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Honeywell vor der Aufspaltung: Wie Anleger verdienen können

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

am 29. Juni hört Honeywell in seiner heutigen Form auf zu existieren. Der amerikanische Industriekonzern teilt sich dann in zwei eigenständige Unternehmen auf. Wer die Geschichte der Kapitalmärkte kennt, der sieht sofort ein vertrautes Muster. Genau solche Aufspaltungen haben Anlegern in der Vergangenheit erhebliche Gewinne beschert. Das prominenteste Beispiel der jüngeren Zeit liefert General Electric. Und Honeywell folgt nun demselben Drehbuch.

Die Frage lautet, ob sich die GE-Geschichte wiederholt. Niemand kann das garantieren. Doch die Ausgangslage ist bemerkenswert günstig. Beobachter sehen Kurspotenzial von mehr als dreißig Prozent. Höchste Zeit also, sich den Vorgang genauer anzusehen.

Warum eine Aufspaltung Wert freisetzt

Große Mischkonzerne leiden oft unter einem Phänomen, das Fachleute Konglomeratsabschlag nennen. Anleger bewerten die Summe der Einzelteile niedriger, als diese eigenständig wert wären. Der Grund ist nachvollziehbar. Verschiedene Geschäfte mit unterschiedlichen Margen, Wachstumsraten und Risiken lassen sich schwer in eine einzige Bewertung pressen. Spezialisierte Investoren meiden solche Gemischtwarenläden.

Eine Aufspaltung löst diesen Knoten. Jedes Geschäft kann fortan mit dem Bewertungsmaßstab gemessen werden, der zu ihm passt. Schnell wachsende Sparten erhalten ein höheres Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), also den Preis, den Anleger pro Euro Gewinn zu zahlen bereit sind. Reife Geschäfte werden konservativer bewertet. Am Ende kann die Summe der getrennten Teile deutlich mehr wert sein als der frühere Gesamtkonzern.

Honeywell hat diesen Prozess bereits begonnen. Im Oktober wurde die Sparte Solstice Advanced Materials abgespalten. Nun folgt der große Schritt. Es entstehen zwei neue Unternehmen, eines für die Luftfahrt, eines für die Automatisierungstechnik. Marktbeobachter ordnen den Vorgang als eine der bedeutsamsten Industrieabspaltungen ein, nicht weil sie dramatisch wäre, sondern weil sie logisch ist. Bei General Electric ging es seinerzeit um eine Sanierung. Bei Honeywell geht es schlicht um Klarheit in der Bewertung.

Die Luftfahrtsparte als Kronjuwel

Das erste neue Unternehmen heißt Honeywell Aerospace und wird unter dem Kürzel HONA gehandelt. Es bündelt das Luftfahrtgeschäft. Dazu zählen Flugzeugelektronik, also die sogenannte Avionik, sowie Systeme für Wärmemanagement, Bewegungssteuerung und Energieversorgung. Mehr als 47.000 Hilfstriebwerke von Honeywell sind weltweit im Einsatz.

Die Zahlen können sich sehen lassen. Im Jahr 2025 erzielte die Sparte einen Umsatz von 17,4 Milliarden Dollar. Das entspricht auf vergleichbarer Basis einem Plus von zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die operative Marge lag bei nahezu 25 Prozent. Zur Einordnung. Der Durchschnitt vergleichbarer Luftfahrt- und Rüstungsunternehmen im Russell 1000 liegt eher bei 17 Prozent. Honeywell Aerospace arbeitet also klar profitabler als die Konkurrenz.

Bis 2030 soll der operative Gewinn auf über 6,5 Milliarden Dollar steigen. Das wäre ein jährliches Wachstum von rund acht Prozent. Diese Prognose könnte sich sogar als vorsichtig erweisen. GE Aerospace wächst beim operativen Gewinn voraussichtlich näher an elf Prozent pro Jahr.

Hier liegt der eigentliche Hebel. GE Aerospace wird derzeit mit etwa dem Vierzigfachen des für die kommenden zwölf Monate erwarteten Gewinns bewertet. Honeywell kommt bislang nur auf das rund Neunzehnfache. Nähert sich das Gewinnwachstum von Honeywell dem von GE an, dürfte sich auch der Bewertungsmaßstab ausweiten. Genau darin steckt die Chance.

Die offene Baustelle der Lieferkette

Eine Voraussetzung gibt es allerdings. Die operative Umsetzung muss sich verbessern. Ein Analyst von Jefferies weist darauf hin, dass Honeywells Leistung zuletzt hinter den Erwartungen der Zulieferer zurückblieb. Diese Einschätzung stützt sich auf Gespräche mit Kunden des Konzerns.

Das Management hat das Problem erkannt. Honeywell hat jüngst eine neue Chefin für die Lieferkette eingestellt, die aus der Automobilindustrie kommt. Das Ziel ist eine engere Zusammenarbeit mit den Zulieferern, um Engpässe früher zu erkennen und Terminprobleme zu glätten. Ob daraus ein echter Wettbewerbsvorteil wird oder nur eine Methode zur Senkung des Betriebskapitals, bleibt abzuwarten. Hier liegt eine reale Unsicherheit.

Selbst bei vorsichtiger Betrachtung erscheint die Sparte attraktiv. Würde Honeywell Aerospace nur am unteren Ende der Bewertungsspanne vergleichbarer Unternehmen gehandelt, läge der Wert bei 120 Milliarden Dollar. Nach Anpassung für die Schulden entspräche das einem Kurs von etwa 310 Dollar. Honeywell-Aktionäre erhalten für je zwei gehaltene Aktien eine Aktie des Luftfahrtgeschäfts. Auf den alten Aktienbestand umgerechnet wäre die Luftfahrtsparte damit rund 155 Dollar wert.

