Die globalen Finanzmärkte erleben derzeit eine beispiellose Flucht in sichere Häfen. Gold durchbricht am Donnerstag die Marke von 5.600 Dollar pro Unze und setzt damit eine spektakuläre Rekordserie fort, die bereits neun Handelstage andauert. Doch das ist längst nicht alles: Auch Silber klettert auf ein Allzeithoch von über 120 Dollar, während Investoren weltweit nach Alternativen zum schwächelnden US-Dollar suchen.
Historische Edelmetall-Rally im Zeichen der Unsicherheit
Der Anstieg des Goldpreises auf 5.594,82 Dollar markiert einen neuen Höchststand in einer Rallye, die ihresgleichen sucht. Allein in dieser Woche verzeichnet das gelbe Metall ein Plus von mehr als zehn Prozent – im laufenden Jahr summiert sich der Gewinn bereits auf beeindruckende 27 Prozent. Das folgt auf einen Kurssprung von 64 Prozent im Jahr 2025.
„Gold ist nicht länger nur eine Krisenabsicherung oder ein Inflationsschutz. Es wird zunehmend als neutraler und verlässlicher Wertspeicher betrachtet, der auch über verschiedene makroökonomische Szenarien hinweg Diversifikation bietet“, erklären Analysten der OCBC Bank. Diese veränderte Wahrnehmung erkläre auch, warum Rücksetzer tendenziell flach ausfallen und schnell wieder aufgefangen werden.
Silber profitiert gleich mehrfach: Die Nachfrage von Investoren, die nach günstigeren Alternativen zu Gold suchen, trifft auf Versorgungsengpässe und Momentum-Käufe. Das Resultat: Ein Kurssprung von über 60 Prozent seit Jahresbeginn 2026.
Fed zwischen Zuversicht und politischem Druck
Die US-Notenbank ließ die Zinsen am Mittwoch erwartungsgemäß unverändert in der Spanne von 3,5 bis 3,75 Prozent. Doch hinter der routinemäßig wirkenden Entscheidung brodelt es gewaltig. Fed-Chef Jerome Powell sprach zwar von einer „soliden Basis“ der US-Wirtschaft und einem „klar verbesserten Ausblick“, doch die eigentliche Brisanz lag in den Themen, die er nicht ansprechen wollte.
„Bleiben Sie der gewählten Politik fern, lassen Sie sich nicht in die gewählte Politik hineinziehen. Tun Sie es nicht“, lautete Powells eindringlicher Rat für seinen Nachfolger. Die Unabhängigkeit der Fed steht unter enormem Druck: Eine strafrechtliche Ermittlung gegen Powell, Trumps Versuch, Gouverneurin Lisa Cook zu entlassen, und die bevorstehende Nominierung eines neuen Fed-Chefs im Mai sorgen für massive Verunsicherung.
Besonders pikant: Zwei Vorstandsmitglieder, darunter der von Trump ernannte Stephen Miran und der als möglicher Powell-Nachfolger gehandelte Christopher Waller, stimmten für eine Zinssenkung um einen Viertelpunkt. Die Märkte haben eine Zinssenkung im April mittlerweile nahezu ausgepreist – die Wahrscheinlichkeit liegt nur noch bei 26 Prozent. Für Juni sehen Investoren eine 61-prozentige Chance, gehen aber davon aus, dass bis dahin möglicherweise bereits ein dovisherer Fed-Chef im Amt sein könnte.
Dollar unter Beschuss, Euro im Aufwind
Der Dollar kämpft an allen Fronten. Trotz verbaler Unterstützung durch Finanzminister Scott Bessent, der beteuerte, die Regierung verfolge weiterhin eine „starken Dollar“-Politik, bleibt die US-Währung unter Druck. Im Vergleich zu einem Währungskorb notiert der Greenback bei 96,06 Punkten, gefährlich nahe am Vier-Jahres-Tief von 95,566 Punkten.
Der Euro kletterte zeitweise über die psychologisch wichtige Marke von 1,20 Dollar und handelt aktuell bei 1,1988 Dollar. Doch auch hier mehren sich warnende Stimmen: EZB-Vertreter äußerten wachsende Bedenken über die schnelle Aufwertung der Gemeinschaftswährung. Eine weitere deutliche Euro-Stärke könnte Zinssenkungen rechtfertigen, hieß es aus Frankfurt.
Besonders dramatisch entwickelt sich der Schweizer Franken, der auf ein Elf-Jahres-Tief gegenüber dem Dollar fällt. Das könnte die Schweizerische Nationalbank auf den Plan rufen, die in der Vergangenheit bereits mehrfach intervenierte. Solche Maßnahmen würden typischerweise zu Verkäufen von Franken gegen Euro führen, die dann teilweise in Dollar, Pfund und andere Währungen umgeschichtet werden – mit entsprechenden Verwerfungen an den Devisenmärkten.
Tech-Giganten im KI-Investitionsrausch
Die Ergebnissaison im Technologiesektor offenbart ein zentrales Thema: Die KI-Revolution verschlingt astronomische Summen. Meta kündigte an, die Kapitalausgaben 2026 auf bis zu 135 Milliarden Dollar hochzufahren – eine Steigerung von 73 Prozent gegenüber dem Vorjahr und nahezu eine Verdoppelung gegenüber 2025. Microsoft gab im vierten Quartal allein 38 Milliarden Dollar für Investitionen aus, zwei Drittel mehr als im Vorjahr.
