Starke Nachfrage der Notenbanken, aber ein brutaler Abverkauf bei den ETFs. Beim Goldpreis klaffen Realität und Stimmung derzeit weit auseinander. Investoren werfen ihre Anteile am weltgrößten Goldfonds auf den Markt. Kurz gesagt: ein massiver Kapitalabfluss.
Der Kapitalabzug aus dem SPDR Gold Shares beschleunigt sich. Binnen fünf Handelstagen zogen Investoren netto 1,4 Milliarden US-Dollar ab. Im Jahresverlauf summiert sich der Abfluss bereits auf 7,7 Milliarden US-Dollar.
Seit Jahresbeginn schrumpfte die Lagermenge des weltgrößten Gold-ETFs um knapp 57 Tonnen. Das Kapital fließt stattdessen in Technologiewerte. Außerdem machen höhere Marktzinsen Anleihen für viele Anleger wieder attraktiv.
Diese Kapitalflucht hinterlässt tiefe Spuren im Chart. Gold ging am Freitag bei rund 4.240 US-Dollar je Unze ins Wochenende. Das entspricht einem Minus von fast 25 Prozent gegenüber dem Rekordhoch vom Januar.
Damit notiert das Edelmetall erstmals seit Oktober 2023 unter seinem 200-Tage-Durchschnitt. Der RSI-Indikator signalisiert mit einem Wert von rund 36 eine angespannte Lage. Ein Grund dafür ist der Iran-Krieg.
Seit Ausbruch des Konflikts im Februar stiegen die Ölpreise rasant. Das trieb die US-Inflation im Mai auf 4,2 Prozent. Höhere Anleiherenditen stützen nun den US-Dollar und belasten das zinslose Gold.
Notenbanken stützen den Markt
Die Zentralbanken bilden ein massives Gegengewicht zu den ETF-Verkäufen. Allein im ersten Quartal kauften sie weltweit netto rund 244 Tonnen Gold. Polen sticht dabei als größter Einzelkäufer hervor.
Das Land erwarb in diesem Jahr bereits über 45 Tonnen. Die polnischen Goldreserven decken nun fast 30 Prozent der gesamten Währungsreserven ab. Laut dem World Gold Council treten auch völlig neue Akteure auf.
Zentralbanken aus Guatemala, Indonesien und Malaysia griffen zuletzt zu. Diese breitere institutionelle Basis stützt die physische Nachfrage erheblich.
Steigende Kosten für Minen
Auf der Angebotsseite wächst die Minenproduktion nur moderat. Parallel dazu kämpfen die Produzenten mit massiv steigenden Kosten. Die nachhaltigen Gesamtkosten kletterten zuletzt um zwölf Prozent auf über 1.550 Dollar je Unze.
Hohe Preise locken indes mehr Altgold auf den Markt. Das steigende Recycling gleicht das schwache Minenwachstum aus. Analysten passen ihre Modelle entsprechend an.
J.P. Morgan senkte die Prognose für den durchschnittlichen Goldpreis auf 5.243 Dollar je Unze. Das Jahresendziel von 6.000 Dollar bleibt aber bestehen. Goldman Sachs hält an seinem Ziel von 5.400 Dollar fest.
Am 16. und 17. Juni trifft sich die US-Notenbank zur nächsten FOMC-Sitzung. Es ist die erste geldpolitische Entscheidung unter dem neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh. Seine Signale bestimmen den kurzfristigen Kurs für den US-Dollar und das Edelmetall.
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