Vor den Werkstoren von Mercedes-Benz gingen diese Woche tausende Beschäftigte auf die Straße. Zeitgleich feierten Anleger in Hongkong den größten Tagesgewinn von BYD seit Monaten. Zwischen Streikdrohung und Exportrekord zeigt sich, wie unterschiedlich die Aussichten in der Autobranche derzeit verteilt sind – während Tesla trotz Bestmarke einen Kursrutsch hinnehmen musste und Geely mit gespaltenen Markenergebnissen aufwartet.
BYD: Exportrekord bringt die Krone zurück
BYD schrieb an der Börse in Hongkong sein bislang stärkstes Tagesplus seit Monaten. Die Aktie legte um mehr als 7 Prozent zu, nachdem der Autobauer im Juni mit Rekordexporten überraschte. Auf Frankfurter Parkett schloss das Papier am Freitag bei 9,58 Euro, ein Tagesgewinn von 7,38 Prozent.
Auf Wochensicht summiert sich das Plus sogar auf 15,56 Prozent – ein deutliches Signal, dass die zuletzt schwache Kursentwicklung eine Bodenbildung erlebt.
Der Auslöser waren die Auslieferungszahlen für Juni. BYD brachte insgesamt 403.472 Neuenergiefahrzeuge auf die Straße, ein Plus von 5,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Bei den reinen Batterie-Elektrofahrzeugen kam der Konzern im zweiten Quartal auf 557.090 Einheiten – deutlich mehr als die rund 396.500 Fahrzeuge, die Analysten von Tesla erwartet hatten. Damit holte sich BYD die globale Spitzenposition bei E-Auto-Auslieferungen zurück, die man im ersten Quartal verloren hatte.
Der Exportmarkt war der entscheidende Treiber: Mit 175.349 im Ausland ausgelieferten Fahrzeugen erzielte BYD einen Zuwachs von knapp 95 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Überseegeschäfte machten damit bereits 43,46 Prozent der gesamten Juni-Verkäufe aus. Im Heimatmarkt lief es dagegen schlechter – die Verkäufe in China sanken um 22,02 Prozent.
Trotz der Rally bleibt die Aktie weit von ihren Höchstständen entfernt. Vom 52-Wochen-Hoch bei 14,80 Euro trennen das Papier noch immer mehr als 35 Prozent, erst zu Wochenbeginn hatte BYD ein neues Jahrestief markiert.
Am Kapitalmarkt bleibt die Stimmung dennoch konstruktiv. UBS hob das Kursziel jüngst auf 135 Hongkong-Dollar an und bestätigte die Kaufempfehlung, nachdem der Konzern zu Wachstum zurückgefunden hat. Mit Blick auf die EU-Importzölle auf in China gefertigte E-Autos treibt das Management zudem den Bau eines zweiten europäischen Werks voran, das die noch 2026 startende Fabrik in Ungarn ergänzen soll.
Mercedes-Benz: Sparkurs entzündet Protestwelle
Während BYD feiert, kämpft Mercedes-Benz mit dem eigenen Personal. Die Aktie notiert nahe ihrem 52-Wochen-Tief von 42,64 Euro und schloss am Freitag bei 45,40 Euro – seit Jahresbeginn steht ein Minus von 26,37 Prozent zu Buche.
Auslöser der Proteste ist eine verschobene Sonderzahlung. Rund 90.000 der etwa 108.000 deutschen Mitarbeiter erhalten die tariflich vereinbarte Zahlung, die 18,4 Prozent eines Monatsgehalts entspricht, im Juli nicht wie gewohnt – sie wird ins kommende Jahr verschoben.
Mehr als 33.000 Beschäftigte demonstrierten in dieser Woche gemeinsam mit der IG Metall von Sindelfingen bis Bremen gegen unbezahlte Mehrarbeit, gekürzte Tarifleistungen und den Sparkurs des Konzerns. Die Gewerkschaft kündigte bereits einen „heißen Sommer“ mit weiteren Aktionen an.