Die Reaktionen der Investoren fielen jedoch diametral auseinander: Metas Marktkapitalisierung legte um 140 Milliarden Dollar zu, während Microsoft 240 Milliarden Dollar verlor – mehr als die gesamte Marktkapitalisierung der Citigroup. Der entscheidende Unterschied: Meta hob die Umsatzprognose deutlich an und überzeugte damit die Anleger, dass die massiven Investitionen Früchte tragen werden. Bei Microsoft hingegen überwiegt die Sorge, dass die Kosten das Gewinnwachstum übersteigen könnten.
Tesla schlug unterdessen einen anderen Weg ein: Der E-Auto-Pionier kündigte eine Investition von zwei Milliarden Dollar in xAI an, Elon Musks privates KI-Startup. Das Management beschreibt 2025 als transformatives Jahr, in dem sich Tesla „von einem hardwarezentrierten Unternehmen zu einem physischen KI-Unternehmen“ wandelte. Während die Automobilumsätze im Quartal um elf Prozent einbrachen, erreichte die Energiespeichersparte mit 14,2 Gigawattstunden Rekordwerte.
Globale Investoren auf Goldkurs
Die Nachfrage nach Gold erreichte 2025 mit 5.002 Tonnen ein Allzeithoch, wie der World Gold Council berichtet. Besonders die Investmentnachfrage schoss um 84 Prozent auf einen Rekordwert von 2.175 Tonnen in die Höhe. Gold-ETFs verzeichneten Zuflüsse von 801 Tonnen, während die Nachfrage nach Barren und Münzen um 16 Prozent auf ein Zwölf-Jahres-Hoch kletterte.
Norwegens Staatsfonds, der weltweit größte seiner Art mit einem verwalteten Vermögen von 2,2 Billionen Dollar, erzielte 2025 einen Gewinn von 247 Milliarden Dollar. CEO Nicolai Tangen hob besonders die starke Performance von Technologie-, Finanz- und Rohstoffaktien hervor. Bemerkenswert: Der Fonds erhöhte seine US-Treasury-Bestände in der zweiten Jahreshälfte auf 199 Milliarden Dollar oder 9,4 Prozent der Gesamtinvestitionen.
Damit schwimmt Norwegen gegen den Strom. Schwedens Alecta und Dänemarks AkademikerPension verkauften ihre US-Staatsanleihen oder befinden sich im Verkaufsprozess, da europäische Großinvestoren zunehmend die Risiken amerikanischer Assets angesichts geopolitischer Spannungen neu bewerten.
Asiens Märkte nehmen eine Auszeit
Nach einer beeindruckenden Rally zeigten sich Asiens Technologiebörsen am Donnerstag erstmals vorsichtiger. Südkoreas Aktienmarkt gab trotz eines verdreifachten Betriebsgewinns bei Samsung Electronics um 1,2 Prozent nach – die Gewinnmitnahmen folgen auf einen Monatszuwachs von 21 Prozent. Taiwans technologielastiger Markt, der im Januar bereits 14 Prozent zugelegt hatte, verzeichnete ebenfalls Gewinnmitnahmen.
Dabei bleibt die fundamentale Story intakt: Taiwans Zentralbank zeigte sich in den Protokollen der jüngsten Sitzung zuversichtlich hinsichtlich des Wirtschaftswachstums, das maßgeblich von boomenden Tech-Exporten in die USA getragen wird. Die Insel produziert den Großteil der fortschrittlichsten Halbleiter, die die KI-Revolution befeuern. Einige Vorstandsmitglieder warnten jedoch vor einer möglichen KI-Blase und den Risiken durch den volatilen Aktienmarkt, dessen Kapitalisierung rasant steigt.
Geopolitik als Preistreiber
Die Sorge vor militärischen Eskalationen verstärkt die Flucht in sichere Häfen zusätzlich. US-Präsident Donald Trump forderte Iran auf, ein Abkommen über Atomwaffen auszuhandeln, und drohte gleichzeitig mit Angriffen, die „weit schwerer“ ausfallen würden als die Luftschläge auf iranische Atomanlagen im Vorjahr. Teheran konterte mit der Drohung, gegen die USA, Israel und deren Unterstützer zurückzuschlagen.
Diese geopolitische Gemengelage treibt nicht nur Gold, sondern auch die Ölpreise. Brent-Rohöl stieg auf ein Vier-Monats-Hoch von 68,80 Dollar pro Barrel, US-Öl kletterte auf 63,65 Dollar. Die Märkte preisen ein, dass militärische Aktionen gegen den Iran die globale Ölversorgung beeinträchtigen könnten.
Die Kombination aus Fed-Unsicherheit, wachsender US-Verschuldung, geopolitischen Risiken und Zweifeln am globalen Handelssystem hat eine Dynamik in Gang gesetzt, die Investoren massiv in physische Vermögenswerte treibt. Analysten von Capital Economics sehen in einer weiteren Dollar-Schwäche die Wahrscheinlichkeit steigen, dass die EZB und andere Zentralbanken die Zinsen senken – was wiederum die Edelmetall-Rally weiter befeuern dürfte.
