Der Nahe-Osten-Krieg hat die globale Inflationsdynamik verändert – und die Zentralbanken weltweit in eine unangenehme Lage gebracht. Steigende Energiepreise, hartnäckiger Preisdruck und politische Spannungen rund um die Unabhängigkeit der Notenbanken machen geldpolitische Entscheidungen zu einem Balanceakt mit wachsenden Risiken.
Fed hält Kurs – aber die Geduld hat Grenzen
Die US-Notenbank Federal Reserve signalisiert Standfestigkeit. Fed-Vizepräsident Philip Jefferson betonte in einer Rede vor der Konferenz der Bank of Japan in Tokio, der aktuelle Leitzins von 3,50 % bis 3,75 % lasse die Fed „gut positioniert“, um auf wirtschaftliche Entwicklungen zu reagieren. Eine Vorentscheidung für die nächste FOMC-Sitzung am 16. und 17. Juni lehnte er explizit ab.
Gleichzeitig erhöht Fed-Gouverneurin Lisa Cook den Druck. Sie machte deutlich, dass sie bereit sei, die Zinsen anzuheben, sollte die Inflation nicht wie erwartet zurückgehen. „Die Risiken sind weiterhin in Richtung höherer Inflation verschoben“, sagte Cook auf einem KI-Politikforum der Stanford University. Als Treiber nannte sie die Auswirkungen der Importzölle vom Vorjahr, gestiegene Ölpreise infolge des Iran-Krieges sowie den wachsenden Energiebedarf durch KI-Rechenzentren.
Für den neuen Fed-Chef Kevin Warsh könnte das zum Problem werden. Trump hatte ihn mit der Erwartung ins Amt gebracht, die Zinsen zu senken – sobald der Iran-Krieg endet und die Energiepreise nachlassen. Mehrere Fed-Mitglieder haben jedoch bereits angedeutet, dass Zinserhöhungen eher wahrscheinlicher werden. Ein interner Dissens zeichnet sich ab.
Notenbank-Unabhängigkeit unter Beobachtung
Parallel dazu rückt die Governance der Fed selbst in den Fokus. Der Generalinspekteur der Zentralbank prüft derzeit, wie der Vorstand die regionalen Fed-Präsidenten und deren Stellvertreter für ihre Fünfjahresmandate wiederernennt. Hintergrund ist Trumps aggressiver Versuch, Druck auf die Fed auszuüben – verbunden mit der Sorge, die Wiederernennungsprozesse könnten genutzt werden, um Notenbankvertreter, die Zinssenkungen ablehnten, aus dem Amt zu drängen.
Der letzte Wiederernennungszyklus wurde Ende vergangenen Jahres abgeschlossen. Alle elf damals zur Abstimmung stehenden Notenbanker wurden einstimmig bestätigt. Die Prüfung des Generalinspekteurs läuft nun dennoch – ein ungewöhnlicher Schritt, der den politischen Druck auf das Federal Reserve System widerspiegelt.
Neuseeland und Sri Lanka: Energieschock trifft kleine Volkswirtschaften
Was in Washington als geldpolitische Debatte geführt wird, ist für kleinere Volkswirtschaften längst handfeste Realität. Neuseeland hat seinen Leitzins in einer knappen Entscheidung bei 2,25 % belassen, warnte aber deutlich vor baldigen Zinserhöhungen. RBNZ-Gouverneurin Anna Breman erklärte vor dem Parlament, Kraftstoffpreise seien derzeit der dominante Inflationstreiber – und es sei offen, ob Unternehmen ihre Kosten flächendeckend weitergeben könnten.
Das Haushaltsbudget, das die Regierung von Premierminister Christopher Luxon am Donnerstag vorlegt, spiegelt diese Enge wider. Weniger als sechs Monate vor der Parlamentswahl am 7. November kämpft die konservative Regierung mit sinkenden Steuereinnahmen, einer über dem Zielband liegenden Inflation und negativen Ausblicken von Fitch und Moody’s für das Sovereign Rating. Die Handlungsspielräume sind klein: Betriebsausgaben werden gekürzt, Behörden sollen Stellen streichen, gleichzeitig plant die Regierung einen Anstieg der Kapitalausgaben um 63 % – unter anderem für Krankenhäuser, Schulen und Verteidigung.
Sri Lanka steht vor ähnlichen Herausforderungen, nur unter deutlich schwierigeren Vorzeichen. Der IWF gab am Mittwoch rund 695 Millionen US-Dollar frei – die fünfte und sechste Tranche aus dem laufenden Kreditprogramm, das die Inselrepublik seit ihrer beispiellosen Staatspleite 2022 stützt. Die Zentralbank Sri Lankas erhöhte erst am Vortag den Leitzins um einen vollen Prozentpunkt – die erste Straffung seit drei Jahren. Der Grund: Importierte Inflation durch steigende Energiepreise und ein schwächerer Wechselkurs, beide direkte Folge des Iran-Krieges.
US-Sanktionen: Effizienz statt Maximaldruck
Abseits der Geldpolitik setzt das US-Finanzministerium ein anderes Signal. Es überprüft seine Sanktionslisten und kündigt an, rund 80 veraltete Einträge zu streichen – darunter verstorbene Personen und aufgelöste Unternehmen. Die sogenannte SDN-Liste umfasst aktuell mehr als 17.000 Namen; zwischen 2017 und 2024 stieg die Zahl der jährlichen Neuzugänge von 880 auf über 3.000.
Finanzminister Scott Bessent hatte diese Richtung bereits in Paris angedeutet: Sanktionen seien kein „Ewigkeitsinstrument“. Das Ministerium will sich künftig stärker auf wirtschaftlich und sicherheitspolitisch wirksame Ziele konzentrieren, statt Banken mit kaum zu screenenden Einträgen zu belasten.
Das übergreifende Bild
Die Querschnittsbotschaft dieser Woche lautet: Der Iran-Krieg wirkt als globaler Verstärker – für Inflation, für geldpolitische Unsicherheit, für fiskalische Engpässe. Während die Fed das nächste Zinsschritt noch offen lässt, bereiten sich andere Notenbanken von Wellington bis Colombo bereits auf die Konsequenzen vor.
Wie weit der Energiepreisschock in die Kerninflatíon durchsickert, bleibt die entscheidende Frage. Cooks Bereitschaft zur Zinserhöhung macht deutlich: Die Notenbanker wollen diesmal nicht hinter der Kurve bleiben.
