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Globaler Anleihen-Ausverkauf trifft Märkte

Steigende Ölpreise und schwache China-Daten treiben Anleiherenditen auf Mehrjahreshochs. G7 berät in Paris über Ungleichgewichte.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Brent-Öl über 111 Dollar gestiegen
  • US-Anleiherendite auf höchstem Stand seit Februar 2025
  • Chinas Einzelhandel wächst nur um 0,2 Prozent
  • G7-Treffen in Paris sucht Lösungen

Der Nahe Osten hält die Welt in Atem — und die Finanzmärkte zahlen dafür einen wachsenden Preis. Brent-Öl über 111 Dollar, Anleiherenditen auf Mehrjahreshochs, schwache Wirtschaftsdaten aus China: Der Montag schreibt ein unruhiges Kapitel in einer ohnehin angespannten Phase.

Öl und Inflation: Ein gefährlicher Kreislauf

Die Straße von Hormus bleibt verstopft. Statt der üblichen 136 Schiffe täglich passiert nur ein Bruchteil das Nadelöhr. Analysten schätzen, dass bis Ende Mai rund eine Milliarde Barrel Rohöl aus dem globalen Angebot fehlen werden — und echte Produktengpässe drohen ab Juni.

Der Drohnenangriff auf das Kernkraftwerk Barakah in den Vereinigten Arabischen Emiraten hat die Hoffnungen auf eine baldige Einigung weiter gedämpft. „Frische Drohnenangriffe auf die UAE und saudi-arabisches Territorium haben das Risiko erneuter Vollhostilitäten deutlich erhöht“, warnen Analysten der OCBC. Die Folge: Brent stieg am Montag auf über 111 Dollar je Barrel.

Das trifft die Weltwirtschaft zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt — mitten in der Sommersaison und bei ohnehin fragiler Konsumnachfrage in vielen Regionen.

Anleihen auf dem Rückzug

Der Inflationsschock lässt sich direkt in den Anleihemärkten ablesen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen kletterte auf 4,631 Prozent — den höchsten Stand seit Februar 2025. Die 30-jährigen Treasuries erreichten 5,159 Prozent. In Japan, wo die Notenbank jahrelang die Zinsen mit aller Kraft niedrig hielt, schoss die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen auf 2,8 Prozent — das höchste Niveau seit Oktober 1996.

Befeuert wurde der japanische Ausverkauf durch einen Reuters-Bericht, wonach Tokio für sein geplantes Zusatzbudget frische Schulden aufnehmen will. Das Budget soll Haushalte angesichts gestiegener Energiekosten entlasten. Für ein Land mit einer der höchsten Staatsschuldenquoten der Welt ist das ein heikler Schritt.

„Die Geschichte vom ‚längerfristig höheren Zinsniveau‘ kehrt zurück — auch wenn tatsächliche Zinserhöhungen noch nicht das Basisszenario sind“, sagt Charu Chanana, Chefstratege bei Saxo. Die Terminmärkte sehen mittlerweile mehr als 50 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass die US-Notenbank bis Dezember die Zinsen erhöht. Für die Europäische Zentralbank preisen Märkte eine Anhebung bereits für nächsten Monat ein.

China: Binnennachfrage bricht weg

Noch schärfer zeigen sich die wirtschaftlichen Bremsspuren in China. Die Industrieproduktion wuchs im April nur noch um 4,1 Prozent im Jahresvergleich — weit weniger als die erwarteten sechs Prozent und der schwächste Wert seit Juli 2023. Noch drastischer fiel der Einbruch beim Einzelhandel aus: gerade 0,2 Prozent Wachstum, erwartet worden waren 2,0 Prozent.

Die Zahlen spiegeln eine beunruhigende Zweiteilung wider. Exporte laufen ordentlich, doch die Binnennachfrage schwächelt. Die anhaltende Immobilienkrise, stagnierende Lohnentwicklung und deflationärer Druck belasten die Konsumenten. Haushaltsnahe Großinvestitionen schrumpften in den ersten vier Monaten des Jahres um 1,6 Prozent — nach einem Plus von 1,7 Prozent im ersten Quartal. Pkw-Verkäufe brachen im April um 21,6 Prozent ein, der siebte monatliche Rückgang in Folge.

