Sehr geehrte Damen und Herren,
162 Milliarden Euro Auftragsbestand bei Siemens Energy, ein Polizeischutz für den Rheinmetall-Chef und eine gesenkte Umsatzprognose binnen derselben Woche – wer die vergangenen vier Handelstage verfolgt hat, weiß: Was den DAX aktuell nach oben trägt, ist keine diffuse KI-Fantasie, sondern knallharte, bezifferbare Nachfrage nach Sicherheit und Energie-Infrastruktur. Und diese Prämie hat einen Preis, der sich von der Straße von Hormus bis zu einzelnen Rüstungsprogrammen zieht.
Rheinmetall: Sicherheitsboom mit Kratzern im Lack
Kein Titel demonstriert das eindrücklicher als Rheinmetall – im Guten wie im Schlechten. Nachdem am Flughafen Leipzig/Halle am Freitag erstmals in Deutschland eine Sprengstoff-Drohne entdeckt worden war, entbrannte über das Wochenende eine Debatte über zentrale Drohnenabwehr, die CDU-Politiker beim Bundesinnenministerium verortet sehen wollen. Am Montag wurde bekannt, dass Konzernchef Armin Papperger wegen mutmaßlicher russischer Mordpläne unter Polizeischutz steht; der Verfassungsschutz warnt vor Sabotageakten gegen Rüstungsunternehmen. Papperger selbst hält an seinem bis Ende 2029 laufenden Vertrag fest und verweist auf rund 120 Regierungen als Kunden.
Am Auftragsbuch lässt sich das ablesen: Deutschland und die Niederlande bestellten am Freitag 60 weitere Boxer-Radschützenpanzer RCT 30 – die Bundeswehr kommt damit auf 150 Einheiten, die Niederlande auf 34, das Gesamtvolumen des Deals von 12,4 Milliarden Euro soll bis Jahresende unterschriftsreif sein. Operativ musste der Konzern aber zugleich einen Dämpfer einräumen: Nach dem Aus des Fregattenprogramms F126 senkte Rheinmetall seine Umsatzprognose für 2026 auf 13,7 bis 14,2 Milliarden Euro, zuvor waren 14 bis 14,5 Milliarden angepeilt – rund 300 Millionen Euro Umsatz fallen weg. Das erste Halbjahr selbst war mit einem Umsatzplus von 39 Prozent auf über 5 Milliarden Euro und einem operativen Ergebnis von 786 Millionen Euro (plus 74 Prozent) stark, der Auftragsbestand liegt über 80 Milliarden Euro. Für Anleger heißt das: Der Sicherheitsboom ist real und im Orderbuch sichtbar, aber selbst der größte europäische Rüstungskonzern bleibt anfällig für programmspezifische Rückschläge. Einzeltitel-Selektion bleibt Pflicht, nicht Kür.
Der Sicherheitsboom, der Rheinmetalls Auftragsbücher füllt, ist nur eine Facette eines größeren Trends: Auch Energieinfrastruktur rückt zunehmend als strategischer Schutzfaktor in den Fokus. Ein kostenloser Report zeigt, wie Wasserstoff-Technologie zum Schlüssel für Energiesicherheit und lukrative Investmentchancen im Verteidigungssektor wird. Jetzt Gratis-Report sichern
Siemens Energy und Siemens AG: Die andere Seite der Infrastruktur-Prämie
Während Rheinmetall für die Sicherheitskomponente steht, liefern Siemens Energy und die Siemens AG den Beweis für die zweite Säule: Beide legten in der vergangenen Woche Rekordquartale vor. Siemens Energy meldete einen Auftragseingang von 17,9 Milliarden Euro, einen operativen Gewinn von 1,6 Milliarden Euro (Vorjahr: 497 Millionen) und einen Auftragsbestand von 162 Milliarden Euro; die Windkraft-Tochter Gamesa schrieb erstmals seit 2022 wieder schwarze Zahlen. Bemerkenswert ist ein Detail aus dem Kleingedruckten: Rund 20 Prozent der Gasturbinen-Nachfrage kommt inzwischen direkt aus dem Bau von KI-Rechenzentren. Der KI-Kapitalzyklus materialisiert sich hier nicht als Bewertungsphantasie, sondern als konkrete Industrieorder. Deutsche Bank und RBC/Bernstein setzten ihr Kursziel nach den Zahlen auf 210 Euro, JPMorgan sogar auf 245 Euro; am Montag notierte die Aktie bei 157,80 Euro, rund 20 Prozent über ihrem jüngsten Tief.
