Zwölf Prozent Kurssprung an einem einzigen Handelstag – so reagierte der Markt Ende Juli auf die Nachricht, dass Gerresheimer sein US-Geschäft Centor und die globale Sparte Primary Packaging Plastics an eine von Apax Partners beratene Fondsgesellschaft verkauft. Für mich ist dieser Deal die wichtigste Wegmarke, die der angeschlagene Verpackungskonzern seit Beginn seiner Bilanzkrise gesetzt hat. Doch wer sich die Kursentwicklung der vergangenen Wochen ansieht, merkt schnell: Euphorie ist etwas anderes.
Der Deal als Befreiungsschlag
Am 29. Juli unterzeichnete Gerresheimer endgültige Verträge über den Verkauf von insgesamt 15 Produktionsstandorten in neun Ländern plus dem Centor-Standort in den USA. Der Gesamtkaufpreis basiert auf einem kombinierten Unternehmenswert von rund 1,5 Milliarden Euro. Centor und das PPP-Geschäft erwirtschafteten 2025 zusammen rund 570 Millionen Euro Umsatz mit etwa 2.400 Mitarbeitenden. Der Centor-Verkauf soll bis Ende des laufenden Geschäftsjahres 2026 abgeschlossen sein, der PPP-Verkauf im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2027. Morgan Stanley agiert als Lead-Finanzberater, die Commerzbank steuert Fairness Opinions bei, Latham & Watkins berät rechtlich.
Dass dieser Schritt kein Nice-to-have, sondern eine Notwendigkeit war, zeigt ein Detail, das die Börsen-Zeitung berichtet: Abschlussprüfer KPMG hatte darauf hingewiesen, dass der Verkauf noch 2026 vollzogen werden müsse – sonst drohten Gläubiger wegen möglicher Verletzung von Kreditbedingungen die Reißleine zu ziehen. Wer diesen Satz liest, versteht, warum der Markt so heftig reagierte: Hier ging es nicht um Portfolio-Optimierung, sondern um die Vermeidung einer Refinanzierungskrise.
Analysten trauen sich nur ein Stück weit vor
Die DZ Bank stufte Gerresheimer am 29. Juli von „Verkaufen“ auf „Halten“ hoch, Analyst Sven Kürten erhöhte den fairen Wert von 16 auf 30 Euro. Bemerkenswert ist seine Begründung: Der Deal verspreche zwar deutliche Entlastung, doch er halte im Aktienkurs weiterhin einen Abschlag von fast der Hälfte gegenüber Wettbewerbern für angemessen – wegen anhaltend hoher Unwägbarkeiten. Das ist aus meiner Sicht der entscheidende Satz der gesamten Berichterstattung: Selbst die optimistischere Neueinschätzung bleibt eine Halten-Empfehlung mit deutlichem Sicherheitsabschlag. J.P. Morgan bestätigte am gleichen Tag sein Overweight-Rating im Umfeld der Transaktion – ein positiveres Signal, das aber die Zurückhaltung anderer Häuser nicht überstrahlt.
Auffällig ist zudem, wer sich auf der Aktionärsseite tummelt. Goldman Sachs überschritt im Juni die Meldeschwelle und kommt inzwischen auf rund 20 Prozent der Stimmrechte – laut Berichten entfällt der Großteil davon auf Finanzinstrumente statt auf echte Aktien, und die Bank stellt in ihren Pflichtmeldungen klar, dass der Aufbau im Rahmen üblicher Kundengeschäfte erfolgte. Parallel dazu erhöhte D.E. Shaw laut einer Meldung im Bundesanzeiger seine Netto-Shortquote von 1,41 auf 1,52 Prozent. Beides zusammen ergibt ein Bild widerstreitender Wetten – genau das Gegenteil eines eindeutigen Vertrauensvotums.
Die Zahlen erzählen eine nüchterne Geschichte
Der Blick auf den Kurs relativiert die Aufbruchstimmung zusätzlich. Am Freitag schloss die Aktie bei 26,34 Euro, über die vergangenen 30 Tage steht trotz des Deal-Sprungs ein Minus von 9,92 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 46,74 Euro trennen das Papier immer noch 43,65 Prozent. Wer die Rally als Wendepunkt feiert, blendet aus, dass ein Großteil der Verluste aus der Bilanzkrise – jenem Verlust von 318 Millionen Euro nach Abschreibungen von mehr als einer halben Milliarde Euro, den die Börsen-Zeitung aus dem Jahresabschluss 2025 zitierte – längst nicht aufgeholt ist. Der Zwangsabgang aus dem SDax im April und die vorangegangene BaFin-Rüge wegen verfrüht verbuchter Umsätze wirken bis heute nach.
Fazit
Für mich überwiegt derzeit ein vorsichtiger Optimismus mit klarem Vorbehalt. Der Apax-Deal löst das drängendste Problem – die Refinanzierung –, schafft aber keine Gewissheit über die operative Substanz des verbleibenden Konzerns. Die Hauptversammlung am 1. September und die für August angesetzte Quartalsmitteilung dürften zeigen, ob aus dem Befreiungsschlag tatsächlich ein nachhaltiger Wendepunkt wird oder ob die Skepsis der DZ Bank berechtigt bleibt.
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