Startseite » Anleihen » EZB lockt Welt mit Euro-Liquidität

EZB lockt Welt mit Euro-Liquidität

Die Europäische Zentralbank erweitert ihr Liquiditätsnetzwerk für ausländische Zentralbanken, um den Euro als Handels- und Reservewährung zu fördern. Dies ist Teil einer breiteren Wirtschaftsdiplomatie-Strategie der EU.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • EZB erweitert Euro-Repo-Fazilität für globale Partner
  • Strategie zur Stärkung des Euro als Reservewährung
  • Reaktion auf geopolitische Unsicherheiten um den Dollar
  • EU-Finanzminister beraten über weitere Maßnahmen

Die Europäische Zentralbank erweitert ihre Finanzinfrastruktur – und sendet damit ein klares Signal: Der Euro soll zur echten Alternative zum Dollar werden. Was auf den ersten Blick wie ein technisches Detail wirkt, entpuppt sich als strategischer Schachzug in einer Zeit, in der Washingtons Verlässlichkeit zunehmend infrage gestellt wird.

Liquiditätsnetz als geopolitische Waffe

Die EZB arbeitet an einer großzügigeren Ausgestaltung ihrer Euro-Repurchase-Agreements, über die ausländische Zentralbanken in Krisenzeiten an Euro-Liquidität gelangen. Das bislang auf acht Nachbarländer wie Rumänien, Ungarn oder Albanien begrenzte Eurep-System soll deutlich erweitert werden. Konkret bedeutet das: niedrigere Zinsen, einheitlichere Regeln und vor allem deutlich höhere Kreditlimits.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde spricht vom „globalen Moment“ des Euro – eine Formulierung, die angesichts der unberechenbaren US-Wirtschaftspolitik unter Präsident Donald Trump an Brisanz gewinnt. Denn während die Federal Reserve traditionell über Swap-Linien Dollar-Liquidität bereitstellt, wächst weltweit die Unsicherheit, ob man sich auf Washington noch verlassen kann.

„Angesichts der zunehmenden Gefahr einer Instrumentalisierung des internationalen Währungs- und Finanzsystems muss die EU handeln“, heißt es in einem Papier der EU-Kommission, das den Finanzministern der Eurozone vorgelegt wird. Die Botschaft ist unmissverständlich: Europa will unabhängiger werden – und bietet dafür eine vollständige Finanzinfrastruktur.

Mehr als nur Technik: Eine Wirtschaftsdiplomatie-Offensive

Die Initiative fügt sich nahtlos in Europas breitere Strategie ein, den Euro als Handels- und Reservewährung zu stärken. Ludovic Subran, Chefanlagestratege bei Allianz, bringt es auf den Punkt: „Wenn wir neben Freihandelsabkommen auch eine Repo-Fazilität anbieten könnten, wäre das intelligent. Wenn wir Wirtschaftsdiplomatie betreiben wollen, gehört das volle Programm dazu – einschließlich dessen, was wir für den Euro tun können.“

Die EU-Finanzminister werden am 16. Februar über weitreichende Maßnahmen diskutieren: Euro-denominierte Stablecoins, mehr gemeinschaftliche EU-Schulden und die Förderung von Euro-Anleihen außereuropäischer Emittenten stehen auf der Agenda. Derzeit liegt der Euro-Anteil am globalen Reservevermögen bei rund 20 Prozent – der Dollar dominiert mit 60 Prozent. Doch diese Verhältnisse könnten sich verschieben.

Das Timing ist kein Zufall. Während Trump mit seiner Nominierung von Kevin Warsh als künftigem Fed-Chef Märkte nervös macht – Warsh gilt als Kritiker aggressiver Zinssenkungen –, positioniert sich die EZB als stabilerer Partner. Der Dollar-Index erreichte in dieser Woche Zweiwochenhochs, getrieben von Safe-Haven-Strömen nach einem Tech-Ausverkauf. Doch traditionelle Fluchtwährungen wie Yen und Schweizer Franken verloren an Anziehungskraft, während der Euro bei 1,179 Dollar notiert.

Risiken einer größeren Rolle

Doch mit größerer Verantwortung kommen auch Risiken. Die EZB könnte sich denselben unangenehmen Fragen stellen müssen, die die USA seit Jahrzehnten begleiten: Was passiert, wenn ausländische Schuldner mit ihren Euro-Verbindlichkeiten in Schwierigkeiten geraten? Der berühmte Satz von US-Finanzminister John Connally von 1971 – „Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem“ – zeigt die Ambivalenz globaler Währungshegemonie.

„Die EZB hat recht, vor Euroisierung vorsichtig zu sein, weil der Euro keine ausgereifte Währung ist“, warnt Rebecca Christie von der Denkfabrik Bruegel. Anders als der Dollar fehlt dem Euro eine zentrale Staatsgewalt oder gemeinsame Einlagensicherung – Narben der Schuldenkrise Anfang der 2010er Jahre, die noch immer spürbar sind.

