Der Iran-Konflikt ist längst kein regionales Problem mehr. Er zieht sich wie ein roter Faden durch die globalen Finanzmärkte – von Rohstoffpreisen über Währungskrisen bis hin zu politischen Weichenstellungen in Washington, Brüssel und Peking.
Eine Welt in der Zwickmühle
Die Deutsche Bank beschreibt die aktuelle Lage treffend als Mischung aus dem Technologieboom von 1999 und den Ölschocks von 1990. KI-Euphorie trifft auf geopolitische Erschütterungen – und das globale Finanzsystem spürt beides gleichzeitig. Jim Reid, Chefstratege für Makro- und Themenforschung der Bank, skizziert ein Basisszenario, das auf einer US-iranischen Einigung noch vor Ende Juni beruht. Gelingt diese, dürfte Brent-Rohöl bis zum vierten Quartal auf rund 86 US-Dollar je Barrel sinken.
Scheitert die Diplomatie? Dann könnten Ölpreise auf 150 US-Dollar schnellen und Europa in eine ausgewachsene Rezession stürzen. Kein abstraktes Szenario – sondern eine reale Gefahr, die Marktteilnehmer täglich einpreisen müssen.
Die Verhandlungen selbst befinden sich in einem zähen Schwebezustand. Pakistan fungiert als Vermittler: Innenminister Mohsin Naqvi reiste bereits mehrfach nach Teheran und traf sich sowohl mit Präsident Pezeshkian als auch Außenminister Araghchi. Geheimgespräche zwischen iranischen und amerikanischen Delegationen in Islamabad scheiterten nach 21 Stunden ohne Ergebnis. Irans Außenministerium spricht inzwischen von einem fast fertigen Memorandum of Understanding – doch gleichzeitig schoss das US-Militär vier iranische Drohnen ab und fing sieben Raketen ab, die auf Bahrain und Kuwait zuflogen. Ein Berater des iranischen Obersten Führers nannte die Verhandlungen schlicht „festgefahren“.
Europa unter Druck
Für Europa ist die Lage besonders heikel. Die Deutsche Bank hat ihre Wachstumsprognose für die Eurozone auf magere 0,5 Prozent für 2026 gestutzt – der Kontinent steht am Rand einer technischen Rezession. Der Energiepreisschock kostet die EU laut Schätzungen der EU-Kommission täglich rund 500 Millionen Euro an zusätzlichen Importkosten.
Brüssel reagiert mit einer neuen Gesetzgebungsoffensive. Die EU-Kommission plant Steuersenkungen auf erneuerbaren Strom, verbindliche Ausbauziele für intelligente Stromzähler und gezielte Entlastungen für die energieintensive Industrie. Mindestens 50 Prozent der Verbraucher sollen bis 2030 mit Smart Metern ausgestattet sein, bis 2033 sollen es 65 Prozent sein. Das Ziel ist klar: Europas 57-prozentige Abhängigkeit von fossilen Energieimporten strukturell verringern, bevor der nächste Schock kommt.
Die Europäische Zentralbank dürfte derweil 50 Basispunkte an Zinserhöhungen im Sommer beschließen – trotz stagnierender Wirtschaft. Ein klassisches Stagflationsszenario, das Anlegern in europäischen Staatsanleihen wenig Freude bereiten wird.
Schwellenländer im Sturm
Die Verwerfungen treffen Schwellenländer noch härter. Indonesien erlebt einen Kapitalabfluss historischen Ausmaßes: Die Börse Jakarta verlor in diesem Jahr mehr als 30 Prozent, die Rupiah sank auf Rekordtiefs. Ausländische Bestände an indonesischen Anleihen befinden sich auf dem niedrigsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten.
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Zentralbankchef Perry Warjiyo und Finanzminister Purbaya einigten sich am Samstag darauf, die Renditen indonesischer Vermögenswerte anzuheben, um Kapitalzuflüsse zurückzugewinnen. Die Notenbank hatte bereits im Mai die Leitzinsen um 50 Basispunkte erhöht – ein aggressiver Schritt, der die Währung stützen, aber das Wachstum weiter belasten dürfte. Investoren sorgen sich zusätzlich um die Unabhängigkeit der Notenbank und die Transparenz des Kapitalmarkts.
Amerika – die relativen Gewinner?
Im Vergleich dazu erscheint die US-Wirtschaft fast komfortabel. Die Deutsche Bank hält an ihrem Jahresendziel von 8.000 Punkten für den S&P 500 fest – getragen von soliden Unternehmensgewinnen und dem KI-Investitionsboom. Die Fed dürfte die Zinsen vorerst unverändert lassen, da die Kerninflation hartnäckig hoch bleibt.
Trumps Botschaft an amerikanische Farmer in Wisconsin war beruhigend, aber wenig konkret: Die Kosten für Kraftstoff und Düngemittel würden sinken, sobald der Iran-Konflikt gelöst sei. Immerhin meldete er chinesische Kaufzusagen für US-Agrarprodukte im Wert von 17 Milliarden US-Dollar – ein Echo der jüngsten Handelsgespräche mit Xi Jinping.
Peking justiert, während die Chipwerte abstürzen
China versucht derweil, das Beste aus einer schwierigen Lage zu machen. Der Chef der Wertpapieraufsicht CSRC, Wu Qing, forderte Fondsmanager auf, Innovationen zu unterstützen – warnte aber zugleich vor blindem Sektorenbetting und übertriebener Spekulation. Der Hintergrund: US-gelistete Chipherstelleraktien verloren allein am Freitag rund 1,3 Billionen US-Dollar an Marktwert.
„Externe Unsicherheiten nehmen zu, globale Finanzmärkte schwanken auf hohem Niveau, und globale Vermögenswerte durchlaufen eine große Neuverteilung“, sagte Wu. Die neue KI-Welle brauche ein kompatibleres Finanzsystem – aber eben kein spekulatives.
Der große Riss
Was diese Entwicklungen verbindet, ist mehr als Geopolitik. Es ist eine strukturelle Neubewertung von Risiken. Anleger, die in der Nullzinsära in private Märkte flüchteten, spüren das jetzt: Der Schweizer Private-Equity-Riese Partners Group musste Auszahlungen aus einem 8,6-Milliarden-US-Dollar-Fonds stoppen, weil Kunden ihr Kapital zurückforderten – getrieben von Sorgen über überbewertete Positionen. Die Aktie brach um bis zu 18 Prozent ein.
„Partners Group ist unweigerlich von makroökonomischen Bedenken betroffen, da das Unternehmen tief in der Realwirtschaft verwurzelt ist“, analysierte ZKB-Analyst Daniel Regli. Das gilt heute mehr denn je – und nicht nur für Partners Group.
Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die US-iranischen Verhandlungen doch noch Früchte tragen. Bis dahin bleibt der Ölpreis das wichtigste Barometer für alles andere: Inflation, Wachstum, Zinsen, Währungen. Wer den Hormuz-Streit im Blick behält, versteht im Grunde auch den Rest.
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