Politischer Stillstand in Washington gilt an den Finanzmärkten selten als Schreckgespenst. Der deutliche Sieg der Demokraten bei den US-Zwischenwahlen hat den Aktienmärkten am Mittwoch deutliche Kursgewinne beschert, weil Investoren auf eine verlässlichere Politik und einen wirksamen Schutzwall für die Federal Reserve setzen. Während die Terminkontrakte auf den Nasdaq in der Wahlnacht zunächst um 2,5 Prozent nachgaben, schloss der Technologieindex den regulären Handel mit einem Plus von 1,4 Prozent.
Berechenbarkeit verdrängt Unsicherheit
Der Dow Jones kletterte um 3,0 Prozent und verbuchte damit seinen stärksten Handelstag seit April des Vorjahres. Der marktbreite S&P 500 legte parallel um 1,6 Prozent zu. Marktteilnehmer honorieren vor allem den Umstand, dass die künftige Aufteilung der Macht im Kongress radikale wirtschaftspolitische Vorstöße des Weißen Hauses erschwert.
Zusätzlichen Auftrieb brachte der Einbruch am Rohstoffmarkt. Die Preise für Rohöl der Sorten Brent und WTI fielen am Mittwoch um rund acht Prozent, was den Inflationsdruck lindert und die Renditen von Staatsanleihen nach unten drückte. Der Goldpreis stieg im Gegenzug um 3,5 Prozent und notierte wieder über der Marke von 4.000 Dollar je Unze.
Neuer Schutzschirm für die Notenbank
Für die amerikanische Notenbank bringt das Wahlergebnis eine spürbare Entlastung gegenüber politischer Einflussnahme. Die demokratische Mehrheit im US-Senat bildet künftig ein wirksames Hindernis gegen Bestrebungen von Präsident Donald Trump, weitere Parteigänger im siebenköpfigen Führungsgremium der Federal Reserve zu platzieren.
Auch das Vorhaben des Präsidenten, Fed-Gouverneurin Lisa Cook wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten bei privaten Hypothekenanträgen vorzeitig des Amtes zu entheben, verliert an Durchschlagskraft. Selbst wenn ein entsprechendes Verfahren eingeleitet würde, hätte ein vom Weißen Haus favorisierter Nachfolger im neu formierten Senat kaum Chancen auf eine Bestätigung.
Allerdings wächst für Fed-Chef Kevin Warsh der Rechtfertigungsdruck von anderer Seite. Die Kontrolle über die relevanten Ausschüsse wechselt zu den Demokraten, wobei Senatorin Elizabeth Warren den Vorsitz im Bankenausschuss übernehmen dürfte. Mit einer Arbeitslosenquote von 4,2 Prozent und einem annualisierten Wachstum von 3,4 Prozent im dritten Quartal präsentiert sich die amerikanische Wirtschaft zwar stabil. Eine Inflationsrate über dem Zielwert von zwei Prozent bietet der neuen Kongressmehrheit dennoch ausreichend Angriffsfläche für eine strengere Aufsicht.
Ihren stärksten Hebel erhalten die Demokraten über die Hoheit bei den Staatsausgaben. Spätestens bei den Verhandlungen über die Anhebung der gesetzlichen US-Schuldenobergrenze Ende 2027 werden Budgetfragen zur zentralen Verhandlungsmasse für politische Zugeständnisse.