Der Konzern selbst hält an seiner Jahresprognose fest und erwartet ein operatives Ergebnis über Vorjahresniveau. Ob die harten Einschnitte tatsächlich die Marge stützen, zeigt sich erst mit den Zahlen zum zweiten Quartal, die für den 28. Juli angesetzt sind. Als Begründung für die Dringlichkeit verweist das Management auf den deutlichen Gewinnrückgang im vergangenen Jahr sowie schwächere Verkäufe in China.
Deutz AG: Stromversorger für die KI-Ära
Abseits der Pkw-Turbulenzen verfolgt der Kölner Motorenbauer einen ganz eigenen Weg. Statt auf klassische Verbrennungsmotoren setzt der Konzern zunehmend auf dezentrale Energieversorgung – ausgelöst durch den enormen Strombedarf von KI-Rechenzentren. Bis 2030 soll der Umsatz im Energiesegment auf über 500 Millionen Euro steigen.
Getrieben wird dieser Umbau durch Zukäufe. In den vergangenen Jahren investierte Deutz dreistellige Millionenbeträge in Übernahmen wie Blue Star Power Systems in den USA, Frerk in Deutschland und Maxi Trust in Brasilien. Besonders die im Februar abgeschlossene Frerk-Übernahme sticht heraus: Der Systemintegrator liefert schlüsselfertige Notstromlösungen für Rechenzentren, Krankenhäuser und andere kritische Infrastruktur – exakt das Geschäft, das Betreiber zunehmend nachfragen.
Seit Jahresbeginn ist der Konzern in fünf Sparten gegliedert – Defense, Energy, Engines, NewTech und Service. Analysten blicken dabei besonders auf die Bereiche Verteidigung und Energie als Gradmesser für den Fortschritt der Transformation. Das Sparprogramm „Future Fit“ zeigt bereits Wirkung: 2025 wurden mehr als 25 Millionen Euro eingespart, bis Ende 2026 sollen es über 50 Millionen Euro sein.
Für das laufende Jahr rechnet Deutz mit einem Konzernumsatz zwischen 2,3 und 2,5 Milliarden Euro bei einer bereinigten EBIT-Marge von 6,5 bis 8,0 Prozent. An der Börse zeigt sich das Vertrauen in die Strategie: Die Aktie schloss am Freitag bei 9,21 Euro, ein Plus von 2,16 Prozent, und liegt seit Jahresanfang mit 6,72 Prozent im Plus – gegen den Trend der übrigen Branche.
Tesla: Rekordauslieferung, Kurs im Sinkflug
Tesla lieferte eines der stärksten Quartale seiner Geschichte ab – und wurde dafür an der Börse bestraft. Der Konzern lieferte 480.126 Fahrzeuge aus und übertraf den Konsens von rund 406.000 Einheiten um 18 Prozent, dennoch erlebte die Aktie ihren schwächsten Handelstag seit fast einem Jahr.
Das Muster war ein klassisches „Sell-the-News“-Ereignis: Die Rally im Vorfeld der Zahlen hatte die starken Werte bereits eingepreist, sodass selbst ein deutliches Übertreffen der Erwartungen keinen weiteren Kursauftrieb brachte. Am Freitag schloss die Aktie bei 349,75 Euro, seit Jahresbeginn liegt sie noch 6,46 Prozent im Minus.
Ein wichtiger Rückenwind kam von außen: Höhere Benzinpreise infolge des Iran-Konflikts sowie günstigere Modell-3- und Modell-Y-Varianten zogen Nachfrage vor, während die Großhandelszahlen in China im Juni um 24,4 Prozent zulegten. Dieser Effekt dürfte nun nachlassen, da sich die Ölpreise nach einem brüchigen Waffenstillstand wieder ihrem Vorkriegsniveau annähern.
Die Bewertung der Aktie hängt zunehmend am Thema autonomes Fahren statt an reinen Verkaufszahlen. Eine laufende Untersuchung der US-Verkehrsbehörde NHTSA zu einem tödlichen Unfall mit FSD-Beteiligung im Juni hält das Sicherheitsrisiko zusätzlich im Blick der Anleger. Die vollständigen Finanzzahlen zum zweiten Quartal folgen am 22. Juli und sollen zeigen, ob die starken Auslieferungen mit Preisdisziplin oder mit margenschädlichen Rabatten erkauft wurden.
