenleistung verlangt Iran das Ende der US-Seeblockade. Ob Washington dieses Angebot annimmt, ist offen. Trump ließ verlauten, Iran könne ihn jederzeit anrufen – Washington halte „alle Karten“ in der Hand.

Indien und die Frage der Zinserhöhung

In Indien läuft die Debatte spiegelverkehrt. Die Anleihemärkte preisen inzwischen Zinserhöhungen der Reserve Bank of India ein, nachdem die Ölpreise seit Konfliktbeginn um 50 Prozent gestiegen sind und die Bondrenditen im drei- bis siebenjährigen Laufzeitsegment um 36 bis 41 Basispunkte zugelegt haben. Indien importiert den Großteil seines Öls – jeder Dollar Preisanstieg trifft die Handelsbilanz direkt.

Norbert Ling, Leiter des festverzinslichen Portfoliomanagements für den Asien-Pazifik-Raum bei Invesco, hält diese Erwartungen für übertrieben. „Es ist noch zu früh, auf Zinserhöhungen zu setzen“, sagt er. Der Vermögensverwalter, der weltweit 2,1 Billionen Dollar betreut, sieht gerade im drei- bis siebenjährigen Segment der indischen Staatsanleihen Wert. Ling wertet die jüngsten Kapitalabflüsse ausländischer Investoren – rund 160 Milliarden Rupien seit Konfliktbeginn – als taktische Rotation, nicht als strukturellen Rückzug.

Hedgefonds wetten gegen US-Lebensversicherer

Abseits der unmittelbaren Energieschock-Debatte sorgt ein anderes Thema für wachsende Nervosität: US-Lebensversicherer geraten unter Beschuss. Hedgefonds haben ihre Leerverkaufspositionen gegen die zehn größten US-Lebensversicherungsunternehmen innerhalb eines Jahres um mehr als 130 Prozent ausgebaut – auf insgesamt rund 5,3 Milliarden Dollar, zeigen Daten des Analyseunternehmens ORTEX.

Der Hintergrund: Lebensversicherer haben in den vergangenen zehn Jahren massiv in Private Credit investiert – also Kredite, die nicht von Banken, sondern von Fonds und Vermögensverwaltern vergeben werden. Rund 35 Prozent ihrer Bilanzsumme stecken laut IWF in solchen Positionen. Was in Zeiten niedriger Zinsen attraktiv schien, wird jetzt zum Risiko: mangelnde Transparenz, geringe Regulierung und Fragen zur Bewertung der Portfolios.

„Das Problem liegt nicht in einem einzelnen Zusammenbruch, sondern in strukturellen Anfälligkeiten einer Anlageklasse mit weit weniger Aufsicht als das traditionelle Bankensystem“, sagt Daniel Loughney von Mediolanum International Funds. Barclays-Analysten schätzen, dass die Gewinne je Aktie der 15 größten US-Lebensversicherer 2026 um rund 7 Prozent fallen werden – halten die Marktreaktion aber für übertrieben.

Citi baut Asien-Präsenz aus

Während viele Häuser auf Sicht fahren, nutzt Citigroup die Situation für strategische Personaloffensiven. Die Bank will ihre Investment-Banking-Teams in Japan und China gezielt ausbauen – mit Fokus auf grenzüberschreitende Fusionen und Übernahmen. In Japan sollen vor allem Lücken im Technologie- und Telekommunikationsbereich geschlossen werden. „Japanische Unternehmen werden deutlich kreativer und offener für strategische Gespräche“, sagt Asien-Chef Kaustubh Kulkarni.

Hongkong hat unterdessen den stärksten Jahresstart am Aktienmarkt seit 2021 verzeichnet – mit über 140 Milliarden Hongkong-Dollar, die durch Börsengänge eingesammelt wurden. Ein Anstieg von mehr als 400 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Hormuz-Krise hat die Märkte also keineswegs gleichmäßig gelähmt. Wer die richtigen Positionen hält, findet auch jetzt Chancen.

Eduard Altmann

Eduard Altmann ist Finanzexperte mit über 25 Jahren Erfahrung an den globalen Finanzmärkten. Als Analyst und Autor beim VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft spezialisiert er sich auf Aktienmärkte, Gold, Silber, Rohstoffe und den Euro.

Altmann ist überzeugter Verfechter des Value-Investing und identifiziert unterbewertete Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial. Sein Börsendienst "Megatrend-Depot" vermittelt praxisnahe Strategien erfolgreicher Value-Investoren. Mit seinem Motto "Manage dein Vermögen selbst" inspiriert er Anleger zur eigenverantwortlichen Vermögensverwaltung.

Seine Analysen basieren auf der fortschrittlichen Gann-Strategie, die präzise Vorhersagen für Rohstoffmärkte ermöglicht. Diese technische Analysemethode kombiniert historische Daten mit Zyklusanalysen und macht seine Marktprognosen besonders treffsicher.

Durch zahlreiche Publikationen und verständliche Erklärungen komplexer Finanzthemen unterstützt Altmann sowohl Einsteiger als auch erfahrene Investoren bei fundierten Anlageentscheidungen. Seine Arbeit verbindet theoretische Expertise mit praktischen Empfehlungen für den strategischen Vermögensaufbau.