Auch die Siemens AG übertraf mit einem Auftragseingang von 27,9 Milliarden Euro (plus 14 Prozent) und einem Nettogewinn von 2,6 Milliarden Euro (plus 15 Prozent) die Erwartungen und hob die EPS-Prognose für das Geschäftsjahr 2026 auf 11,20 bis 11,50 Euro an – UBS reagierte mit einer Zielanhebung auf 330 Euro, BofA zog nach. Passend dazu investiert der Konzern über 200 Millionen US-Dollar in zwei neue US-Werke für Rechenzentrums-Elektrik; der Auftragseingang in diesem Segment hat sich in den ersten neun Monaten 2026 auf 6 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Für Anleger, die der reinen Halbleiter-Bewertungsdebatte skeptisch gegenüberstehen, bieten beide Werte eine Art Schaufel-und-Spaten-Exposure zum KI-Ausbau – mit belastbaren Auftragsbüchern statt Multiple-Fantasie.
DAX-Rekord, Exporte und die Hormus-Gefahr
Dass der DAX Anfang der Woche erneut nahe der 26.400-Punkte-Marke pendelte, nachdem er bereits am vergangenen Freitag ein Rekordhoch touchiert hatte, ist deshalb weniger eine Frage der Indexmechanik als der Ergebnisqualität dahinter. SAP trieb den Index am Freitag mit einem Kurssprung von gut vier Prozent, während Daimler Truck und Allianz am selben Tag nachgaben – ein Beleg dafür, dass die Rally selektiv bleibt statt breit getragen zu werden. Untermauert wird die Substanz durch die Realwirtschaft: Deutschlands Exporte legten im Mai/Juni-Vergleich um 0,9 Prozent zu, im Jahresvergleich sogar um 6,6 Prozent.
Die Kehrseite bleibt geopolitisch. Nachdem US-Präsident Trump am Montag mit neuen Entschädigungsforderungen an Iran den Ton verschärfte, rückte eine Wiedereröffnung der Straße von Hormus in weitere Ferne. US-Rohöl kletterte auf über 83 Dollar je Barrel, Gold bewegte sich weiter in Richtung Rekordniveau. Diese Gemengelage nährt indirekt genau jene Sicherheits- und Rohstoff-Prämie, die Rüstungs- und Energiewerte stützt – ist aber zugleich das größte Abwärtsrisiko für die gesamte Rekordjagd.
KI-Kapital wird handfest: Intel, Riot Platforms und die Krypto-Reaktion
Wie konkret der KI-Infrastrukturboom inzwischen in Kapitalmaßnahmen mündet, zeigten zwei US-Meldungen vom Montagabend. Intel platzierte eine auf 20 Milliarden Dollar aufgestockte Aktienkapitalerhöhung – ursprünglich waren 15 Milliarden angekündigt – zu 95 Dollar je Aktie und begab dafür gut 210,5 Millionen neue Anteile plus eine Option auf weitere 31,6 Millionen; das Geld soll den teuren Ausbau der Foundry-Sparte finanzieren, mit der Intel TSMC herausfordern will. Praktisch zeitgleich meldete Riot Platforms einen 20-jährigen Rechenzentrums-Mietvertrag mit einem laut Unternehmen „führenden KI-Labor“ – Berichten zufolge Anthropic – über rund 9,1 Milliarden Dollar Gesamtvertragswert, abgesichert durch 191 Megawatt Kapazität am texanischen Standort Rockdale mit Laufzeit bis 2048 und Erweiterungsoptionen, die den Wert auf bis zu 16,1 Milliarden Dollar heben könnten; die Aktie schoss nachbörslich um 25 Prozent nach oben. Beide Fälle zeigen, wie viel physisches Kapital derzeit in Fabriken und Rechenzentrumsverträge fließt – ein nüchterner Gegenpol zur reinen Bewertungsdebatte um KI-Aktien, wenn auch mit dem Kehrseiten-Argument der Verwässerung bei Intel.
