Hermès setzt auf zusätzliche Lederwarenkapazitäten, während der Wiederverkaufsmarkt seiner begehrten Taschen schwächer wird. Der Ausbau in der Normandie trifft auf ein wachsendes Angebot gebrauchter Birkin- und Kelly-Modelle. Das berichtete Reuters gestern. Für Anleger entsteht damit ein Spannungsfeld: Hermès schafft zusätzliche Produktionsmöglichkeiten, während die Preisaufschläge im Zweitmarkt sinken.
Neue Werkstätten für das Lederwarengeschäft
In Colombelles plant Hermès die Eröffnung einer neuen Lederwarenmanufaktur bis zum Sommer 2028. Ein weiterer Standort in Les Andelys soll vor 2029 in Betrieb gehen. Langfristig sind an beiden Standorten jeweils 260 Handwerker vorgesehen.
Die Projekte ergänzen die bestehende Fertigung in der Normandie. Dort betreibt Hermès bereits Lederwarenmanufakturen in Val-de-Reuil und Louviers. Eine eigene Schule in Louviers unterstützt die Ausbildung des handwerklichen Nachwuchses. Der Ausbau betrifft damit sowohl die Produktionsstätten als auch die personellen Voraussetzungen für zusätzliche Fertigung.
Laut Reuters eröffnet Hermès durchschnittlich eine Werkstatt pro Jahr. Das Lederwarengeschäft steht für 44 % des Jahresumsatzes. Neue Kapazitäten betreffen somit einen wesentlichen Teil des Unternehmens und nicht lediglich eine ergänzende Produktkategorie.
Mehr Angebot verändert den Zweitmarkt
Zusätzliche Fertigungskapazitäten sind allerdings kein Beleg für eine entsprechend steigende Nachfrage. Gerade im Wiederverkauf zeigen sich Belastungssignale. Händler führen die sinkenden Preisaufschläge auf ein größeres Angebot und eine nachlassende Knappheit zurück.
Nach Einschätzung von Bernstein erreichte der durchschnittliche Wiederverkaufspreis einer Birkin 25 im dritten Quartal 2026 etwa das 1,7-Fache des Einzelhandelspreises. Am Höchststand 2022 hatte er noch beim 2,6-Fachen gelegen.
Damit erzielen die Taschen weiterhin einen Aufschlag gegenüber dem Ladenpreis. Die Entwicklung signalisiert jedoch eine geringere Zahlungsbereitschaft für den sofortigen Zugang über Wiederverkäufer. Sie beschreibt zunächst diesen Markt und darf nicht mit einer entsprechenden Entwicklung der Hermès-Verkaufspreise gleichgesetzt werden.
UBS schätzt das weltweit gelistete Angebot an Birkin- und Kelly-Taschen inzwischen auf das Sechs- bis Siebenfache des Vorpandemieniveaus. Auch die Händlerbefragung von Reuters deutet auf eine breitere Abschwächung hin: Die Mehrheit berichtete über sinkende Wiederverkaufspreise und eine schwächere Nachfrage.
Wachstum und Exklusivität im Spannungsfeld
Für die Einordnung des Ausbaus ist die bisherige Geschäftsentwicklung wichtig. Hermès verdreifachte seinen Jahresumsatz zwischen 2015 und 2025 auf 16 Mrd. €. Die operative Marge lag 2025 bei 41 %.
Diese Zahlen beschreiben eine starke Ausgangsbasis, garantieren aber nicht die Auslastung künftiger Werkstätten. Ebenso wenig lassen schwächere Zweitmarktpreise allein auf einen Einbruch des Neugeschäfts schließen. Für Anleger sind beide Entwicklungen deshalb getrennt zu beurteilen.
Der Produktionsausbau zeigt den langfristigen Wachstumskurs von Hermès. Das größere Wiederverkaufsangebot setzt diesem Kurs eine wichtige Einschränkung entgegen: Zusätzliche Verfügbarkeit trifft nicht mehr auf dieselben Knappheitsprämien wie am früheren Höhepunkt. Entscheidend ist daher, ob die Nachfrage im eigenen Geschäft die schrittweise Erweiterung der Fertigung trägt.
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