Ein 550.000-Euro-Elektroauto, das den eigenen Ex-Chairman entsetzt. Eine chinesische Marke, die sich in einer verlassenen Ford-Fabrik einnistet. Und ein Nutzfahrzeughersteller, dessen Gewinn sich halbiert — während die Auftragsbücher explodieren. Diese Woche zeigte exemplarisch, wie unterschiedlich Zölle, Elektrifizierung und geopolitische Verschiebungen auf die Autobranche durchschlagen.
Ferrari: Design-Revolte um den Luce trifft auf volle Auftragsbücher
Selten hat ein Autohersteller so viel Gegenwind aus den eigenen Reihen kassiert. Ferraris erstes vollelektrisches Modell, der viertürige Luce, sorgte nach seiner Enthüllung für einen Kursrutsch von gut sechs Prozent an der Mailänder Börse. Der Vorwurf: Das Design erinnere eher an einen Massenmarkt-Stromer als an einen Supersportwagen. Ex-Chairman Luca di Montezemolo sprach gegenüber italienischen Medien von einer Schande für die Unternehmensgeschichte.
Für den Luce hatte Ferrari bewusst mit der hauseigenen Designtradition gebrochen. Statt Chefdesigner Flavio Manzoni übernahm Jony Ive — Apples ehemaliger Designchef — die Formgebung. Das Ergebnis polarisiert, doch CEO Benedetto Vigna kontert mit harten Fakten: Das Auftragsbuch reiche bereits bis Ende 2027, also mehr als ein Jahr über den geplanten Lieferstart im Oktober 2026 hinaus. Bestellt werde nicht nur von Bestandskunden, sondern auch von Neuzugängen.
Jefferies-Analyst James Grzinic stuft die Aktie weiter mit „Buy“ ein und sieht ein Kursziel von 350 Euro. Seine Einschätzung: Der Luce sei ein Rekrutierungsinstrument für Kunden, die das klassische Heritage-Angebot kaltlässt. Ferrari selbst hält sich Optionen offen — der 2030-Plan sieht nur noch 20 Prozent vollelektrische Modelle im Lineup vor, halb so viel wie ursprünglich anvisiert.
Am Freitag schloss die Aktie bei 293,45 Euro. Gegenüber dem 52-Wochen-Hoch bei 440,50 Euro fehlen mehr als 33 Prozent.
BMW: Aktienrückkäufe laufen, Elektro-Absatz schwächelt
BMW kauft weiter eigene Aktien zurück — allein zwischen dem 18. und 24. Mai wechselten über 904.000 Stammaktien den Besitzer, ausgeführt über Xetra, CBOE Europe und Turquoise zu einem gewichteten Durchschnittspreis im mittleren 70-Euro-Bereich. Das Rückkaufprogramm läuft planmäßig bis 2027.
Die Q1-Zahlen Anfang Mai zeichneten ein gemischtes Bild. Zwar blieb die Profitabilität innerhalb der Prognosespanne, doch der BEV-Absatz brach um 20,1 Prozent auf 87.000 Einheiten ein. Der Elektro-Anteil am Gesamtabsatz sank von 18,7 auf 15,5 Prozent — ein Rückschlag für die Elektrostrategie inmitten wachsender Konkurrenz chinesischer Hersteller und Teslas.
Zölle belasten auch München: US-Abgaben und EU-Tarife auf in China gefertigte Fahrzeuge — relevant für die Marke Mini — drückten die Pkw-Marge im ersten Quartal um 1,25 Prozentpunkte. Trotzdem hält der Vorstand an der Jahresprognose 2026 fest und wertet Trumps Zolldrohungen primär als Verhandlungstaktik.
- Dividende: 4,40 Euro je Aktie
- KGV: 7,06
- Aktuelle Analysteneinschätzung: Hold, Kursziel 88 Euro
- Strukturelle Änderung: BMW hat die Vorzugsaktien abgeschafft — künftig existiert nur noch eine Aktiengattung, was die Indexgewichtung verbessern soll
Bei einem Schlusskurs von 74,98 Euro am Freitag notiert die Aktie rund 23 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch und seit Jahresbeginn knapp 22 Prozent im Minus.
Deutz AG: Brasilien-Deal rundet starkes Quartal ab
Deutz hat am 27. Mai die Übernahme der brasilianischen Maxi Trust Power Ltda. verkündet — ein Hersteller von Diesel- und Gasgeneratoren mit Sitz in Curitiba. Der Kaufpreis bewegt sich im mittleren zweistelligen Millionenbereich und wird über Fremdkapital finanziert. Die Transaktion soll noch im zweiten Quartal abgeschlossen werden.
Strategisch fügt sich der Schritt in Deutz‘ Wandlung vom reinen Motorenhersteller zum breit aufgestellten Industriekonzern. Dezentrale Energielösungen sind gefragt — getrieben durch Netzstabilitätsprobleme, den Ausbau von Rechenzentren und industrielle Infrastrukturprojekte in Schwellenländern. Die Akquisition bringt rund 40 Millionen Euro Jahresumsatz in das wachsende Energiesegment ein, das bis 2030 auf 500 Millionen Euro anwachsen soll.
Das erste Quartal lieferte Rückenwind für diese Strategie. Auftragseingang: plus 41,2 Prozent auf 771 Millionen Euro. Konzernumsatz: plus 8,4 Prozent auf 530 Millionen Euro. Die bereinigte EBIT-Marge verbesserte sich deutlich von 5,2 auf 7,0 Prozent. Ab 1. Juni verstärkt zudem Katharina Krüger als neu geschaffene Chief Transformation Officer den Vorstand.
