Der Iran-Krieg hat die Welt in eine neue wirtschaftliche Realität gezwungen. Öl über 100 Dollar, Inflation im Steigflug, Notenbanken unter politischem Druck — und mittendrin eine Schlüsselpersonalie, die das globale Währungssystem neu kalibrieren könnte.
Fed-Führungswechsel in kritischer Stunde
Der US-Senat hat Kevin Warsh am Dienstag mit 51 zu 45 Stimmen als Fed-Gouverneur bestätigt. Schon am Mittwoch könnte er auch als Notenbankchef bestätigt werden — Powells Amtszeit endet am Freitag. Ein historisch enger Übergang, der in eine denkbar schwierige Lage fällt.
Warsh, Anwalt, Finanzier und früherer Fed-Gouverneur, übernimmt eine Institution unter Belagerung. Die Trump-Regierung hat versucht, Fed-Gouverneurin Lisa Cook zu entlassen — der Fall liegt beim Supreme Court. Zudem leitete das Justizministerium eine Untersuchung gegen Powell wegen eines Gebäudeumbaus ein, die ein Bundesrichter als Vorwand einstufte, um Powell zur Zinssenkung oder zum Rücktritt zu drängen. Das Ministerium hat die Ermittlung zwar fallen gelassen, doch die Staatsanwältin ließ offen, sie wieder aufzunehmen.
Powell selbst plant, ungewöhnlicherweise als einfacher Gouverneur im Amt zu bleiben — als Reaktion auf die „Serie rechtlicher Angriffe auf die Fed“, wie er es formulierte.
Warsh kündigt einen „Regimewechsel“ an: engere Abstimmung mit dem Finanzministerium, eine kleinere Notenbankbilanz und damit einhergehend niedrigere Leitzinsen. Doch genau diese Aussicht kollidiert mit der gegenwärtigen Realität. Seit Ausbruch des Iran-Krieges hat der Ölpreisanstieg die Inflation wieder nach oben getrieben — die US-Verbraucherpreise lagen im April bei 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr, leicht über den Erwartungen. Finanzmärkte preisen aktuell sogar eine Wahrscheinlichkeit von rund einem Drittel für eine Zinserhöhung bis Dezember ein. Der Leitzins liegt bereits zwischen 3,50 und 3,75 Prozent.
Öl als globale Störvariable
Brent-Rohöl handelte am Dienstag bei über 107 Dollar je Barrel, WTI bei gut 101 Dollar — beide um mehr als drei Prozent im Plus. Der Grund: Die Verhandlungen zwischen Washington und Teheran stocken. Trump bezeichnete Irans Gegenangebot als „Müll“ und soll ernsthaft erwägen, größere Kampfoperationen wiederaufzunehmen. Die Straße von Hormuz bleibt für Tankerverkehr weitgehend geschlossen.
Die Auswirkungen strahlen weit aus. Für Russland, dessen Wirtschaft ohnehin unter westlichen Sanktionen, hohen Zinsen und dem Ukraine-Krieg leidet, ergäbe ein dauerhafter Ölpreisanstieg eigentlich eine Chance. Doch Moskau überraschte mit konservativen Projektionen: Die Regierung plant mit einem Ölpreis von nur 59 Dollar für 2026 und 50 Dollar für die Folgejahre. Gleichzeitig senkte sie die BIP-Wachstumsprognose für 2026 auf 0,4 Prozent — nach zuvor angenommenen 1,3 Prozent. Im ersten Quartal schrumpfte die russische Wirtschaft sogar um 0,3 Prozent.
Analytiker sehen hinter den bewusst niedrig angesetzten Ölpreisannahmen ein Signal: Moskau will überschüssige Einnahmen in den Staatsfonds lenken, statt das Haushaltsdefizit weiter anwachsen zu lassen — das bereits in den ersten vier Monaten bei 2,5 Prozent des BIP lag, weit über dem Jahresziel von 1,6 Prozent.
