Der globale Finanzmärkte-Takt wird dieser Woche von drei Kräften bestimmt: einem fragilen Waffenstillstand im Persischen Golf, einem starken Dollar und einem KI-Boom, der Asiens Exportmaschinen auf Hochtouren laufen lässt. Die Verbindungen zwischen diesen Themen sind enger, als sie auf den ersten Blick erscheinen.
Naher Osten: Waffenstillstand mit Ablaufdatum?
Washington und Teheran haben sich nach einem Wochenende gegenseitiger Angriffe auf eine Feuerpause geeinigt. Am Dienstag sollen Verhandlungen in Doha stattfinden – ursprünglich in der Schweiz geplant, nun auf die Hormuzstraße fokussiert statt auf Irans Atomprogramm. „Wir haben beschlossen, alle kinetischen Aktivitäten einzustellen“, zitiert Axios einen hochrangigen US-Beamten.
Das klingt beruhigender, als es ist. Die Lage bleibt angespannt: US-Streitkräfte hatten zuletzt iranische Raketen- und Drohnenlager sowie Küstenradaranlagen bombardiert, nachdem Iran trotz Waffenstillstand erneut einen Drohnenangriff auf ein Handelsschiff gestartet hatte. Der Tanker M/T Kiku und das Frachtschiff M/V Ever Lovely wurden getroffen. Präsident Trump drohte auf Truth Social, die USA könnten „gezwungen sein, den Job militärisch zu beenden“.
Marc Chandler von Bannockburn Capital Markets bringt es auf den Punkt: „Die Märkte starten in den Juli mit einem Waffenstillstand, dem niemand so recht traut.“
Rohöl reagiert entsprechend nervös. Brent-Rohöl stieg zeitweise auf 72,60 Dollar je Barrel, WTI überstieg die Marke von 70 Dollar – ein Anstieg von mehr als einem Prozent. Allerdings hat Öl fast alle Gewinne seit dem Ausbruch des US-Iran-Konflikts Ende Februar wieder abgegeben. Die Hoffnung auf einen dauerhaften Deal drückt die Preise, Eskalationsängste treiben sie wieder hoch. Dieses Hin-und-Her spiegelt die gesamte Marktstimmung.
Der Dollar als sicherer Hafen – und seine Opfer
Geopolitische Unsicherheit, eine überraschend restriktive Haltung des neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh und ein global gesuchter sicherer Hafen haben den Dollar-Index in diesem Monat um 2,5 Prozent steigen lassen – das stärkste Monatsplus seit fast einem Jahr. Der Euro notiert auf einem 13-Monats-Tief bei 1,1387 Dollar, das Britische Pfund verliert rund 2 Prozent im Monatsverlauf, der australische Dollar sogar mehr als 4 Prozent.
Am härtesten trifft es den japanischen Yen. Er dümpelt bei rund 161,75 je Dollar – nahe einem 40-Jahres-Tief. Interventionen der japanischen Behörden Ende April und Anfang Mai haben die Richtung nicht geändert, nur das Tempo gebremst. Und solange die Märkte auf eine weitere Fed-Zinserhöhung in diesem Jahr setzen, dürfte sich daran wenig ändern.
Tokio arbeitet unterdessen an einem anderen Hebel. Die japanische Regierung unter Premierministerin Sanae Takaichi plant ein ambitioniertes Wachstumsprogramm: Reales Wachstum von über 1 Prozent jährlich – mehr als doppelt so viel wie der Fünfjahresschnitt von 0,4 Prozent. Kombinierte staatliche und private Investitionen von umgerechnet mehr als 2,2 Billionen Euro bis 2040 sollen die Wirtschaft transformieren. Das Programm enthält auch eine explizite Aufforderung an die Bank of Japan, ihre Geldpolitik an Takaichis Wachstumsagenda auszurichten – was die Zentralbank in ein Dilemma zwischen Inflationsbekämpfung und politischem Druck bringt.
Asiens Chipexporte: Ein Boom mit Fragezeichen
Während Japan seinen Wachstumspfad neu justiert, erlebt Südkorea gerade seinen stärksten Exportboom seit fast 50 Jahren. Einer Reuters-Umfrage unter 13 Ökonomen zufolge dürften die Ausfuhren im Juni um 61 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen sein – nach bereits starken 53,4 Prozent im Mai. Treiber sind Samsung Electronics und SK Hynix, deren Halbleiterlieferungen in den ersten zwanzig Junitage um 188 Prozent zulegten. Chips machen mittlerweile 41 Prozent aller südkoreanischen Exporte aus.
„Mit steigenden Chippreisen und wachsender Token-Nutzung bei den großen Sprachmodellen weltweit sieht der Boom bei Speicherchip-Exporten nicht nach einem Ende aus“, sagt An Ki-tae von NH Investment & Securities.
China zeigt ein ähnliches Muster, allerdings mit deutlich mehr Unsicherheiten. Hochwertige Halbleiter und automatisierte Datenverarbeitungsgeräte treiben Pekings Exporte – allein dieser Sektor legte im Jahresvergleich um mehr als 60 Prozent zu. Für die übrige Exportwirtschaft schaut es magerer aus: Möbel und andere klassische Güter wuchsen gerade mal um knapp 2 Prozent. Der offizielle Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe dürfte im Juni auf 50,1 gestiegen sein – ein hauchdünnes Wachstum über der Expansionsschwelle von 50 Punkten.
China steuert gegen – mit neuen geldpolitischen Werkzeugen
Die chinesische Zentralbank greift derweil zu einem neuen Instrument. Die Volksbank China (PBOC) hat erstmals Übernacht-Reverse-Repos angeboten – 300 Milliarden Yuan wurden zum Auftakt bereitgestellt. Der Zinssatz lag Quellen zufolge bei 1,25 Prozent, 15 Basispunkte unterhalb des für sieben Tage geltenden Leitzinssatzes von 1,4 Prozent.
Das Instrument soll die Kontrolle über kurzfristige Zinsen verbessern, besonders zu volatilen Monats- und Quartalsenden. Dass die PBOC den Übernachtzins nicht öffentlich kommunizierte, hat Methode. „Die PBOC möchte die Signalfunktion des Sieben-Tages-Satzes nicht verwässern“, erklärt Lynn Song, Chefvolkswirt für Greater China bei ING. Kurzfristig bleibt der Sieben-Tages-Satz die primäre geldpolitische Richtschnur – langfristig deutet die Richtung aber auf eine Annäherung an das Modell westlicher Zentralbanken hin, die Übernachtzinsen als Hauptinstrument nutzen.
Was bleibt offen
Für die kommenden Tage richten sich alle Blicke auf mehrere Datenpunkte: Südkoreas offizielle Handelszahlen für Juni erscheinen am Mittwoch, Chinas PMI-Daten am Dienstag. Dazu kommt das EZB-Jahresforum in Sintra, wo Fed-Chef Warsh am Mittwoch in einer Diskussionsrunde seine geldpolitische Haltung schärfer konturieren könnte. Und der US-Arbeitsmarktbericht am Ende der Woche wird zeigen, ob die Grundlage für weitere Zinserhöhungen belastbar ist.
Der AI-Boom trägt die asiatischen Exportwirtschaften – aber ob er auch die Bewertungen der großen Technologiekonzerne rechtfertigt, bleibt die offene Frage dieser Rallye.
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