Die Europäische Zentralbank dürfte ihren Leitzins an diesem Donnerstag bei 2,5 Prozent belassen – trotz spürbar gestiegener Teuerungsraten im Euroraum. Währungshüter und Ökonomen rechnen damit, dass der Rat den Einlagensatz am Nachmittag unverändert bestätigt. Die Notenbank wägt derzeit akute Inflationsrisiken gegen wachsende Gefahren für Konjunktur und Finanzstabilität ab.
Energiepreise treffen auf schwächelnde Konjunktur
Der Preisdruck im Euroraum hat zuletzt wieder deutlich angezogen. Im September kletterte die Inflationsrate auf 3,8 Prozent und liegt damit spürbar über dem offiziellen Ziel der Notenbank von 2,0 Prozent. Getrieben wird dieser Anstieg vor allem durch teurere Energie infolge des Kriegs im Iran. Die Kerninflation, die volatile Energie- und Lebensmittelpreise ausklammert, verharrte seit Mai in einer Spanne zwischen 2,4 Prozent und 2,7 Prozent.
Höhere Zinsen verteuern Kredite und bremsen Investitionen zusätzlich aus. Genau dieser Bremseffekt könnte nun ausreichen, um die Teuerung mittelfristig einzudämmen. Parallel dazu belasten gestiegene langfristige Renditen an den Anleihemärkten die Finanzierungsbedingungen der Unternehmen und schwächen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage.
Politische Spannungen in Paris belasten die Märkte
Ein weiterer Grund für die Zinspause liegt in der angespannten Lage Frankreichs. In der zweitgrößten Volkswirtschaft des Euroraums haben Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten zu schweren Ausschreitungen geführt. Vor den für April 2027 anstehenden Präsidentschaftswahlen steht die Regierung zudem haushaltspolitisch unter Druck.
Die Aufnahme neuer Kredite an den Finanzmärkten hat sich für den hoch verschuldeten Staat drastisch verteuert. Marktbeobachter rechnen damit, dass EZB-Präsidentin Christine Lagarde die Mechanismen zur Absicherung der geldpolitischen Wirkung betonen wird. Dazu zählen bestehende Notfallprogramme wie das Instrument zum Schutz der Transmission (TPI) und gezielte Anleihekäufe (OMT), die bislang noch nie aktiviert wurden.
Aufschluss über den künftigen Zinspfad dürften erst die neuen Inflations- und Konjunkturprognosen im Dezember geben. Bis dahin verschafft sich die EZB Zeit, um die Zweitrundeneffekte der Energiepreise auf die Gesamtwirtschaft präziser einzuschätzen.
