Der Iran-Krieg und heiße Inflationsdaten machen der US-Notenbank das Leben schwer. Die Federal Reserve ließ die Zinsen am Mittwoch erwartungsgemäß unverändert bei 3,50 bis 3,75 Prozent – doch die Ruhe ist trügerisch. Im Hintergrund brodelt ein gefährlicher Mix aus eskalierendem Nahost-Konflikt, steigenden Erzeugerpreisen und tief gespaltenen Notenbanken.
Heiße Preisdaten befeuern Zinssorgen
Kurz vor dem Fed-Entscheid lieferte das Arbeitsministerium einen ungemütlichen Datenpunkt: Der Erzeugerpreisindex (PPI) kletterte im Februar um 0,7 Prozent gegenüber dem Vormonat – mehr als doppelt so stark wie die erwarteten 0,3 Prozent. Im Jahresvergleich liegt der PPI bei 3,4 Prozent, dem höchsten Stand seit einem Jahr. Besonders Dienstleistungen treiben die Preise: Hotelübernachtungen verteuerten sich im Großhandel um 5,7 Prozent, Transportkosten stiegen ebenfalls spürbar.
Das Problem dabei: Diese Daten spiegeln die Zeit vor dem massiven Ölpreisanstieg infolge des Iran-Krieges wider. „Krieg treibt Inflation durch die gesamte Wirtschaft“, kommentierte Investmentstratege Ross Gerber. „Das wird nicht vorübergehend sein.“ Ökonomen schätzen, dass die bevorzugte Inflationskennzahl der Fed – der Kernpreisindex der persönlichen Konsumausgaben (PCE) – im Februar um 0,4 Prozent gestiegen ist. Das wäre der dritte Monat in Folge mit diesem Tempo, doppelt so schnell wie nötig, um das 2-Prozent-Ziel zu erreichen.
Die Fed zwischen zwei Feuern
Die aktualisierten Projektionen der Notenbanker zeichnen ein düsteres Bild. Die Inflationsprognose für Jahresende wurde von 2,4 auf 2,7 Prozent angehoben. Die Kern-PCE-Inflation, die Energie und Nahrungsmittel ausklammert, wird nun ebenfalls bei 2,7 Prozent gesehen – nach zuvor 2,5 Prozent. Gleichzeitig erhöhten die Währungshüter ihre Wachstumsprognose für 2026 leicht auf 2,4 Prozent.
Ökonom Joseph Brusuelas von RSM bringt das Kernproblem auf den Punkt: „Ein Energieschock ist der Albtraum jedes Zentralbankers. Er schafft Spannung zwischen einem wackelnden Arbeitsmarkt und steigender Inflation.“ Die Fed sieht die Ölpreisauswirkungen als temporär – ein Urteil, das nicht alle teilen. Brian Jacobsen von Annex Wealth Management zweifelt: „Sie projizieren 0,3 Prozentpunkte höhere Inflation ohne nennenswerte Wachstumsbremse. Das könnte zu optimistisch sein.“
Besonders brisant: Erstmals seit zweieinhalb Jahren pencilte ein Fed-Mitglied eine Zinserhöhung für das kommende Jahr ein. Eine Minderheitsmeinung, gewiss – aber ein Signal. Sieben der 19 Notenbanker sehen die Zinsen bis Jahresende unverändert, sieben weitere erwarten eine Senkung um einen Viertelprozentpunkt, fünf plädieren für mindestens zwei Schritte nach unten. Die Spaltung ist real.
Öl, Krieg und Eskalation
Was die Lage besonders heikel macht: Während die Fed tagte, erreichten neue Meldungen aus dem Nahen Osten die Handelssäle. Israelische Streitkräfte haben nach Berichten Irans riesiges South-Pars-Gasfeld – das größte der Welt – angegriffen. Das ist der erste gemeldete Angriff auf iranische Energieinfrastruktur im Persischen Golf seit Kriegsbeginn Ende Februar. Brent-Öl schoss daraufhin auf fast 110 Dollar pro Barrel, bevor leichte Entspannungssignale die Gewinne etwas reduzierten. Zum Handelsschluss notierte Brent rund 3,6 Prozent höher bei gut 107 Dollar.
Der Iran drohte im Gegenzug mit Angriffen auf Energieanlagen in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar. Letzteres verurteilte den Angriff scharf: South Pars und das katarische North Field sind verbunden – ein Angriff dort ist ein Angriff auf globale Gasversorgung. Präsident Trump reagierte mit einer 60-tägigen Aussetzung des Jones Act, einer alten US-Schifffahrtsregulierung, um Treibstoff und Dünger freier bewegen zu können.
Aktienmärkte unter Druck, Tech-Werte stemmen sich dagegen
Wall Street schloss tief im Minus. Der Dow Jones verlor gut ein Prozent auf 46.520 Punkte, der S&P 500 gab 0,73 Prozent nach, der Nasdaq fiel um 0,71 Prozent. Das Volatilitätsbarometer CBOE VIX stieg auf 23,2 Punkte – ein Zeichen anhaltender Marktnervosität.
Einzelwerte boten ein anderes Bild. AMD gewann 3,2 Prozent nach einer erweiterten Partnerschaft mit Samsung für KI-Infrastruktur. Nvidia stieg 0,5 Prozent, nachdem Peking grünes Licht für den Verkauf leistungsstarker KI-Chips in China gab. Lululemon legte 5,5 Prozent zu, Macy’s kletterte 4,5 Prozent nach besser als erwartetem Quartalsergebnis.
Zentralbanken weltweit unter Zugzwang
Die Fed steht nicht allein vor diesem Dilemma. Die Bank of Canada hielt ihren Leitzins bei 2,25 Prozent stabil, aber Gouverneur Tiff Macklem machte klar: Sollten die Energiepreise dauerhaft hoch bleiben und in breitere Preissteigerungen überschwappen, werde man nicht zögern, die Zinsen anzuheben. „Wirtschaftliche Schwäche kombiniert mit steigender Inflation ist das Dilemma der Zentralbanken“, sagte Macklem. Geldmärkte preisten daraufhin eine höhere Wahrscheinlichkeit einer kanadischen Zinserhöhung ab Sommer ein.
Die Reserve Bank of Australia hatte bereits am Vortag zum zweiten Mal in Folge die Zinsen erhöht – auf 4,1 Prozent – und explizit auf Inflationsrisiken durch den Iran-Krieg hingewiesen. EZB, Bank of England und Schweizer Nationalbank stehen in den kommenden Tagen ebenfalls vor ihren Entscheidungen.
Was bleibt offen
Die entscheidende Frage ist nicht, ob die Fed dieses Mal die Zinsen hielt. Sie lautet: Wie lange kann die Notenbank die Energiepreisinflation als vorübergehend einstufen – wenn der Krieg weitergeht, die Straße von Hormus blockiert bleibt und die Erzeugerpreise jeden Monat neue Hochs markieren? Fed-Chef Powell wird bei seiner Pressekonferenz keine einfachen Antworten liefern können. Der Markt wartet dennoch auf jedes seiner Worte.