Honeywell Technologies und die Wette auf die Industrie

Das zweite Unternehmen behält den Namen Honeywell und firmiert als Honeywell Technologies. Hier verbleiben die Geschäfte mit Gebäudetechnik, Prozessautomatisierung und industrieller Automation. Die Software und Hardware des Konzerns steuert rund zehn Millionen Gebäude weltweit. Die Prozessautomatisierung beliefert den Energiesektor mit kritischen Materialien. Die Industrieprodukte halten Fabriken sicher und produktiv.

Wäre Honeywell Technologies bereits eigenständig, würde das Unternehmen in diesem Jahr einen Umsatz zwischen 19,9 und 20,2 Milliarden Dollar erwarten. Der Gewinn je Aktie läge nach Unternehmensangaben zwischen 3,95 und 4,15 Dollar.

Der Zeitpunkt könnte günstig kaum sein. Die Industriekonjunktur beginnt gerade wieder zu wachsen, nach einer brutalen Schwächephase von mehr als drei Jahren in der Folge der Pandemie. Ein Analyst von Goldman Sachs hält das Automatisierungsgeschäft für etwa 85 Milliarden Dollar wert. Das entspräche nach Schuldenanpassung rund 125 Dollar je Aktie.

Diese Bewertung läge beim knapp Dreißigfachen des für 2026 geschätzten Gewinns. Damit ordnete sich Honeywell Technologies in der Mitte seiner Vergleichsgruppe ein. Zu dieser zählen Namen wie Rockwell Automation, Trane Technologies und Siemens. Auch dieser Maßstab liegt höher als jener, mit dem die Honeywell-Aktie heute gehandelt wird. Die Erwartungen vor dem Investorentag waren laut Marktbeobachtern eher niedrig. Ein einstelliges bis niedrig zweistelliges Gewinnwachstum gilt als realistisches Ziel.

Zwei Wege zum Gewinn

Anleger haben nun zwei Möglichkeiten. Sie können bis zum Abschluss der Aufspaltung am 30. Juni warten und dann gezielt das bevorzugte Geschäft kaufen. Oder sie steigen bereits jetzt ein und halten anschließend beide Aktien. Letzteres bietet die Aussicht, gleich an zwei Stellen zu profitieren.

Rechnet man alle Teile zusammen, ergibt sich ein rechnerischer Kurs von 290 Dollar. Darin enthalten sind etwa zehn Dollar je Aktie für Honeywells Beteiligung am Quantencomputer-Start-up Quantinuum. Gegenüber dem letzten Kurs wäre das ein Aufschlag von mehr als dreißig Prozent.

Bei all dem gilt die übliche Vorsicht. Die neuen Führungsteams müssen liefern. Das Schicksal beider Aktien liegt damit weitgehend in ihren eigenen Händen. Angesichts der makroökonomischen Gegenwinde und der geopolitischen Spannungen, die derzeit auf allen Aktien lasten, ist das durchaus ein Vorzug. Stolpert das Management hingegen, bleibt ein Sicherheitsnetz. Die Aktie wird mit einem Abschlag zum breiten US-Markt gehandelt. Das begrenzt das Verlustrisiko nach unten.

Die historische Parallele bleibt dennoch lehrreich, gerade in ihrer Unschärfe. Bei General Electric setzte kaum jemand darauf, dass die Energiesparte die Luftfahrt deutlich abhängen würde. Genau das geschah. Aufspaltungen entwickeln also häufig eine Eigendynamik, die im Vorfeld niemand exakt vorhersagt. Wer beide Honeywell-Aktien hält, muss sich nicht auf einen Gewinner festlegen.

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Carsten Müller

Senior Kapitalmarktanalyst & Finanzpublizist

Expertise: Fundamentalanalyse globaler Kapitalmärkte | Zukunftstechnologien | Strategische Asset-Allokation

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Mit drei Jahrzehnten Kapitalmarkterfahrung gehört Carsten Müller zu den führenden Finanzanalysten im deutschsprachigen Raum. Der Berliner Kapitalmarktexperte verfügt über fundierte Kenntnisse in der Bewertung internationaler Aktien- und Anleihemärkte und hat sich insbesondere auf die Identifikation langfristiger Megatrends spezialisiert.

Seine Analysemethodik basiert auf einem bewährten Zweisäulenmodell: Fundamentale Unternehmensanalyse kombiniert mit präzisen Timing-Strategien. Dieser integrative Ansatz ermöglicht es ihm, strukturelle Wachstumschancen frühzeitig zu identifizieren und optimal zu nutzen.

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Nach seinem Einstieg in die Finanzbranche bei der n-tv Telebörse prägte er maßgeblich die redaktionelle Ausrichtung führender Börsenpublikationen. Als Chefredakteur und Herausgeber verantwortet er heute mehrere Fachpublikationen, darunter den renommierten Börsendienst "Future Money", der sich auf disruptive Technologien und deren Kapitalmarktpotenzial fokussiert.

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Neben seiner analytischen Tätigkeit vermittelt Carsten Müller Kapitalmarktwissen in verschiedenen Formaten. Sein Podcast "Papa, erklär mal Börse" überbrückt generationenübergreifend die Kluft zwischen komplexer Finanztheorie und praktischer Anwendung. Diese Kombination aus tiefgreifender Expertise und verständlicher Kommunikation macht ihn zu einem gefragten Experten für institutionelle und private Anleger.