Während Nvidia mit einer Milliarden-Übernahme sein Software-Reich ausbaut, kämpft Micron in Taiwan mit zehntausend streikbereiten Arbeitern— ausgerechnet mitten im profitabelsten Quartal der Firmengeschichte. Infineon sammelt frische Kaufempfehlungen ein, Intel meldet einen Fertigungsmeilenstein, und ams-OSRAM sichert sich seinen CEO für weitere fünf Jahre. Der Chip-Sektor bleibt im Aufwind, doch die Wege der einzelnen Werte könnten kaum unterschiedlicher aussehen.
Nvidia: Expansion in Software trifft auf Bewertungsdebatte
Nvidia treibt seine Verwandlung vom reinen Chiphersteller zum KI-Plattformanbieter voran. Für rund 12,9 Milliarden US-Dollar will der Konzern Hugging Face übernehmen und damit sein Software-Ökosystem erweitern. Parallel investiert Nvidia 3,5 Milliarden US-Dollar in Wandelanleihen von MediaTek— die Partnerschaft soll KI-Rechenzentren, lokale KI-Anwendungen und vernetzte Fahrzeuge umfassen, wobei MediaTek künftig auf Nvidias NVLink-Fusion-Plattform setzt.
Die Aktie notiert aktuell bei 199,36 Euro und damit nur 1,6 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch. Auf Wochensicht steht ein Plus von 6,3 Prozent, seit Jahresbeginn hat das Papier 24 Prozent zugelegt. JPMorgan-Analyst Harlan Sur ordnete die Wachstumsprognosen zuletzt ein: Das für das Geschäftsjahr 2028 kommunizierte Wachstumsgerüst von 70 Prozent sei keine Obergrenze— ohne Lieferengpässe hätte das Geschäft seiner Einschätzung nach sogar dreistellig zulegen können. Die Analystengemeinde bleibt mit weit überwiegenden Kaufempfehlungen optimistisch gestimmt.
Infineon: Warburg und Deutsche Bank werden zuversichtlicher
Bei Infineon sorgten zwei Analystenstimmen für Aufmerksamkeit. Warburg Research hob die Einstufung von „Hold“ auf „Buy“ an und beließ das Kursziel bei 84 Euro. Begründung: Die Bewertung sei mit der jüngsten Kurskorrektur gefallen, während sich das Geschäft mit Chips für KI-Rechenzentren beschleunige. Analyst Malte Schaumann hält die Markterwartungen weiterhin für zu vorsichtig.
Deutsche Bank Research bestätigte am selben Tag ihre Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 85 Euro und verwies auf das hohe Wachstumspotenzial, das über 2026 hinausreiche. Trotz der positiven Analystenstimmen zeigt sich die Aktie heute mit einem Rückgang von 2,6 Prozent auf 59,14 Euro angeschlagen— nach einem Kursanstieg von sieben Prozent in der vergangenen Woche eine spürbare Gegenbewegung. Auf Monatssicht steht dennoch ein Minus von 5,4 Prozent, seit Jahresbeginn hingegen ein Plus von 57 Prozent.
Eine strukturelle Verbindung zu ams-OSRAM gibt es ebenfalls: Der Verkauf des Non-Optical-Sensorgeschäfts an Infineon wurde bereits zum 1. Juli abgeschlossen— eine Neuordnung, die beide europäischen Chiphersteller direkt betrifft.
Micron Technology: Rekordgewinne kollidieren mit Streikdrohung
Kaum ein Wert im Sektor performte zuletzt so stark wie Micron. Die Aktie kletterte in der vergangenen Woche um 11 Prozent, binnen eines Monats um 20 Prozent, seit Jahresbeginn um beeindruckende 255 Prozent. Aktuell steht der Kurs bei 893,80 Euro. Doch überschattet wird die Rally von einem eskalierenden Arbeitskonflikt in Taiwan.
Zwei Gewerkschaften, die rund zehntausend Beschäftigte an den Standorten Taoyuan und Taichung vertreten, drohen mit Streik. Sie fordern eine Überarbeitung der Bonusstruktur und eine direkte Kopplung der Gehälter an die explodierenden Unternehmensgewinne. Eine interne Umfrage im August ergab, dass 80 Prozent der befragten Mitglieder eine Streikaktion unterstützen würden. Eine erste Mediationssitzung am 4. September brachte keinen Durchbruch, ein zweites Treffen steht noch aus.
Der Konflikt trifft auf ein außergewöhnliches Zahlenwerk. Im dritten Fiskalquartal erzielte Micron einen Umsatz von 41,46 Milliarden US-Dollar— ein Anstieg von 346 Prozent gegenüber dem Vorjahr— bei einer Bruttomarge von 84,9 Prozent. Kein Wunder also, dass die Belegschaft nun ihren Anteil am Boom einfordert.