China war nach dem starken ersten Quartal mit fünf Prozent Wachstum noch gut unterwegs. Dass die Dynamik bereits im April so deutlich abflaut, gibt Anlass zur Sorge. ING-Analysten sehen China mit einem strukturellen Problem: starke Exportseite, schwache Binnennachfrage — eine Kombination, die auch die G7 in Paris beschäftigt.

G7 sucht Antworten in Paris

Genau diese globalen Ungleichgewichte stehen im Mittelpunkt des G7-Finanzministertreffens in Paris. Frankreichs Finanzminister Roland Lescure brachte es auf den Punkt: China konsumiere zu wenig, Amerika zu viel, Europa investiere zu wenig — eine Konstellation, die seit Jahren Spannungen erzeugt und in einem ungeordneten Abbau enden könnte.

Für den neuen Fed-Chef Kevin Warsh, der sein G7-Debüt gibt, wird es ein Spagat: Wie lässt sich die Inflation bekämpfen, wenn Präsident Trump gleichzeitig niedrigere Zinsen fordert? Die Haushaltsdefizite wachsen, ein 1,5-Billionen-Dollar-Verteidigungspaket liegt auf dem Tisch — höhere Anleiherenditen verschärfen diese Schuldenspirale automatisch weiter.

Ein zweites zentrales Thema in Paris sind kritische Rohstoffe. Die G7-Staaten wollen ihre Abhängigkeit von chinesischen Lieferketten bei Seltenen Erden und Batteriemetallen reduzieren. Konkrete Ergebnisse sind allerdings nicht zu erwarten. „Wir stehen ganz am Anfang“, räumt Philip Luck vom Center for Strategic and International Studies ein.

Thailand als positiver Ausreißer

Inmitten des globalen Trübsinns sticht Thailand mit einem überraschend starken Quartalsergebnis heraus. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im ersten Quartal um 2,8 Prozent — deutlich über der Erwartung von 2,2 Prozent. Triebkräfte waren Exporte, Konsum und Investitionen.

Die Exportprognose für das Gesamtjahr wurde sogar auf 9,6 Prozent angehoben, nach zuvor erwarteten 2,0 Prozent. Doch die Jahresperson bleibt mit 1,5 bis 2,5 Prozent unverändert. Denn der Nahost-Krieg bremst auch Thailand: Der Tourismus lahmt, die Arbeitslosigkeit stieg zuletzt auf 0,91 Prozent. Standard-Chartered-Ökonom Tim Leelahaphan erwartet für das Gesamtjahr sogar nur 1,4 Prozent Wachstum. „Die Auswirkungen des Konflikts beginnen zu greifen.“

Ausblick: Spannungsfeld bleibt

Die globalen Märkte stehen damit vor einer ungemütlichen Gemengelage: Öl teuer, Anleihen unter Druck, Chinas Binnenkonjunktur schwächelnd, die Geopolitik unberechenbar. Ob die G7 in Paris mehr als Absichtserklärungen produziert, bleibt offen. Spätestens mit Nvidias Quartalszahlen am Mittwoch und den Fed-Protokollen steht die nächste Bewährungsprobe an — der Markt braucht gute Nachrichten, bekommt aber vor allem Fragezeichen.

Felix Baarz

Felix Baarz ist Wirtschaftsjournalist mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in der Berichterstattung über internationale Finanzmärkte. Als gebürtiger Kölner begann er seine Laufbahn bei einer deutschen Fachpublikation, bevor er für sechs Jahre nach New York zog.

In New York berichtete er direkt aus dem Zentrum der globalen Finanzwelt über Entwicklungen an der Wall Street und wirtschaftspolitische Entscheidungen von internationaler Tragweite. Diese Zeit prägte seine analytische Herangehensweise an komplexe Wirtschaftsthemen.

Heute arbeitet Baarz als freier Journalist für führende deutschsprachige Wirtschafts- und Finanzmedien. Seine Schwerpunkte liegen auf der fundierten Analyse globaler Finanzmärkte und der verständlichen Aufbereitung wirtschaftspolitischer Zusammenhänge. Neben seiner schriftlichen Arbeit moderiert er Fachdiskussionen und nimmt an Expertenrunden teil.

Sein journalistischer Ansatz kombiniert tiefgreifende Recherche mit präziser Analyse, um Lesern Orientierung in einer sich wandelnden Wirtschaftswelt zu bieten.