Risse im privaten Kreditmarkt
Während die Energiepreise die Gesamtinflation treiben, zeigen sich anderswo stille Verwerfungen. Der 3,5 Billionen Dollar schwere Markt für private Kredite gerät unter Druck. Neue MSCI-Daten zeigen, dass Kreditfonds mehr als ein Zehntel ihrer Darlehen um mindestens 50 Prozent abgeschrieben haben — ein Niveau, das MSCI als „typisch für tiefe Notlagen oder Restrukturierungsrisiken“ einstuft. Zuletzt war das nach dem Corona-Schock der Fall. Große Adressen wie Carlyle, Blackstone und BlackRock haben ihre Kreditfonds-Bewertungen bereits gesenkt.
Besonders betroffen: kleinere Fonds, bei denen 13 Prozent der Kredite unter 50 Cent je Dollar bewertet sind. Die Renditen im privaten Kreditbereich halbierten sich im vierten Quartal 2025 auf 1,8 Prozent. Verzögertes Reporting der Fonds — die Daten stammen aus dem dritten Quartal 2025 — verschleiert das wahre Ausmaß für viele Anleger. Ein Drittel der befragten Investoren gab an, keinen Zugang zu Daten zu haben, denen sie vollständig vertrauen.
Konsumenten und Haushalte
Auch beim US-Verbraucher hinterlässt das Umfeld Spuren. Die New Yorker Fed meldete für das erste Quartal stabile Haushaltsverschuldung von insgesamt 18,8 Billionen Dollar, mit einem leichten Anstieg der Hypotheken auf 13,2 Billionen. Die Kreditkartenschulden sanken hingegen um 25 Milliarden auf 1,3 Billionen Dollar — ein Zeichen, dass Verbraucher eher sparsamer werden.
Besorgniserregend bleibt die Lage bei Studienkrediten. Zwar moderierte sich der Anteil neu in ernsthafte Zahlungsverzögerung geratener Darlehen auf 10,9 Prozent, nach 16,2 Prozent im Vorquartal. Doch die Gesamtausfallquote stieg leicht auf 10,3 Prozent. Rund 2,6 Millionen Kreditnehmer mit über 120 Tagen Rückstand wurden an das US-Bildungsministerium verwiesen. Die eigentliche Warnung der New Yorker Fed ist subtiler: Studienkredit-Schuldner hätten über alle Kreditarten hinweg außergewöhnlich hohe Zahlungsausfälle — ein Hinweis darauf, dass ihre finanziellen Schwierigkeiten breiter angelegt sind.
Strukturreformen als Gegenbewegung
Inmitten all dieser Turbulenzen setzen einige Länder auf strukturelle Neuausrichtung. Australiens Labour-Regierung legte am Dienstag die größten Steuerreformen im Immobilienbereich seit einem Vierteljahrhundert vor. Ab Juli 2027 wird der 50-prozentige Kapitalertragsteuer-Rabatt für langfristige Investments abgeschafft, Verluste aus Bestandsimmobilien dürfen nicht mehr gegen andere Einnahmen gegengerechnet werden. Neue Bauprojekte bleiben begünstigt. Ziel ist es, jüngere Käufer auf einem Markt zu entlasten, dessen Preise in fünf Jahren um über 40 Prozent gestiegen sind. Treasury-Modelle erwarten einen vorübergehend um zwei Prozentpunkte gebremsten Preisanstieg.
Ungarn vollzieht unterdessen einen wirtschaftspolitischen Kurswechsel: Der neue Finanzminister András Karman versprach dem Parlament, alle Maastricht-Kriterien bis 2030 zu erfüllen und die eingefrorenen EU-Mittel innerhalb weniger Monate freizuschalten — ein klarer Bruch mit dem Orbán-Erbe, unter dem die Wirtschaft vier Jahre nahezu stagnierte.
Der rote Faden dieser Woche: Ob Fed-Führungswechsel, Ölschock oder Schuldenprobleme — überall treffen strukturelle Fragen auf akute Krisen. Wie Warsh mit diesem Erbe umgeht, wird seine erste Bewährungsprobe beim FOMC-Treffen am 16. und 17. Juni zeigen.