Zentral für den Streit ist die Marktmacht bei Speicherchips für KI-Anwendungen: Die HBM-Lieferungen bis 2027 sind bereits vollständig durch bindende Kundenverträge verplant, einige Großkunden können ihren Bedarf aktuell nur zur Hälfte oder weniger decken. Micron plant deshalb Berichten zufolge, in Taiwan Rekordboni anzubieten— ein detailliertes Angebot soll im Oktober folgen. Trotz der bereits enormen Kursgewinne bewerten Analysten die Aktie mit einem Kursziel von durchschnittlich über 1.500 US-Dollar weiterhin als klaren Kauf.
ams-OSRAM: Führungskontinuität stützt Photonik-Kurswechsel
Bei ams-OSRAM sorgte zuletzt eine Personalentscheidung für Rückenwind. Der Aufsichtsrat verlängerte den Vertrag von CEO Aldo Kamper bis September 2031— eine deutliche Ausweitung der ursprünglich bis März 2027 laufenden Amtszeit. Aufsichtsratschefin Margarete Haase begründete die Entscheidung damit, dass Kamper das Unternehmen strategisch neu ausgerichtet und das Fundament für nachhaltiges Wachstum gelegt habe.
Auch operativ überzeugte der Konzern zuletzt: Der Quartalsumsatz von 805 Millionen Euro übertraf die Analystenschätzungen von 778 Millionen Euro, die bereinigte EBITDA-Marge von 16,9 Prozent lag ebenfalls über den Erwartungen. Die Prognose für das kommende Quartal liegt mit einem Mittelwert von 820 Millionen Euro über dem Konsens. Strategisch setzt ams-OSRAM zunehmend auf KI-nahe Photonik— etwa mit Photodioden-Arrays und Fortschritten bei microLED-Arrays für Smart-Glasses. Die Aktie profitiert davon: Aktuell steht sie bei 20,10 Euro, nach einem Anstieg von 7,5 Prozent binnen einer Woche und 139 Prozent seit Jahresbeginn.
Intel: EUV-Meilenstein trifft auf vorsichtige Analysten
Technologisch kann Intel derzeit punkten. Der Konzern hat mittlerweile über eine Million 300-mm-Wafer mit seinen High-NA-EUV-Scannern verarbeitet— und das keine zweieinhalb Jahre nach Aufbau der ersten Anlage. Zum Vergleich: ASML meldete im April, dass sämtliche bis dahin ausgelieferten High-NA-Scanner der gesamten Industrie zusammen erst 500.000 Wafer verarbeitet hatten. Intel liegt damit vor dem Rest der Branche. Die Technologie kommt bereits in der Serienfertigung der Core-Ultra-Series-3-Prozessoren (Codename Panther Lake) auf Basis der neuen 18A-Fertigung zum Einsatz.
Die Analystenmeinung fällt trotz des technischen Erfolgs zurückhaltender aus. Mizuho-Analyst Vijay Rakesh senkte sein Kursziel von 109 auf 92 US-Dollar und beließ die Einstufung bei „Hold“— er bezeichnete die Aktie als derzeit fair bewertet. Der breitere Analystenkonsens bleibt gemischt: Von 31 Analysten empfehlen lediglich fünf einen Kauf, 24 raten zu Halten. Fundamental zeigt sich Fortschritt: Der Foundry-Umsatz wuchs im zweiten Quartal um 31 Prozent auf 5,8 Milliarden US-Dollar. Zusätzlich platzierte Intel Aktien im Volumen von rund 20 Milliarden US-Dollar— deutlich mehr als die ursprünglich geplanten 15 Milliarden. Die Intel-Aktie selbst zeigt sich heute mit einem Plus von 2,2 Prozent auf 85,54 Euro freundlich, nach einem Wochenzuwachs von 11 Prozent.
Sektordynamik im Überblick
Die fünf Werte stehen für unterschiedliche Phasen desselben KI-Booms:
- Nvidia und Micron bilden das Epizentrum der KI-Infrastruktur— erstere durch Plattform-Expansion, letztere durch eine derart angespannte HBM-Versorgungslage, dass sie nun mit Arbeitskonflikten kollidiert
- Intel bewegt sich in einer Zwischenposition: technologisch anerkannt, bei der Ertragskraft der Foundry-Wende aber noch mit Fragezeichen versehen
- Infineon und ams-OSRAM repräsentieren die europäische Seite des Sektors— beide im Umbau, beide auf der Suche nach KI-naher Wachstumsdynamik
- Die Bewertungsspannen im Sektor könnten kaum weiter auseinanderliegen: Microns niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis steht im Kontrast zu Nvidias Premium-Bewertung
Ausblick: Diese Termine entscheiden über die nächste Bewegung
Micron veröffentlicht seine Zahlen zum vierten Fiskalquartal Ende September— das Management hat bereits einen Umsatz von rund 50 Milliarden US-Dollar bei einer Bruttomarge um 86 Prozent in Aussicht gestellt. Ob die Streikdrohung bis dahin gelöst ist, bleibt offen, eine zweite Mediationsrunde steht noch aus.
Bei Intel wird entscheidend sein, ob sich die technologische Führungsposition bei High-NA-EUV in konkrete Foundry-Kundenaufträge übersetzt— vorläufige Gespräche allein reichen den Skeptikern nicht. Infineons nächster Bericht im November muss zeigen, ob sich die von Warburg und Deutsche Bank gefeierte KI-Rechenzentrumsstory tatsächlich in den Zahlen niederschlägt. Und Nvidias Übernahmeserie, inklusive des schwebenden Hugging-Face-Deals, dürfte weiter zeigen, wie sich die KI-Lieferkette— von Speicher über Logik bis Photonik— um wenige dominante Plattformen konsolidiert.
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