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Gerresheimer Aktie: Gefahr im Anzug?

Die Bilanzprüfungsaffäre bei Gerresheimer weitet sich aus: APAS leitet Verfahren gegen KPMG ein. Die Aktie leidet unter fehlendem testierten Jahresabschluss.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • APAS ermittelt gegen KPMG
  • BaFin prüft drei konkrete Vorwürfe
  • Aktie notiert 60% unter Jahreshoch
  • Centor-Verkauf soll Finanzen stabilisieren

Die Bilanzaffäre bei Gerresheimer weitet sich aus. Neben der laufenden BaFin-Untersuchung hat nun auch die Abschlussprüferaufsichtsstelle APAS ein berufsrechtliches Verfahren gegen Wirtschaftsprüfer KPMG eingeleitet — weil dieser den Jahresabschluss 2024 trotz systematischer IFRS-Fehler uneingeschränkt testiert haben soll.

Besonders heikel: KPMG hatte erst 2024 den bisherigen Prüfer Deloitte abgelöst und beglaubigte unmittelbar danach einen fehlerbehafteten Abschluss. Das Verfahren trifft ein Unternehmen, das ohnehin an mehreren Fronten kämpft.

Drei konkrete Vorwürfe der BaFin

Die BaFin hatte am 6. März 2026 eine Prüfung des Konzernzwischenabschlusses eingeleitet. Im Kern stehen drei Punkte: Leasingverbindlichkeiten von 65,5 Mio. Euro sollen in unzutreffender Höhe ausgewiesen sein. Aktivierte Entwicklungskosten mit einem Buchwert von 29,4 Mio. Euro weisen falsch angegebene Nutzungsdauern auf. Ferner wurden Vermögenswerte im Segment Advanced Technologies mit einem Buchwert von rund 196 Mio. Euro nicht ordnungsgemäß wertgemindert.

Ausgangspunkt der Krise sind sogenannte Bill-and-Hold-Vereinbarungen: Gerresheimer stellte Kunden Waren in Rechnung, lieferte sie aber erst später aus — und buchte Umsätze entgegen IFRS-Vorschriften zu früh. Eine unabhängige Anwaltskanzlei bestätigte die systematischen Verstöße. Sie belasten 35 Mio. Euro Umsatz und 24 Mio. Euro bereinigtes EBITDA.

Ohne Jahresabschluss keine Neubewertung

Das eigentliche Problem ist struktureller Natur: Ohne testierten Jahresabschluss bleibt die Aktie für viele institutionelle Investoren schlicht nicht investierbar. Der SDAX-Ausschluss durch Indexbetreiber STOXX — ausgelöst durch die verpasste Veröffentlichungsfrist — verstärkt diesen Effekt. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei rund 90 Prozent, was das Papier zu einem der schwankungsanfälligsten Titel im deutschen Gesundheitssektor macht.

Die Aktie notiert aktuell bei 24,18 Euro — rund 60 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch. Vom Tief im Februar hat sie sich zwar erholt, liegt aber weiterhin deutlich unter dem 200-Tage-Durchschnitt.

Operative Lage stabil, Centor-Verkauf läuft

Das Management hält an seiner Jahresprognose fest: Erlöse zwischen 2,3 und 2,4 Mrd. Euro sowie eine bereinigte EBITDA-Marge von 18 bis 19 Prozent. Das Tagesgeschäft laufe im Rahmen der Erwartungen, die Auftragslage gelte als solide.

Parallel treibt Gerresheimer den Verkauf der US-Tochter Centor voran, die Verpackungssysteme für verschreibungspflichtige Medikamente herstellt. Morgan Stanley begleitet die Transaktion, eine zweistellige Zahl von Interessenten soll vorliegen. Der Abschluss ist noch für 2026 geplant — der Erlös soll die Finanzierungsstruktur stabilisieren.

Der entscheidende Termin bleibt der Juni: Dann will Gerresheimer den geprüften Jahresabschluss und die Q1-2026-Quartalsmitteilung vorlegen. Erst danach haben institutionelle Investoren eine belastbare Grundlage — und der Kurs eine reelle Chance auf nachhaltige Neubewertung. Der Halbjahresbericht folgt laut Finanzkalender am 14. Juli 2026.

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