Die Analysten sind optimistisch. Berenberg sieht ein Kursziel von 11,50 Euro und hält die Jahresprognose von bis zu 2,5 Milliarden Euro Umsatz für konservativ. ODDO BHF geht mit 12,60 Euro noch weiter und erwartet eine nachhaltige Margenausweitung durch das Restrukturierungsprogramm. Am Freitag schloss die Aktie bei 10,43 Euro — ein Plus von über 20 Prozent seit Jahresbeginn.
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Geely: Mit Fords alter Fabrik gegen Europas Zollmauer
Geely hat Teile des Ford-Werks im spanischen Almussafes bei Valencia erworben. In der ehemaligen Body-Shop-3-Halle, in der einst Mondeo, Galaxy und S-Max vom Band liefen, soll künftig sowohl ein Geely-Modell als auch ein Ford-Fahrzeug gefertigt werden. Der Schachzug hat einen klaren Hintergrund: Produktion in Europa umgeht den 18,8-Prozent-Zoll, den die EU 2024 auf chinesische Importe verhängte.
Geely steht damit stellvertretend für eine Welle chinesischer Hersteller, die europäische Produktionskapazitäten sichern, bevor mögliche weitere Handelsbarrieren greifen. Die Basis dafür liefert ein global starkes Produktportfolio. Der EX2 war 2025 das meistverkaufte Auto seines Segments weltweit und zugleich Chinas Gesamtmarkt-Bestseller — mit 465.775 verkauften Einheiten im Gesamtjahr und 500.000 kumulierten Auslieferungen in nur 14 Monaten nach Marktstart.
Für das Nachfolgemodell EX5 Extended Range setzt Geely auf aggressive Verkaufsanreize: Finanzierungen ab 0,88 Prozent über 36 Monate und eine kostenlose Heim-Wallbox. Die Analysten sind nahezu einhellig bullish — 29 Kaufempfehlungen stehen null Verkaufsempfehlungen gegenüber, das durchschnittliche Kursziel liegt bei 29,24 HKD.
An der Frankfurter Börse notierte die Aktie am Freitag bei 2,10 Euro. Im Monatsvergleich ein Minus von knapp 15 Prozent — die EU-Handelspolitik bleibt ein Unsicherheitsfaktor.
Daimler Truck: Gewinn halbiert, Aufträge vervielfacht
Die Quartalszahlen von Daimler Truck lesen sich wie ein Paradox. Der bereinigte operative Gewinn brach auf Konzernebene von 1,08 Milliarden auf 498 Millionen Euro ein. Gleichzeitig schoss der Auftragseingang um 50 Prozent auf 114.043 Einheiten nach oben — in Nordamerika sogar um 86 Prozent.
Der Gewinneinbruch konzentrierte sich fast vollständig auf die Division Trucks North America. Dort sanken die Stückzahlen um 25 Prozent auf 29.432 Einheiten, der Spartenumsatz fiel von 5,41 auf 3,84 Milliarden Euro. CFO Eva Scherer bezifferte die erstmals voll durchschlagenden Zollkosten auf mindestens 100 Millionen Euro. Die Absatzvolumina erreichten ein 16-Jahres-Tief.
Die Auftragswelle deutet allerdings auf eine kräftige Erholung hin. Scherer prognostizierte für das zweite Quartal ein nordamerikanisches Liefervolumen, das etwa anderthalb Mal so hoch ausfällt wie im ersten Quartal. Hohe Frachtraten verschaffen den Kunden die finanziellen Mittel, um überalterte Flotten zu erneuern.
- Jahresprognose: 330.000 bis 360.000 Einheiten, Industrieumsatz 42 bis 46 Milliarden Euro
- Ergebnisziel: Bereinigtes Konzern-EBIT zwischen 3,2 und 3,7 Milliarden Euro
- Jefferies: Buy, Kursziel 54 Euro
- Goldman Sachs: Neutral, Kursziel von 43 auf 45 Euro angehoben
Am Freitag schloss die Aktie bei 41,87 Euro — nur gut sechs Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch.
Gleiche Kräfte, gegensätzliche Ergebnisse
Was diese Woche sichtbar machte: Zölle, Elektrifizierung und geografische Expansion wirken auf jeden Hersteller anders. Für Daimler Truck bedeuteten US-Zölle einen messbaren Gewinneinschnitt von über 600 Millionen Euro allein in der nordamerikanischen Division. BMW spürte den Effekt ebenfalls, konnte ihn aber durch starke Produktionsvolumina in Deutschland und den USA abfedern.
Ferrari kämpft weniger mit Handelspolitik als mit der eigenen Markenidentität. Geely nutzt die Zollmauer als Katalysator für europäische Produktionskapazitäten. Und Deutz entzieht sich der reinen Automobillogik zunehmend — mit Engagements in Verteidigung, dezentraler Energieversorgung und nun lateinamerikanischen Generatormärkten.
Automobilsektor zwischen Auftragshoffnung und Markenrisiko
In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob Daimler Trucks Auftragsflut tatsächlich in Auslieferungen und Margenverbesserung mündet. Bei Ferrari hängt viel davon ab, wie sich das Luce-Orderbuch entwickelt, sobald der erste Sammlerhype abklingt. BMWs Neue Klasse bleibt die mittelfristige Schlüsselgeschichte, während Geelys spanische Produktionspläne an regulatorischen Genehmigungen und der Dynamik der EU-China-Handelsbeziehungen hängen.
Deutz nimmt unter den fünf Titeln eine Sonderrolle ein. Der Schwenk hin zu Verteidigung und dezentraler Energieversorgung profitiert von steigenden europäischen Militärausgaben — ein Rückenwind, der den Kölner Konzern von den reinen Automobilherstellern abhebt, die auf einer deutlich holprigeren Strecke unterwegs sind.
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