Geely: Zeekr glänzt, Lynk & Co schwächelt
Geely meldete für Juni ein moderates Gesamtwachstum, hinter dem sich aber deutlich auseinanderlaufende Markenentwicklungen verbergen. Insgesamt verkaufte der Konzern 240.799 Fahrzeuge, ein Plus von 2 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Zugpferd war die Premium-Elektromarke Zeekr mit einem Rekord von 35.169 ausgelieferten Fahrzeugen – ein Sprung von 110,57 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.
Auch die Marke Galaxy beendete eine fünfmonatige Talsohle und verkaufte 108.206 Fahrzeuge, ein Plus von 19,93 Prozent zum Vorjahr. Deutlich schwächer entwickelte sich dagegen Lynk & Co: Die Marke kam nur auf 19.066 Einheiten, ein Rückgang von 28 Prozent.
Die Schwäche bei Lynk & Co fällt in eine Phase des Umbaus. Volvo Cars und Geely haben eine Vereinbarung unterzeichnet, wonach Volvo künftig als exklusiver Importeur und Vertriebspartner für Lynk & Co in Europa fungiert. Unter neuer Führung wuchs das europäische Vertriebsnetz der Marke von elf Markenerlebnis-„Clubs“ auf mehr als 125 Verkaufsstellen in 25 Ländern.
An der Börse kommt das positiv an: Die Aktie schloss am Freitag bei 2,09 Euro, ein Tagesplus von 6,87 Prozent, und notiert seit Jahresbeginn mit 4,56 Prozent im Plus. Der Kursschub fällt in eine Phase positiver Analystenkommentare.
China Merchants Securities International kürte Geely jüngst zum Top-Pick mit „Overweight“-Einstufung und einem Kursziel von 36 Hongkong-Dollar, mit Verweis auf die starke Nachfrage nach der Premiummarke Zeekr. Zusätzlich kündigte der Konzern eine Dividende von 0,5 Hongkong-Dollar je Aktie für das abgelaufene Geschäftsjahr an, zahlbar am 30. Juli.
Sektordynamik im Vergleich
Der Graben zwischen chinesischen und westlichen Herstellern war selten so sichtbar wie derzeit:
- BYD und Geely setzen auf Exportwachstum, um den Preisdruck im Heimatmarkt auszugleichen
- Tesla steckt zwischen den Lagern fest – technisch ein westlicher Platzhirsch, preislich zunehmend im Wettbewerb mit chinesischen Anbietern
- Mercedes-Benz steht für das Gegenteil: eine Premiummarke im offenen Konflikt mit der eigenen Belegschaft
- Deutz entzieht sich der E-Auto-Logik komplett und setzt auf Energieinfrastruktur abseits der Pkw-Preiskämpfe
Auffällig ist zudem, wie unterschiedlich der Markt auf starke Zahlen reagiert. BYD und Tesla legten beide beeindruckende Auslieferungszahlen vor – während BYD dafür mit einer Kursrally belohnt wurde, verkaufte der Markt die Tesla-Aktie trotz Rekordwerten ab. Das zeigt, wie schmal der Spielraum für Enttäuschungen bei den meistbeachteten E-Auto-Herstellern der Welt inzwischen geworden ist.
Ausblick: Diese Termine entscheiden
Mehrere Termine dürften die Stimmung in den kommenden Wochen prägen. Tesla legt am 22. Juli die vollständigen Quartalszahlen vor und muss zeigen, ob der Auslieferungsrekord mit stabilen Margen einherging. Mercedes-Benz folgt am 28. Juli – hier wird sich zeigen, ob der Sparkurs inmitten der IG-Metall-Proteste tatsächlich Wirkung zeigt.
Bei BYD bleibt der Ausbau eines zweiten europäischen Werks und der Umgang mit den EU-Zöllen ein zentrales Thema, während Geely zeigen muss, ob sich die Dynamik bei Zeekr fortsetzt und Lynk & Co unter der neuen Vertriebsstruktur mit Volvo stabilisieren lässt. Deutz verfolgt mit dem Ausbau des Energiesegments unterdessen eine langsamere, aber strukturell andere Geschichte als der Rest der Branche.
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