Selten klafft die Wahrnehmung von Unternehmen und Kapitalmarkt so weit auseinander wie derzeit bei der Deutschen Telekom. Auf der einen Seite ein Konzern, der Quartal für Quartal liefert, Milliarden in den Netzausbau steckt und Aktien im großen Stil zurückkauft. Auf der anderen Seite Analysten, die trotz anerkannter operativer Stärke ihre Kursziele kappen. Genau dieser Widerspruch prägt die aktuelle Debatte um die Bonner Aktie.
Barclays lieferte dafür gestern das jüngste Beispiel: Die Bank senkte ihr Kursziel für die Deutsche Telekom von 36 auf 35 Euro, beließ die Einstufung aber bei „Overweight“. Bemerkenswert ist die Begründung. Die Analysten sehen die Überzeugung des Managements, die eigene Aktie sei unterbewertet, durch das ausgeweitete Rückkaufprogramm durchaus bestätigt.
Was bleibt, sind Unsicherheiten über die künftige Konzernstruktur. Es ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied: Nicht das operative Geschäft macht Barclays Sorgen, sondern die strategische Architektur des Konzerns.
Zahlen, die für sich sprechen
Diese Sorge um die Struktur wirkt fast paradox angesichts der Geschäftszahlen. Im zweiten Quartal erzielte die Deutsche Telekom einen Nettoumsatz von 29,9 Milliarden Euro, organisch wuchs das Geschäft um 3,3 Prozent. Das bereinigte EBITDA nach Leasing kletterte organisch um 7,3 Prozent auf 11,8 Milliarden Euro, der freie Cashflow legte um 3,1 Prozent auf 5,0 Milliarden Euro zu.
Der bereinigte Nettogewinn wuchs sogar um 11,1 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro. Auf Basis dieser Entwicklung hatte der Konzern vor rund zwei Wochen seine Jahresprognose bestätigt und den freien Cashflow für 2026 sogar leicht angehoben, von zuvor mehr als 19,8 Milliarden Euro auf nun rund 20,0 Milliarden Euro. Seither hat die Aktie um 7,0 Prozent zugelegt – ein Beleg dafür, wie stark der Markt operative Substanz honoriert.
Nicht alles läuft jedoch reibungslos. Bei der US-Tochter T-Mobile US drückten Integrationskosten im Zusammenhang mit der UScellular-Übernahme den ausgewiesenen Nettogewinn im zweiten Quartal um 6,3 Prozent auf 2,5 Milliarden Euro.
Und Ende Juli hatte T-Mobile US zudem eine Fusion abgelehnt, ein Rückschlag für Ambitionen, die Konzernstruktur in den USA neu zu ordnen – seither gab die Aktie um 2,2 Prozent nach.
Genau an diesem Punkt setzt die Skepsis von Barclays an: Solange offen bleibt, wie sich das transatlantische Beziehungsgeflecht zwischen Bonn und Bellevue künftig ordnet, bleibt ein Unsicherheitsfaktor im Kurs eingepreist.
Der Rückkauf als Antwort des Managements
Auf diese Unsicherheit hat der Vorstand mit einer klaren Geste reagiert: Am vergangenen Freitag beschloss er, das laufende Aktienrückkaufprogramm um bis zu 3 Milliarden Euro bis Jahresende aufzustocken.
Vom ursprünglichen Programm über 2 Milliarden Euro waren zu diesem Zeitpunkt bereits rund 1,2 Milliarden Euro umgesetzt, rund 42,1 Millionen Aktien hatte der Konzern eingesammelt. Seither hat die Aktie um 2,2 Prozent nachgegeben – ein Muster, das zeigt, dass selbst ein derart deutliches Signal der Unterbewertung nicht jede Skepsis am Kapitalmarkt zerstreut.
Parallel zu den großen strategischen Fragen treibt der Konzern sein Kerngeschäft im Netzausbau unbeirrt voran. Am 5. August erfolgte der Spatenstich für den Glasfaserausbau in Siegburg-Kaldauen, wo bereits rund 3.000 Haushalte und Unternehmen angeschlossen werden können, zusätzlich läuft der Ausbau in Esslingen für rund 15.000 Anschlüsse.
In Leutkirch im Allgäu begannen zudem die Bauarbeiten für einen neuen Mobilfunkstandort, dessen Inbetriebnahme für 2027 vorgesehen ist. Diese vielen kleinen Baustellen sind das eigentliche Fundament des Geschäftsmodells – unspektakulär, aber verlässlich.
Aktuell notiert die Aktie bei 28,37 Euro, ein Plus von 6,33 Prozent auf Monatssicht. Vom 52-Wochen-Hoch trennen sie dennoch 17,41 Prozent. Diese Lücke fasst die Gemengelage gut zusammen: Der Markt erkennt die operative Stärke an, wartet aber offenbar auf Klarheit in der Strukturfrage, bevor er dem Konzern die volle Bewertung wieder zutraut. Zwei Termine könnten hier Bewegung bringen – das für den 5. Oktober angesetzte KI-Investorentreffen und die Q3-Zahlen am 5. November.
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