Die Kredite würden zwar nur gegen hochwertige, euro-denominierte Sicherheiten vergeben, was Kredit- und Währungsrisiken begrenzt. Doch bei Problemen in einem Land, das den Euro einseitig übernommen hat, könnten europäische Regierungen und Zentralbanker politisch unter Druck geraten.

Märkte zwischen Tech-Ausverkauf und Rezessionssorgen

Während die EZB strategisch agiert, kämpfen die Märkte mit konkreten Belastungen. Die wöchentlichen Verluste an den Aktienmärkten sind die heftigsten seit November – Auslöser ist die massive Ausweitung der KI-Investitionen. Amazon kündigte an, 200 Milliarden Dollar in seine KI-Infrastruktur zu pumpen, ein Plus von über 50 Prozent. Die vier großen Hyperscaler – Amazon, Microsoft, Google und Meta – werden 2026 zusammen über 630 Milliarden Dollar ausgeben.

„Große Prüfung der Tech-Ausgaben, KI-Disruptions-Risiko in Software über Produktivitätshype hinaus, und ein silbergetriebener Liquiditäts-/Margin-Flush“, fasst Charu Chanana von Saxo zusammen. „Das sieht nach einem Positionierungs-Flush aus, bei dem die gleichen überfüllten Positionen über verschiedene Anlageklassen hinweg abgebaut werden.“

Bitcoin fiel auf den niedrigsten Stand seit Oktober 2024 und verlor wöchentlich rund 13 Prozent – der stärkste Rückgang seit November 2022. Selbst Gold, klassischer Safe Haven, wurde mitgerissen.

Europas Schwächen zeigen sich im Bau

Die strukturellen Herausforderungen Europas zeigen sich derweil im Bausektor. Frankreichs Construction PMI verharrt bei 43,5, Italiens bei 47,7 – beide deutlich unter der Wachstumsschwelle von 50. In Frankreich erwarten 32 Prozent der Bauunternehmen in einem Jahr niedrigere Aktivität, nur 13 Prozent rechnen mit Wachstum.

„Die Krise im französischen Bausektor dürfte sich 2026 fortsetzen“, kommentiert Jonas Feldhusen von der Hamburg Commercial Bank. Einziger Hoffnungsschimmer: Sollte der Dollar weiter schwächeln, könnte die EZB Spielraum für zusätzliche Zinssenkungen bekommen.

Auch die EZB-Entscheider zeigen sich besorgt. „Es gibt ein echtes Risiko niedrigerer Inflation als erwartet“, warnte der finnische Notenbankchef Olli Rehn. Die sinkenden Löhne, billige chinesische Importe und der starke Euro gegenüber dem Dollar drückten auf die Preise. Im Januar fiel die Inflation auf 1,7 Prozent – unter dem 2-Prozent-Ziel.

Doch während Europa an seinen Baustellen arbeitet, nutzt es gleichzeitig die Schwäche des Dollars. Chinesische Autobauer wie Chery, die 2026 in Spanien mit der Produktion beginnen, sind nur ein Beispiel für die Neuausrichtung globaler Lieferketten. Die verzögerte Produktion – ursprünglich für 2024 geplant – zeigt, wie EU-Zölle auf chinesische E-Autos die Pläne durcheinanderwirbeln.

Der Euro mag noch keine „ausgereifte Währung“ sein, wie Christie warnt. Doch in einer Welt, in der Verlässlichkeit zum knappen Gut wird, könnte genau das zur Stärke werden.

Andreas Sommer

Mit über 40 Jahren Erfahrung im Bankwesen und Börsenjournalismus gehöre ich zu den etablierten Analysten im deutschsprachigen Raum. Nach mehr als zehn Jahren als Wertpapierberater bei der Deutschen Bank spezialisierte ich mich seit dem Börsencrash 1987 auf technische Analyse und charttechnische Methoden.

Als ehemaliger Chefredakteur mehrerer Börsenpublikationen entwickelte ich den "Aktienführer Neuer Markt" mit und führe heute einen Börsendienst, der sich auf wachstumsstarke Unternehmen fokussiert. Mein wöchentliches Markt-Barometer analysiert systematisch DAX, Dow Jones, Ölpreis, Währungen und Marktstimmung, um präzise Orientierung zu bieten.

Die Ergebnisse sprechen für sich: Leser meines Börsendienstes erzielten über zwei Jahrzehnte einen durchschnittlichen Depotzuwachs von +576%. Meine rechtzeitigen Warnungen vor dem Crash 2008 halfen vielen Anlegern, Verluste zu minimieren.

Heute teile ich meine Expertise durch den Newsletter "Chartanalyse-Trends", den Börsendienst "Momentum Trader", Vorträge auf Messen wie der Invest Stuttgart sowie YouTube-Videos. Mein "Timing is Money"-Ansatz identifiziert optimale Ein- und Ausstiegszeitpunkte für Aktien, Gold, Kryptowährungen und weitere Anlageklassen.