Ein Unternehmen, das binnen weniger Wochen CEO, Chairman und COO wechselt, während es sich gleichzeitig in eine milliardenschwere Übernahme hineinmanövriert – das klingt nach Chaos. Bei Diginex wirkt es fast wie Choreografie. Und genau das ist die eigentliche Geschichte hinter dem Kurssprung der vergangenen Handelstage.
Am Freitag legte die Aktie um 8,7 Prozent zu, auf Wochensicht steht ein Plus von 25 Prozent zu Buche. Diginex ist damit binnen weniger Tage zu einem der auffälligsten Nebenwerte an der Nasdaq geworden – bei einer Marktkapitalisierung von umgerechnet nur 34,11 Millionen Euro reichen schon moderate Kapitalzuflüsse für solche Ausschläge. Die annualisierte Volatilität von 116 Prozent über die letzten 30 Tage zeigt, wie nervös der Markt dieses Papier derzeit handelt.
Ein Führungswechsel, der zum Muster wird
Vor gut drei Wochen verließ COO Jacob Friedman das Unternehmen, Gray Bridges übernahm interimistisch als CTO. Nun folgte der nächste Wechsel an der Spitze: Lubomila Jordanova, erst im Januar zur CEO ernannt, trat zum 31. August ab und wechselt in die Rolle einer strategischen Beraterin. Archana Kotecha, bislang Chief Impact Officer, führt das Unternehmen nun interimistisch.
Man könnte das als Führungskrise lesen. Wahrscheinlicher ist eine andere Erklärung: Diginex bereitet sich auf seine eigene Auflösung als eigenständiges Unternehmen vor – jedenfalls in der bisherigen Form. Denn der eigentliche Umbau findet nicht im Vorstand statt, sondern im Kapitalstamm.
Die Übernahme, die den Bilanzträger wechselt
Kern der Transaktion ist der im August unterzeichnete Amended & Restated Share Purchase Agreement, mit dem Diginex Resulticks Global Companies für 1,05 Milliarden US-Dollar übernimmt – bezahlt in 600 Millionen neuen Diginex-Aktien zu je 1,75 US-Dollar.
Der Clou: Nach Abschluss werden die Resulticks-Aktionäre und die Investoren einer parallelen 50-Millionen-Dollar-Finanzierung rund 86 Prozent der vergrößerten Gesellschaft halten. Formal übernimmt Diginex, faktisch wird Diginex übernommen.
Konsequenterweise soll Redickaa Subrammanian, Mitgründerin und CEO von Resulticks, künftig auch die kombinierte Gesellschaft führen. Chairman Miles Pelham tritt ab. Vor diesem Hintergrund liest sich der Rückzug Jordanovas weniger als Führungskrise denn als geordnete Übergabe an die neue Mehrheitseigentümerstruktur.
Am 27. August reichte Diginex den Antrag bei der Nasdaq ein, der die Genehmigung für den Kontrollwechsel durch die Übernahme einholen soll. Genau diese Meldung, veröffentlicht Anfang September, dürfte den Markt in dieser Woche bewegt haben – auch wenn ein einzelner, von Leitmedien bestätigter Auslöser für den Tagesgewinn vom Freitag nicht klar auszumachen ist. Der Antrag markiert aber einen der letzten formalen Meilensteine vor dem für Ende Oktober angepeilten Abschluss der Transaktion.
Zwischen Wachstum und Verlusttiefe
Was den Deal aus Anlegersicht interessant macht, ist der Kontrast zwischen der bisherigen Diginex-Substanz und dem, was sie kaufen soll. Vor gut einer Woche legte das Unternehmen seine Zahlen für das per Ende März abgelaufene Geschäftsjahr vor: Der Umsatz wuchs um 77 Prozent auf 3,6 Millionen US-Dollar, gleichzeitig weitete sich der Nettoverlust auf 31,1 Millionen US-Dollar aus, nach 5,2 Millionen im Vorjahr.
Die Mitarbeiterzahl stieg von 32 auf 114. Diginex bleibt damit ein kleines, schnell wachsendes, aber tief unrentables Unternehmen – während es sich gleichzeitig ein Vielfaches seiner eigenen Größe einverleibt.
Finanziert wird das Ganze auch über frisches Kapital: 25,4 Millionen US-Dollar flossen aus der Ausübung von IPO-Warrants zu, dazu ist eine weitere Kapitalerhöhung über 20 Millionen US-Dollar in Aktien und Warrants geplant. Parallel sicherten sich Diginex und Resulticks zusammen 70 Millionen US-Dollar an privaten Finanzierungszusagen als Bedingung für den Abschluss.
Was bleibt, ist ein Unternehmen im permanenten Umbau – personell, kapitalmäßig und strukturell. Die Frage, die sich Beobachter stellen dürfen, ist weniger, ob der Deal gelingt, sondern wessen Unternehmen am Ende tatsächlich unter dem Namen Diginex an der Nasdaq notiert.
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