Die US-Notenbank steckt in der Zwickmühle. Während die Inflationserwartungen der Verbraucher im August stabil blieben, sorgen ein plötzlicher Ölpreisschub und wachsende Jobängste für neue Unsicherheit – nur wenige Tage vor der wegweisenden Fed-Sitzung am 15. und 16. September. Die Gemengelage aus geopolitischen Spannungen und uneinheitlichen Konjunktursignalen macht die Entscheidung der Notenbanker komplizierter denn je.
Verbraucher zwischen Gelassenheit und Sorge
Die Survey of Consumer Expectations der New York Fed zeichnet ein ambivalentes Bild. Die Inflationserwartung für die kommenden zwölf Monate verharrte im August bei 3,6 Prozent, für die nächsten fünf Jahre bei 3 Prozent. Die Drei-Jahres-Prognose sank sogar leicht von 3,3 auf 3,2 Prozent. Auf den ersten Blick scheinen die Verbraucher also gelassen zu bleiben – trotz einer Inflation, die weiterhin deutlich über dem 2-Prozent-Ziel der Fed liegt.
Doch unter der Oberfläche brodelt es. Die Erwartungen zur Arbeitslosenquote in einem Jahr kletterten auf den höchsten Stand seit April 2020 – jener Zeit, als die Pandemie die Wirtschaft lahmlegte. Bemerkenswert: Dieser Pessimismus zieht sich durch alle Alters-, Einkommens- und Bildungsgruppen. Gleichzeitig bewerteten die Befragten ihre aktuelle und künftige finanzielle Lage schlechter als zuvor, ebenso den Zugang zu Krediten. Ein Widerspruch drängt sich auf: Die Angst vor dem eigenen Jobverlust sank zwar leicht, doch die Aussicht, nach einer Kündigung schnell wieder Arbeit zu finden, verschlechterte sich merklich. Anders gesagt: Wer seinen Job behält, macht sich weniger Sorgen – wer ihn verliert, rechnet mit einer härteren Suche.
Öl auf 100-Dollar-Kurs treibt Inflationsängste an
Just in diesem fragilen Moment liefert der Ölmarkt neuen Zündstoff. Die Brent-Notierung kletterte am Dienstag um rund 2 Prozent auf über 99 US-Dollar je Barrel – der höchste Stand seit dem 24. Juli und bereits der dritte Anstieg in Folge. Auslöser sind eskalierende Spannungen im Nahen Osten: Die vom Iran unterstützten Houthi-Rebellen griffen Energieanlagen und Städte in Saudi-Arabien an, während Israel ein Ziel im Südlibanon bombardierte. Der Iran selbst drohte zusätzlich mit einer maritimen Sperrzone im Persischen Golf als Antwort auf US-„Wirtschaftskrieg“.
Die Marke von 100 Dollar ist dabei mehr als nur eine psychologische Hürde. Ein nachhaltiger Ausbruch darüber würde signalisieren, dass aus dem geopolitischen Angebotsschock ein handfestes Inflationsrisiko wird – vor allem, wenn die Preise über Wochen erhöht bleiben. Höhere Ölpreise schlagen sich direkt in Benzin-, Transport- und Produktionskosten nieder. Kein Wunder, dass die Verbraucher in der NY-Fed-Umfrage bereits höhere Spritpreise für das kommende Jahr einkalkulieren.
An den Terminmärkten reagierten die US-Indizes entsprechend nervös: Dow-Futures gaben rund 0,9 Prozent nach, S&P-500-Futures verloren etwa 0,3 bis 0,4 Prozent. Energiewerte wie Marathon Petroleum und Occidental Petroleum profitierten hingegen von den steigenden Rohölpreisen und legten im vorbörslichen Handel zu.
Zinsentscheidung wird zum Drahtseilakt
Die eigentliche Bühne für all diese Entwicklungen ist die anstehende Fed-Sitzung. Der Leitzins liegt derzeit in der Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent, und die Positionen innerhalb der Notenbank könnten kaum weiter auseinanderliegen. Fed-Gouverneur Christopher Waller signalisierte vergangene Woche, er würde bei fortgesetztem Fortschritt Richtung 2-Prozent-Ziel für ein Halten des aktuellen Zinsniveaus stimmen. Cleveland-Fed-Präsidentin Beth Hammack, die im Juli bereits für eine Zinserhöhung votierte, schrieb dagegen auf LinkedIn, angesichts der Preisentwicklung in ihrem Bezirk sei „es Zeit zu handeln“ – ein klares Bekenntnis zu einer weiteren Straffung.
Die Terminmärkte preisen laut CME FedWatch-Tool aktuell eine Wahrscheinlichkeit von 58,4 Prozent für eine Zinserhöhung im September ein – eine deutliche Verschiebung gegenüber den Erwartungen vor wenigen Wochen. Verantwortlich dafür sind auch die überraschend starken August-Arbeitsmarktdaten, die Zweifel daran nährten, dass die Wirtschaft eine geldpolitische Lockerung überhaupt nötig hat.
Pantheon-Macroeconomics-Chefökonom Samuel Tombs bleibt dennoch gelassen: Die Inflationsdaten der kommenden Monate dürften „mild genug“ ausfallen, damit die Mehrheit der Fed-Mitglieder von einer Straffung absieht, so seine Einschätzung. Ob diese Prognose hält, entscheidet sich schon in wenigen Tagen.
Freitag als Schicksalstag
Alle Blicke richten sich nun auf Freitag, wenn die Verbraucherpreisdaten (CPI) für August veröffentlicht werden – ergänzt durch die Erzeugerpreise am Donnerstag. Mehrere Fed-Vertreter haben bereits angedeutet, dass genau diese Zahlen den Ausschlag für die Entscheidung am 15. und 16. September geben könnten. Kyle Rodda, Senior Financial Market Analyst bei Capital.com, bringt das Dilemma auf den Punkt: „Das Inflationsbild wird durch die Ölpreisrally trüber. Die militärische Aktivität hält eine erhebliche Risikoprämie an den Energiemärkten aufrecht.“
Für Anleger bedeutet das eine Woche mit erhöhter Schwankungsbreite. Bleibt der Ölpreis unter 100 Dollar und fällt die CPI-Zahl moderat aus, dürfte die Fed-Taube weiter Oberwasser behalten. Schießt Brent jedoch nachhaltig über die Marke und überrascht die Inflation nach oben, könnte sich das Blatt schnell zugunsten der Falken wenden – mit Folgen weit über die Notenbanksitzung hinaus, insbesondere für zinssensible Wachstumswerte an der Technologiebörse.
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