Wenn Siemens Energy einen Fünftel seiner Gasturbinen-Nachfrage aus dem Bau von KI-Rechenzentren zieht und Intel Milliarden in den Ausbau seiner Foundry-Sparte steckt, wird deutlich: Die nächste industrielle Revolution ist längst im Gange. Ein kostenloser Report zeigt, welche Unternehmen aus Robotik und KI-Infrastruktur am stärksten von diesem Milliarden-Investitionszyklus profitieren. Kostenlosen Report jetzt herunterladen
Am Kryptomarkt spiegelte sich die Iran-Unsicherheit unmittelbar. US-Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten in der Woche bis Sonntag mit rund 850 Millionen Dollar die stärksten Zuflüsse seit vier Monaten – ausgerechnet nach einem Hack einer Coldcard-Hardware-Wallet mit einem geschätzten Schaden von rund 130 Millionen Dollar. Dennoch fiel Bitcoin am Dienstag um 1,7 Prozent auf rund 64.000 Dollar und unterschritt diese Marke zeitweise, weil die Hoffnung auf eine Öffnung der Straße von Hormus schwand und Strategy, der größte konzerneigene Bitcoin-Halter, weitere Bestände im Wert von rund 109 Millionen Dollar verkaufte – bei einer verbleibenden Barreserve von 4,65 Milliarden Dollar. Institutionelle ETF-Nachfrage trifft damit auf opportunistische Verkäufe gehebelter Unternehmenshalter, während geopolitisches Risiko den Kryptomarkt inzwischen genauso direkt bewegt wie Aktien.
Randrisiken: Metas Milliardenstrafe und die Halbleiter-Bewertungsschere
Regulatorisch bleibt Meta ein Unsicherheitsfaktor. Ein Gericht in New Mexico verurteilte den Konzern am Freitag zu einer zusätzlichen Zahlung von 567 Millionen Dollar in einen Jugend-Mental-Health-Fonds, zusätzlich zu einer bereits im März verhängten Strafe von 375 Millionen Dollar – macht in Summe 942 Millionen Dollar. Die Richterin stufte Meta als „Public Nuisance“ ein und verpflichtet den Konzern für fünf Jahre zu Nutzungsobergrenzen für Minderjährige, versteckten Like-Zahlen und nächtlichen Sperren von Push-Benachrichtigungen; Meta kündigte Berufung an. Für Anleger ist das ein Beleg dafür, dass bundesstaatliche Klagerisiken bei Big Tech zunehmend real und wiederkehrend werden – ein Kostenfaktor, der sich in Modellrechnungen niederschlagen sollte, selbst wenn das operative Geschäft weiterhin hochprofitabel bleibt.
Im Halbleitersektor zeigte sich derweil, wie weit Analystenmeinungen auseinanderklaffen können. Infineon steigerte den Quartalsumsatz auf 4,17 Milliarden Euro und die Segmentmarge auf 19,1 Prozent nach 17,1 Prozent im Vorquartal, bestätigte die Jahresprognose von rund 16,3 Milliarden Euro Umsatz – und löste eine Welle von Kurszielanhebungen aus: Bernstein auf 102 Euro, Berenberg auf 100 Euro, Jefferies und JPMorgan auf 96 Euro, Goldman Sachs auf 91 Euro. UBS bildet mit einem Ziel von lediglich 64 Euro einen auffälligen Ausreißer. Bei Wacker Chemie beließ JPMorgan die Einstufung dagegen trotz echten Rückenwinds bei Underweight mit Kursziel 60 Euro: Neue US-Mindestimportpreise für Polysilizium oberhalb des chinesischen Exportniveaus könnten bei einem US-Werk das Ebitda um jährlich 40 bis 50 Millionen Euro steigern – das reicht offenbar nicht, um die grundsätzlich skeptische Haltung zu kippen.
Das große Bild
Zwei Termine entscheiden diese Woche, ob die Sicherheits- und Infrastruktur-Prämie ihre Rekordjagd fortsetzen kann. Am Mittwoch werden die US-Verbraucherpreise für Juli veröffentlicht – ein wichtiger Test dafür, ob die an den Swap-Märkten eingepreisten Zinssenkungserwartungen Bestand haben. Am Donnerstag folgt die EZB-Sitzung, bei der laut Beobachtern vor allem die Reduzierung der Anleihekäufe im Fokus stehen dürfte – für die Rentenmärkte die wichtigste Weichenstellung der Woche. Der eigentliche Wildcard-Faktor bleibt aber die Straße von Hormus: Eine Lösung oder weitere Eskalation dürfte Öl, Gold und Risikoappetit gleichermaßen und abrupt neu bepreisen. Rheinmetall und Siemens Energy haben in dieser Woche gezeigt, dass die Auftragsbücher echt sind. Ob die Prämie darauf tragfähig bleibt, entscheidet sich nicht an der Frankfurter Börse, sondern zwischen Teheran und Washington.
