Der Rüstungselektronik-Konzern Hensoldt hat mit seinen Zahlen zum zweiten Quartal die Erwartungen der Analysten klar übertroffen – und trotzdem zunächst einen Dämpfer an der Börse kassiert. Auslöser war ein vorsichtigerer Ausblick des Managements auf die zweite Jahreshälfte, der die starken operativen Zahlen zunächst überschattete. Inzwischen hat sich das Bild gedreht: Die Aktie schloss am Donnerstag bei 89,52 Euro und legte damit binnen eines Tages um 3,09 Prozent zu. Zum bisherigen 52-Wochen-Hoch von 117,70 Euro aus dem Oktober fehlen dem Papier aber noch 23,94 Prozent.
Auftragsbestand knackt die Zehn-Milliarden-Marke
Im ersten Halbjahr 2026 verdoppelte sich der Auftragseingang von Hensoldt auf 2,81 Milliarden Euro, nach 1,41 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum. Damit übertraf der Konzern die Markterwartung von rund 1,23 Milliarden Euro deutlich. Der Auftragsbestand kletterte parallel auf ein Rekordhoch von über 10 Milliarden Euro. Der Umsatz wuchs um knapp 24 Prozent auf 1,17 Milliarden Euro und lag damit leicht über der Konsensschätzung von 1,15 Milliarden Euro.
Beim bereinigten EBITDA verfehlte Hensoldt mit 137 Millionen Euro nach 107 Millionen Euro im Vorjahr die Erwartung von 139 Millionen Euro nur knapp. Der bereinigte Free Cashflow blieb mit minus 136 Millionen Euro zwar negativ, verbesserte sich aber gegenüber den minus 181 Millionen Euro des Vorjahreszeitraums. Für das Gesamtjahr 2026 bestätigte das Management die Umsatzprognose von rund 2,75 Milliarden Euro und peilt eine bereinigte EBITDA-Marge zwischen 18,5 und 19,0 Prozent an, bei einer Cash Conversion von rund 50 Prozent und einem Verschuldungsgrad von etwa dem 1,5-Fachen.
Genau dieser Ausblick sorgte zunächst für Verunsicherung: Das Management wies darauf hin, dass sich das Umsatzwachstum in der zweiten Jahreshälfte voraussichtlich verlangsamen werde, da durchlaufende Umsätze nachlassen und einige Einmaleffekte aus 2025 nicht erneut anfallen dürften. Anleger werteten dies zunächst als Warnsignal, bevor die Aktie ihre Verluste in den Folgetagen wieder aufholte.
Analysten uneins über die Bewertung
Ende Juli reagierten mehrere Analysehäuser auf die Zahlen – mit spürbar unterschiedlichen Schlüssen. Jefferies rief das höchste Kursziel im Vergleichsfeld mit 94 Euro aus und beließ die Einstufung bei Kauf; das volle Auftragsbuch habe die eigenen Prognosen leicht übertroffen. JPMorgan blieb dagegen zurückhaltender und stufte die Aktie mit einem Kursziel von 85 Euro neutral ein. Im zweiten Quartal habe Hensoldt kaum Überraschungen geliefert, und innerhalb der beobachteten Rüstungswerte trage der Konzern das höchste Bewertungsschild – größere Kurschancen sahen die Analysten stattdessen bei der Renk-Group-Aktie. Weitere Häuser wie Warburg Research bewegten sich mit ihren Kurszielen zwischen den beiden Polen und verwiesen auf den Auftragsbestand, der nach ihrer Einschätzung inzwischen das rund 3,7-Fache des für 2026 erwarteten Umsatzes erreicht – ein Polster, das dem Konzern hohe Planungssicherheit für die kommenden Jahre verschaffen dürfte.
Neues Entwicklungszentrum mit Bosch und Personaloffensive
Parallel zur Zahlenvorlage baut Hensoldt seine Entwicklungskapazitäten aus. Am Dienstag gaben Hensoldt und Bosch eine Kooperationsvereinbarung bekannt, wonach ein leerstehendes Bosch-Gebäude in Leinfelden bei Stuttgart zu einem neuen Software- und Ingenieurszentrum umgebaut wird. Rund 300 Arbeitsplätze sollen dort entstehen, wie Handelsblatt berichtete. Hensoldt sucht dabei gezielt Software-Spezialisten und Elektroingenieure und wirbt ausdrücklich auch um bisherige Bosch-Beschäftigte. In Leinfelden sollen softwarebasierte Multi-Domain-Fähigkeiten für die konzerneigene Software-Suite MDOcore entstehen – Hensoldt überträgt dabei Entwicklungsprozesse aus der Automobilindustrie auf Rüstungstechnologien.
Der Schritt reiht sich in eine breitere Personaloffensive ein: Bis Ende 2026 will Hensoldt rund 1600 neue Mitarbeiter einstellen, ein Belegschaftswachstum von mehr als 16 Prozent. Bereits im laufenden Jahr hatte der Konzern zudem eine Kooperation mit dem Autozulieferer Aumovio vereinbart und dabei Ingenieure übernommen, die durch Stellenabbau in dessen Forschungs- und Entwicklungsabteilung ihre Jobs verloren hatten. Ergänzt wird die Wachstumsstrategie durch die im Juni abgeschlossene Übernahme des niederländischen Optronik-Spezialisten Nedinsco, mit der Hensoldt seine Lieferkette gegen künftige Engpässe absichern will.
Der nächste größere Termin für Anleger ist der Quartalsbericht zum dritten Quartal, der laut Finanzkalender des Unternehmens für den 5. November angesetzt ist.
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