Der Krieg gegen Iran hat die globale Wirtschaft in eine Lage manövriert, die an die schlimmsten Schocks der jüngeren Geschichte erinnert. Rund 900 Schiffe sitzen im Persischen Golf fest, der Ölpreis notiert bei über 100 Dollar pro Barrel — und Europas Industrie spürt die Folgen bereits in ihren Auftragsbüchern.
Trügerisches Wachstum in Europa
Die Zahlen sehen auf den ersten Blick gar nicht so schlecht aus. Der Einkaufsmanagerindex für die Eurozone stieg im April auf 52,2 — ein Wert, der Wachstum signalisiert. Neue Aufträge legten so stark zu wie seit vier Jahren nicht mehr. Doch der Schein trügt gewaltig.
Hinter dem Anstieg steckt kein echter Nachfragesog. Unternehmen horten Rohstoffe und Vorprodukte in Erwartung weiterer Preissteigerungen und Engpässe. Kunden kaufen sofort, statt zu warten — aus Angst, bald noch mehr zahlen zu müssen. Chris Williamson, Chefvolkswirt bei S&P Global Market Intelligence, bringt es auf den Punkt: „Auftragspolster und Produktionszahlen werden durch den Aufbau von Sicherheitsbeständen gestützt — infolge weit verbreiteter Sorgen über Lieferengpässe und steigende Preise durch den Krieg im Nahen Osten.“ Was wie Wachstum aussieht, ist in Wahrheit Angsteinkauf.
Der eigentliche Gradmesser für die Lage ist der Zukunftsindex. Er fiel von 58,2 auf 55,4 — den niedrigsten Stand seit 17 Monaten. Die Stimmung kippt.
Deutschland als Warnsignal
Besonders deutlich wird das Bild in Deutschland. Der hiesige PMI sank von 52,2 auf 51,4. Das ist zwar noch Wachstumsgebiet, doch die Unternehmensstimmung drehte im April erstmals seit Oktober 2024 ins Negative. Rund 29 Prozent der Firmen rechnen damit, dass die Produktion im kommenden Jahr sinken wird — nur 25 Prozent erwarten eine Steigerung.
Gleichzeitig explodieren die Kosten. Die Inputpreise stiegen so schnell wie seit September 2022 nicht mehr, die Erzeugerpreise kletterten auf ein 39-Monats-Hoch. Lieferverzögerungen sind so ausgeprägt wie seit Juni 2022 nicht mehr — rund 28 Prozent der Unternehmen berichten von längeren Vorlaufzeiten. Phil Smith von S&P Global bringt das Kernproblem auf den Punkt: Das aktuelle Wachstum lebe „auf Pump“.
Die EZB zwischen Inflation und Konjunkturrisiko
Was die Unternehmen bereits in ihren Bilanzen spüren, beschäftigt auch die Europäische Zentralbank. Eine aktuelle EZB-Umfrage unter 67 großen Unternehmen außerhalb des Finanzsektors zeigt: Firmen aus der Luftfahrt, Logistik, Chemie und Verpackungsindustrie haben ihre Preise bereits angehoben — oft zweistellig. Die Angst vor einem neuen Inflationsschub wie 2022 bis 2023 ist real.
Die EZB warnt explizit: Sollte der Krieg Monate andauern und die Straße von Hormus blockiert bleiben, drohen nicht nur Kraftstoffknappheiten, sondern Engpässe bei allen Produkten, die Ölderivate in der Herstellung benötigen — darunter auch Wasserstoff und Helium.
Bislang schützen Absicherungsgeschäfte viele Großunternehmen noch vor dem vollen Durchschlag der Energiepreise. Doch dieser Puffer ist zeitlich begrenzt. Die EZB ließ ihren Einlagenzins zuletzt unverändert bei 2,00 Prozent, signalisierte aber, dass eine Erhöhung bereits im Juni möglich sei. Die Märkte preisen bereits mehrere Zinsschritte in diesem Jahr ein.
Hormuz: Zwischen Hoffnung und militärischer Realität
Während Europa rechnet und die Notenbanken tagen, spielt sich im Persischen Golf das eigentliche Drama ab. Täglich passieren derzeit nur noch rund zwölf Schiffe die Straße von Hormus — vor dem Konflikt waren es im Schnitt 138. Ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung hängt an dieser engen Wasserstraße vor Irans Südküste.
US-Präsident Trump kündigte am Wochenende „Project Freedom“ an — eine Initiative, um die festsitzenden Schiffe durch die Meerenge zu führen. Das US-Zentralkommando spricht von Lenkwaffen-Zerstörern, mehr als 100 Luft- und Seefahrzeugen sowie 15.000 Soldaten. Ein Konvoisystem also — theoretisch. Praktisch stellt sich die Frage, ob die Marine die nötige Kapazität und die richtigen Schiffstypen hat, um eine derart enge Wasserstraße mit iranischen Streitkräften am Nordufer des Golfs abzusichern. Berichte über zwei Schiffsangriffe seit Sonntag nähren Zweifel. Kein Wunder, dass die Kapitäne noch nicht Schlange stehen.
Der Ölpreis reagierte entsprechend verhalten auf die Ankündigung. Brent-Rohöl fiel zunächst um mehr als zwei Prozent, erholte sich dann aber auf rund 108 Dollar je Barrel. Europas Aktienmärkte eröffneten am Montag kaum verändert — DAX und Stoxx 600 lagen je rund 0,2 Prozent im Plus.
Zinserhöhungen rund um den Globus
Die Energieschock-getriebene Inflation beschäftigt längst nicht nur die EZB. Auch die australische Notenbank RBA dürfte am Dienstag ihren Leitzins um weitere 25 Basispunkte auf 4,35 Prozent anheben — die dritte Erhöhung in Folge. Die Kernrate liegt weiterhin deutlich über dem Zielband von zwei bis drei Prozent. Die aktuellen CPI-Daten aus März spiegeln den vollen Energieschock durch den Nahost-Konflikt noch nicht einmal wider.
In den USA zeigt sich die Lage ähnlich komplex. Drei FOMC-Mitglieder votierten zuletzt gegen die verbliebene Lockerungsneigung in der Sprache der Fed — ein klares Signal, dass Zinssenkungen in diesem Jahr schwer zu rechtfertigen sein dürften. Das Freitagspayroll-Daten könnten zwar Bewegung bringen: Volkswirte erwarten nur rund 60.000 bis 73.000 neue Stellen, nach 178.000 im März.
Wachstum auf Pump — wie lange noch?
Die übergreifende Botschaft aus PMI-Daten, EZB-Umfragen und Zentralbankentscheidungen ist eindeutig: Das aktuelle Wachstum in der Eurozone ist fragil. Es speist sich aus Hamsterkäufen und Lageraufbau, nicht aus echter Nachfrage. Die eigentlichen Risiken — anhaltende Störungen der Lieferketten, eine neue Inflationswelle und die geldpolitische Antwort darauf — liegen noch vor uns.
Wie lange die Straße von Hormus blockiert bleibt, entscheidet damit nicht nur über Ölpreise, sondern über die Richtung der europäischen Konjunktur im zweiten Halbjahr 2026.
